Sechstes Kapitel.

Das Ziel dieses Tages war das Dorf Umm Ruweik am Osthange des Drusengebirges. Da ich die Ungenauigkeit der Karte kannte, nahm ich einen von Mohammeds Neffen als Führer mit; er hieß Fāiz und war ein Bruder Gischgāschs, des Scheichs von Umm Ruweik. Ich hatte ihn mir am Abend vorher als das angenehmste Glied des ganzen angenehmen Kreises im Mak'ad auserkoren, und während unsrer viertägigen Bekanntschaft ereignete sich auch nicht der geringste Zwischenfall, der mich meine Wahl hätte bereuen lassen. Er war ein Mensch mit gänzlich verzeichnetem Gesicht: die Nase war schief, der Mund war schief, und niemand konnte ihm geradgestellte Augen nachsagen, aber sein Wesen war außerordentlich sanft und liebenswürdig, seine Unterhaltung klug, er war voll guter Ratschläge und wußte überall Abhilfe. Wir ritten am Abhang der Hügel dahin, und unablässig ruhte mein Auge sehnsüchtig auf der sich nach Osten hin ausbreitenden Steppe, wie auf einem verheißenen Lande, das mein Fuß nicht betreten sollte. Noch waren wir nicht weit gekommen, als Fāiz mir einen Plan entwickelte, wie wir unsre Tiere und Zelte in Umm Ruweik zurücklassen und einen Abstecher über die Safa nach der Ruhbeh zu der großen Ruine machen wollten, von der ich so viel Wunderbares gehört hatte, daß meine Phantasie gereizt war. In einem Augenblick hatte die Welt ein anderes Aussehen gewonnen, alles verhieß Erfolg: der blaue Himmel über mir und die goldenen Nebelschleier über der Ebene dort unten, die nicht länger unerreichbar vor mir lag.

Unser Weg führte schnell bergab; bereits nach einer halben Stunde waren wir aus dem Bereich von Schnee und Eis, die uns während der letzten 24 Stunden zur Plage geworden waren, und als wir nach einer weiteren halben Stunde den Wādi Busān erreichten, dessen flinkes Wasser ein Mühlrad drehte, hatten wir den Winter ganz hinter uns gelassen. Sāneh, ein blühendes Dorf am Nordufer des Wādi Būsan, enthielt einige schöne Proben haurānischer Architektur. So erinnere ich mich z. B. eines prächtigen Architravs, in den zwei Ranken, aus Trauben und Weinblättern bestehend, eingemeißelt waren, die zu beiden Seiten einer in der Mitte des Steines stehenden Vase herabfielen. Mit Sāneh hatten wir zugleich den äußersten Rand des Hochplateaus erreicht und sahen nun die Safa wie ein weites Meer unmittelbar unter uns liegen. Sonderbar mutete es uns an, daß ihre Oberfläche kohlschwarz wie ein schwarzes Zeltdach aussah, eine Eigentümlichkeit, die diese Steppe den Lavaschichten und vulkanischen Steinen verdankt, mit denen sie bedeckt ist. Hier und da bemerkte ich auch helle Flecke. Es waren dies, wie ich später entdeckte, Stellen, an denen die Tuffsteine zufällig fehlten, so daß die Erde zutage lag. Von den Arabern werden solche Stellen Beida, das Weiße Land, genannt, im Gegensatz zu Harra, dem aus Lava und erratischen Steinen gebildeten Schwarzen Land. In der Safa ist sowohl das Weiße als auch das Schwarze Land unfruchtbar, obgleich Beida oft im Sinne von Kulturland gebraucht wird.

Die Mauern von Kanawāt.

Die Safa erstreckte sich bis zu einer dunklen Masse kleiner Vulkane, die fast direkt nach Norden und Süden lagen, deren Höhe uns aber kaum bewußt wurde, da wir so hoch über ihnen standen. Jenseits derselben erblickten wir eine weite Beidafläche, die Ruhbehsteppe. Nach Osten und Süden hin aber zeigten sich am unermeßlich fernen Horizont einige niedrige Vulkankegel, die letzten Ausläufer des Haurāngebirges und der Anfang der großen Hamad, der wasserlosen Wüste, die sich bis Bagdad ausdehnt. Nach Norden zu liegen die Hügel von Dmer und noch weiter nördlich ein zweiter Höhenzug, der das zehn Meilen breite, nach Palmyra führende Tal säumt, jenseits aber bis an den Antilibanon heranreicht, dessen schneebedeckte Häupter über der Wüstenstraße nach Homs sich am Himmel abzeichneten. Wir wandten uns ostwärts nach Schibbekeh, einem merkwürdigen Orte, der am Rande eines Tales erbaut war, dessen ganzer Nordhang wabenartig mit Höhlen durchsetzt ist, und dann nordwärts nach Scheikhly und Rameh. Beide Orte liegen am Südrande des eine tiefe Schlucht bildenden Wādi esch Schām; an demselben Flusse finden wir weiter abwärts die östlichsten aller bewohnten Dörfer, Fedhāmeh und Edj Djeida. Alle Niederlassungen auf dieser Seite des Gebirges tragen das Gepräge außerordentlich hohen Alters. Die Höhlendörfer müssen schon lange vor der nabathäischen Zeit bestanden haben; möglicherweise datieren sie sogar zurück bis in die graue, vorgeschichtliche Zeit des King Og oder des Volkes, das hinter seinem Namen steht, wo ganze Städte in die Felsen hineingehauen, — das berühmteste Beispiel ist Dera'a in der Haurānsteppe, südlich von Mezērib. Muschennef ließen wir westlich liegen, nicht ohne Bedauern meinerseits, denn in der großen Dorfzisterne spiegelt sich der schönste Tempel im Djebel Druz, der selbst von den prächtigen Baudenkmälern in Kanawāt nicht an Schönheit übertroffen wird. Das nördlich vom Wādi esch Schām liegende El Adjlād ist auf dem Gipfel eines so hohen Tells erbaut, daß es die Februarschneegrenze erreicht. Von hier aus führt ein zweites Tal hinab in die Safa, an dessen unterm Ende eine Ruine mit einer Inschrift liegen soll, aber ich konnte sie nicht besuchen. Gegen 4 Uhr nachmittags kamen wir in Umm Ruweik an, und wir errichteten unsre Zelte am Rande der Hochebene, so daß ich durch meine offene Zelttür die Safa in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken konnte.

Basilika, Kanawāt.