Scheich Gischgāsch war ganz Liebenswürdigkeit. Sicherlich konnte ich in die Steppe Ruhbeh hinüberreiten, wenn ich mich nur von ihm, seinem Sohne Ahmed und Fāiz begleiten lassen wollte. Den Vorschlag, eine größere Eskorte mitzunehmen, wies er voll Hohn von sich. Beim Himmel, die Ghiāth waren seine Diener, seine Leibeignen, und würden uns aufnehmen, wie es den Edlen gebührt, und uns das prächtigste Unterkommen anweisen. Ich speiste mit Gischgāsch, der keine Weigerung gelten ließ, und lernte ihn als einen gutmütigen, ruhmredigen, beschränkten und gesprächigen Menschen kennen, dessen ganzes Geschwätz nicht so viel wert war, wie ein einziger Satz von Fāiz. Der letztere war ziemlich schweigsam, auch Ahmed sprach nicht viel, aber das wenige war verständig und hörenswert. Gischgāsch erzählte Wunderdinge von der Safa und von dem, was sie enthielt. Außer den bereits bekannten Ruinen war nichts darin zu finden, wie er sagte, aber wenn man eine Tagereise ostwärts von der Ruhbeh ritt, würde man an einen Steinbruch und ein verfallenes Kastell kommen, das der Weißen Ruine von Ruhbeh, unserm jetzigen Ziele, ganz ähnlich, nur kleiner und weniger gut erhalten war. Darüber hinaus aber erstreckte sich die Hamad, ganz ohne Wohnungen und Ruinen, die große Wüste, die selbst die tapfersten Araber im Sommer wegen gänzlichen Wassermangels verlassen mußten. Mein Herz verlangte nach der geheimnisvollen Ruine östlich der Ruhbeh, die wahrscheinlich noch keines Reisenden Auge erblickt hatte, aber die Reise war zu weit, als daß man sie ohne Vorbereitungen, nur auf die Eingebung eines Augenblicks hin, hätte unternehmen können. »Wenn Sie das nächste Mal wiederkommen, meine Dame —«. Ja, wenn ich wiederkomme. Aber bei einer zweiten Gelegenheit werde ich mich nicht wieder auf die üppige Verpflegung der Ghiāth verlassen.

Tempel, Kanawāt.

Nach einer Beratung beschloß ich, Michaïl und Habīb mitzunehmen, den letzten auf seine ausdrückliche Bitte. Er wollte sein bestes Maultier reiten, versicherte er, das mit jedem Pferd Schritt halten und außerdem noch die Decken und die fünf Hühner tragen würde, die wir als Ergänzung der Gastfreundschaft der Ghiāths mitnahmen. Ich hatte einen Pelzmantel hinter meinem Sattel aufgeschnallt, und die Satteltaschen bargen wie gewöhnlich eine Kamera und ein Notizbuch. Ungefähr eine Stunde lang ritten wir steile Abhänge hinab. Unterwegs gesellten sich drei weitere Drusen zu Pferde zu uns. Ich bemerkte wohl, daß die Scheichs sie der von ihnen selbst vorgeschlagenen Eskorte noch zugefügt hatten, machte aber keine Bemerkung. Einer der drei war ein Verwandter von Gischgāsch, mit Namen Chittāb; er war mit Oppenheim gereist und erwies sich als ein angenehmer Gesellschafter. Wir ritten durch das zu Gischgāschs Dorf gehörige Ackerland und dann fast ganz kahle Hänge hinab, die trotzdem den von Arabern gehüteten Herden noch genug Weide boten, und betraten am Fuße des Berges ein flaches, steiniges Tal, in dem sich eine kleine Niederlassung und noch weitere Schafherden befanden, die ihre armselige Nahrung zwischen dem Geröll suchten. Eine Stunde lang wand sich das Tal zwischen vulkanischen Felsen dahin, dann betraten wir die große Einöde der Safa. Sie ist fast ganz eben. Die Oberfläche zeigt flache, sanft gebogene Wellen, gerade tief genug, um dem in der Senkung befindlichen Reiter den Ausblick auf die Landschaft zu verwehren. So kann eine Stunde oder mehr vergehen, ohne daß er mehr sieht, als rechts und links, wenige Fuß über seinem Haupte, die einen schmalen Himmelsstrich begrenzende schwarze Steinlinie. Die Wellen sind planmäßig angeordnet; sie bilden fortlaufende wasserlose Täler, deren jedes dem Araber mit Namen bekannt ist. Wellental sowie Wellenberg sind mit vulkanischen Steinen bedeckt, die an Größe von sechs Zoll bis zu einem Meter Durchmesser und mehr variieren. Wo sie Lücken lassen, sieht man den harten, gelben Boden durchschimmern, auf dem sie liegen, und der an Farbe dem Seesande gleicht. Ganz spärlich drängt sich eine kümmerliche Flora durch die Steine, Hamad und Schih und Hadscheineh, hier und da auch ein winziges Geranium, Tulpenblätter oder die Sternchen des Knoblauchs; im allgemeinen aber liegen die Steine so eng aneinander, daß auch das schlankste Pflänzchen nicht Platz dazwischen findet. Schwarz, glatt und eckenlos sind diese Steine, als wären sie in einem Wasserlauf abgeschliffen worden; wenn die Sonne scheint, flimmert die Luft über der Steppe wie über einer Fläche geschmolzenen Metalls, und im Sommer läßt sich dieser Vergleich noch weiter ziehen, denn die erbarmungslose Glut soll fast unerträglich sein. Ganz unmöglich wäre es, über die Safa zu kommen, wenn sie nicht von zahllosen kleinen Pfaden durchkreuzt würde. Sie sind so schmal und undeutlich, daß der Reiter sie zunächst gar nicht bemerkt, bald aber wundert er sich, warum vor ihm und seinem Tier gerade noch Platz genug zum Weiterschreiten ist, und sieht ein, daß er einen Weg verfolgt. Die wandernden Füße zahlloser Generationen haben die Tuffsteine ganz allmählich zur Seite geschoben und es möglich gemacht, durch dieses Steinmeer zu reisen.

Tor der Basilika, Kanawāt.

Wir folgten der Bodensenkung Ghadīr el Gharz und trafen nach zwei Stunden auf einen zerlumpten Menschen, der den Namen Gottesherz führte. Er war außerordentlich erfreut, uns zu sehen, dieser Gottesherz, denn er war ein langjähriger Freund der Familie (wenigstens 80 Jahre, sollte ich meinen), und groß war sein Staunen, als er mich in der Kavalkade entdeckte. Damit hörte seine Verwunderung aber auch schon auf, denn daß ich Engländerin sei, wie sie ihm sagten, machte keinen Eindruck auf ihn, da sein Gemüt mit den Namen und der Geschichte fremder Völker gänzlich unbelastet war. Wir erfuhren von ihm, daß wir Wasser ganz in der Nähe und arabische Zelte in einer Entfernung von höchstens zwei Stunden finden würden, dann wünschte er Gischgāsch Gottes Frieden, und möge auch die Fremde bei ihm in Frieden ziehen. Was die Zelte anbetraf, so hatte er gelogen, dieser Gottesherz, oder wir hatten ihn falsch verstanden, aber das Wasser fanden wir in Gestalt eines schlammigen Tümpels, an dem wir in Gesellschaft einer Kamelherde frühstückten. Europäischen Anforderungen entsprechendes Trinkwasser gibt es in der Safa ebensowenig wie im Djebel Druz. Gebirgsquellen im letzteren sind unbekannt, der Wasservorrat wird in offenen Löchern gesammelt, und der Reisende kann sich glücklich preisen, wenn ihm nicht eine Flüssigkeit zum Trinken geboten wird, in der er eben Kamele und Maultiere sich hat wälzen sehen. Im besten Falle ist das Wasser wenigstens stark mit Fremdstoffen versetzt, die selbst das Kochen nicht entfernt, wenn es sie auch verhältnismäßig unschädlich macht. Tee, der mit dieser Flüssigkeit bereitet worden, ist dick und von eigenem Geschmack; er sieht aus wie trüber Kaffee und hinterläßt einen Bodensatz in der Tasse. Michaïl führte für mich einen irdenen Krug mit gekochtem Wasser von Quartier zu Quartier mit, und da ich mich konsequent weigerte, unterwegs aus etwaigen Tümpeln und Wasserlöchern zu trinken, zwang ich ihn, diese Vorsichtsmaßregel auch während meiner Reise durch die Safa fortzusetzen. Er und die Drusen und die Maultiertreiber tranken, gleichviel ob in der Wüste oder im Gebirge, alles, was ihnen vor Augen kam, und schienen keine üblen Folgen davon zu verspüren. Wahrscheinlich waren die Keime, die die Männer bei ihrem leichtsinnigen Trinken hinabschluckten, so zahlreich und tatkräftig, daß sie genug zu tun hatten, einander umzubringen.

Weiter und weiter ritten wir, über alle Steine der Welt. Selbst Gischgāsch verfiel in Schweigen oder sprach nur, um seine Verwunderung auszudrücken, daß wir die Zelte der Ghiāth noch immer nicht erreichten. Chittāb war der Meinung, daß wir sie schon sehen würden, wenn wir den Kantarah, den Bogen, erreichten, und ich spitzte die Ohren bei der Erwähnung eines Namens, der auf irgend ein Bauwerk schließen ließ. Aber der Kantarah war nichts als eine nur wenig über ihre Umgebung hervorragende Erhöhung, die eben so steinig war, wie alles übrige. Solcher Hügel gibt es viele, meist führt ein Pfad zur Spitze, den die Araber auf dem Bauche liegend hinaufrutschen, um nach Feinden Umschau zu halten. Sie selbst sind dabei durch den kleinen schwarzen Steinhaufen verdeckt, der als bleibende Bastion auf dem Gipfel errichtet worden ist. Im Sommer wimmelt die Safa von Räubern. Große Stämme, wie die 'Anazeh, durchstreifen sie, führen bald im Norden, bald im Süden einen plötzlichen Streich gegen irgend einen Feind und quälen die Ghiāth im Vorbeigehen. Da es in der unvergleichlichen Glut der Steinwüste nur sehr wenig Wasserplätze gibt, sind sowohl die Räuber als auch diejenigen Ghiātharaber, die noch in der Safa zurückgeblieben, gezwungen, in der Dämmerung die gleichen schlammigen Löcher aufzusuchen: kein Wunder, daß die Tage und Nächte der Ghiāth durch beständige Furcht vergällt werden, bis endlich die großen Stämme wieder ostwärts in die Hamad ziehen. Auch von dem Kantarah aus erblickten wir keine Spur von Zelten, und es begann immer wahrscheinlicher zu werden, daß wir mitten in den Steinen unter dem frostklaren Himmel eine wasserlose Nacht würden verbringen müssen, als ungefähr eine Stunde vor Sonnenuntergang Chittāb plötzlich nach Nordwesten hin Rauch von Lagerfeuern entdeckte. Wir ritten ein gut Stück zurück, so daß der von uns zurückgelegte Weg schließlich einen Halbkreis bildete, und erreichten die Zelte gerade nach Einbruch der Nacht nach einer neunstündigen Tagereise. Mit den Ziegen und Kamelen, die eben von ihrer mühseligen Tagesweide heimkehrten, stolperten wir über die Steine mitten in das kleine Lager hinein, das so ärmlich aussah und doch so sehnsüchtig von uns herbeigewünscht worden war. Ein paar Hundert Pfund würden ein schöner Preis für alle irdischen Güter der Ghiāth sein, sie besitzen nichts als die schwarzen Zelte, ein paar Kamele und ihre Kaffeetöpfe, und hätten sie mehr, es würde ihnen bei einem sommerlichen Raubzuge genommen werden. Sie leben ausschließlich von Brot — Schirak, den dünnen, braunem Packpapier ähnelnden Kuchen — und wandern während ihres ganzen Lebens in beständiger Todesangst zwischen den Steinen umher; verhältnismäßig sicher sind sie nur in den wenigen Monaten, die sie auf den Weiden des Djebel Druz verbringen.

Tempel von Maschenneh.