Da wir eine große Gesellschaft waren, zerstreuten wir uns; Gischgāsch, meine Diener und ich begaben uns in das Haus des Scheichs, der den Namen »Weisheit« führte. Seine zwei Söhne, Mohammed und Hamdān, zündeten ein Feuer aus Reisig und Kameldünger an, das ganz abscheulich rauchte. Mohammed, als der Älteste, machte die Honneurs. Mit großem Geschick ließ er die Mörserkeule singen und schlug lustige Wirbel auf der Mörserwand. Er hatte ein schmales, dunkles Gesicht, und seine weißen Zähne blitzten, wenn er lächelte; seine höchst luftige Kleidung bestand aus schmutzigen, weißen Baumwollgewändern, ein baumwollenes Tuch fiel von der Kamelhaarschnur auf seinem Kopf bis auf die nackte Brust hernieder, und er sprach in harten, nur schwer verständlichen Gutturaltönen. Unsre Mahlzeit bestand aus Schirak und Dibs; die Ghiāth sind zu arm, um ein Schaf für ihren Gast zu schlachten, und wäre er selbst eine so wichtige Persönlichkeit wie Gischgāsch. Der letztere war in seinem Element und benahm sich wie ein echter Narr. Er brüstete und blähte sich vor Stolz, kämmte seinen langen Bart vor den bewundernden Blicken seiner Wirtsleute und sprach unaufhörlich bis in die Nacht hinein — dummes Geschwätz, schien es mir, die ich mich sehnte, schlafen zu können. Mit meinem Sattel als Kopfkissen und einem Plaid als Zudecke lag ich in einer Ecke an der Sāhah, der Wand, die das Frauengemach abtrennt, und lauschte bald dem nicht besonders erbaulichen Gespräch, bald verwünschte ich den scharfen, beißenden Rauch. Um die Mitte der Nacht weckte mich der Mond, der mit frostigem Glanz in das Zelt schien. Das Feuer war niedergebrannt, der Rauch hatte sich verzogen, die Araber und Drusen lagen schlafend um den kalten Herd; friedlich standen einige Pferde an der Zeltstange und schauten mit klugen Augen auf ihre Herren, während weiter draußen ein Kamel wiederkäuend zwischen den Steinen lag. Die fremdartige schweigende Schönheit einer Szenerie, die so alt ist wie die Welt selbst, machte einen wunderbaren Eindruck auf mich und hielt meine Phantasie gefesselt, als ich schon wieder in Schlaf gesunken war.
Noch vor Tagesanbruch war es Michaïl gelungen, mir über dem launischen Reisigfeuer eine Tasse Tee zu bereiten, und als die Sonne aufging, stiegen wir in den Sattel, denn wir hatten einen weiten Weg vor uns. »Gottes gütige, unerforschliche Vorsehung« hatte die Steppe in wunderbare Schönheit gekleidet; die aufgehende Sonne, der wir entgegenritten, umgab jeden Stein mit einem goldenen Schein, in klaren, scharfgeschnittenen Linien zeichnete sich die ostwärts liegende Vulkanreihe vom wolkenlosen Himmel ab, und im Nordwesten erglänzten die Schneegipfel des Antilibanon und Hermon in blendender Weiße und bildeten einen scharfen Kontrast zu dem funkelnden Schwarz des Vordergrundes. Einer der Araber hatte sich uns als Führer zugesellt; 'Awād war sein Name. Er ritt ein Kamel und unterhielt sich von diesem erhabenen Standpunkt aus durch ein lautes Schreien mit uns, als wolle er damit den unendlichen Abstand zwischen rākib und fāris, Kamelreiter und zu Pferde Sitzenden, überbrücken. Wir zitterten alle vor Frost, als wir durch den kühlen Morgen dahinzogen, 'Awād aber machte einen Scherz aus diesem Übel, indem er von seinem Tier herunterrief: »Meine Dame, meine Dame, wissen Sie, warum ich so friere? Weil ich zu Hause vier Frauen habe!« Die anderen lachten, denn er stand im Rufe, ein wenig Don Juan zu sein, und die Kapitalien, die ihm zu Gebote standen, kamen seinem Harem mehr als seinem Kleiderschrank zugute.
Schnell erreichten wir wieder den Ghādir el Gharz. Nach einem zweistündigen Ritt kreuzten wir eine Erhebung südwestlich der Tulūl es Safa, der Vulkanlinie, und sprengten über eine beträchtliche Strecke steinlosen, gelben Sandes Beida, bis wir das Südende des Lavastromes erreichten. Die Lava lag zu unsrer Linken wie ein schrecklicher, gespenstischer See, der nicht sowohl gefroren, als vielmehr plötzlich erstarrt schien, als hätte ihn irgend ein großer Schreck mitten im Laufe aufgehalten und den Ausdruck der zurückschreckenden Furcht auf seiner Oberfläche versteinert. Aber das war lange, lange her, daß eine mächtige Hand den Wogen des Tulūl es Safa das Gorgonenhaupt vorhielt. Sonne, Frost und Jahrtausende hatten das ursprüngliche Aussehen der Vulkane inzwischen verändert, hatten die Lavaströme zerrissen, die Abgründe zugeschüttet und die charakteristischen Züge der Hügel verwischt. Ein oder zwei Terpentinbäumchen hatten sich in den Spalten angesiedelt, aber als wir vorübergingen, waren sie noch kahl und grau, und trugen nicht dazu bei, den allgemeinen Eindruck der Öde und Leblosigkeit zu beheben.
Während wir diese Grenzen des Todes umritten, wurde ich gewahr, daß wir einen Pfad verfolgten, der fast ebenso alt sein mußte wie die Berge selbst; ein kleiner Zeuge der Weltgeschichte führte uns mitten durch dieses verödete Stück Land. 'Awād sprach wiederholt von einem Stein, den er El 'Ablā nannte, ein Wort, das einen weithin sichtbaren, weißen Felsen bezeichnet, aber ich war so sehr an Namen gewöhnt, deren Bedeutung nicht zutraf, daß ich 'Awāds Worten keine Aufmerksamkeit schenkte, bis er plötzlich sein Kamel anhielt und ausrief:
»O meine Dame, das ist er! Bei Gottes Angesicht, das ist El 'Ablā!«
Es war nicht mehr und nicht weniger als ein Brunnenstein. Wo das Seil gelaufen war, befand sich ein mehrere Zoll tiefer Einschnitt, ein Beweis, daß der Brunnen lange Zeit gedient haben mußte, denn dieser schwarze Stein ist sehr hart. Dicht daneben stand ein großer Steinhaufen und noch zwei weitere, und so zwei bis drei in jeder Viertelmeile Wegs. Näheres Hinschauen überzeugte mich, daß sie erbaut, nicht aufeinandergehäuft waren. Schätzesuchende Araber hatten einige geöffnet; nach Entfernung der oberen Steinschichten zeigte sich ein flacher, viereckiger, aus halbzugehauenen Steinen erbauter Raum. 'Awād sagte, daß man seines Wissens nie etwas darin gefunden, und daß ihm unbekannt, was sie früher enthielten. Vermutlich waren die Steinhaufen als Wegzeichen der alten, durch dieses Steinmeer führenden Wüstenstraße errichtet worden. Einige Hundert Meter weiter hielt 'Awād wieder an einigen, kaum über die Oberfläche hervorragenden schwarzen Felsen. Sie glichen den offenen Seiten eines Buches, in das alle vorüberziehenden Nationalitäten ihre Namen eingetragen, sei es in der griechischen, cufischen, arabischen oder auch in jener seltsamen Sprache, die die Gelehrten Safaitisch nennen. Als die letzten hatten auch die ungelehrten Beduinen ihre Namenszeichen eingekritzelt.
‚Schureik, Sohn des Naghafat, Sohn des Nafis, Sohn des Numan,’ lautete die eine Inschrift, und eine andere: ‚Buchalih, Sohn des Thann, Sohn des An'am, Sohn des Rawak, Sohn des Buhhalih. Er fand die Inschrift seines Onkels und sehnte sich, ihn zu sehen.’ Eine weitere auf einer Deckplatte befindliche habe ich nicht genau genug kopiert, um ihre Bedeutung mit Sicherheit angeben zu können. Sie enthält wahrscheinlich zwei durch ibn verbundene Namen, ‚Sohn des’. Über den Namen befinden sich sieben gerade Linien, die nach Dussauds geistreicher Auslegung die sieben Planeten darstellen sollen[6]. Die griechischen Schriftzeichen ergaben das Wort Hanelos, das heißt Johannes; es ist ein semitischer Name, den sein Inhaber wahrscheinlich deshalb in dieser fremden Sprache eingezeichnet, weil er sie während seines Dienstes unter den römischen Adlern erlernt hatte. Die kufischen Worte sind fromme Wünsche, die den Segen des Himmels auf den Reisenden herabflehen, der hier innegehalten, um sie einzugraben. So hat jeder einen seiner Art entsprechenden Bericht hinter sich gelassen, um dann im grauen Nebel der Zeit zu verschwinden, und außer diesen wenigen Strichen auf den schwarzen Felsen wissen wir nichts von seinem Volk und seiner Lebensgeschichte, nichts von dem Vorhaben, das ihn in das unwirtliche Ghādir el Gharz geführt hat. Die Sätze, die ich niederschrieb, kamen mir vor wie feine Stimmen aus einer längstvergessenen Vergangenheit; selbst Orpheus mit seiner Laute hätte den Steinen kein deutlicheres Zeugnis über die toten Generationen entlocken können. In der ganzen Safa raunt und flüstert es; geisterartig flattern diese Namen in der flimmernden Luft über den Steinen und rufen in den verschiedensten Zungen ihren Gott an.
[6] Dussaud, wissenschaftliche Mission, S. 64. Die Übersetzungen der Inschriften verdanke ich Dr. Littmann, der meine ersten Kopien der Originale in seinem Werk »Semitische Inschriften« veröffentlichen wird.
In Eile nur konnte ich die Inschriften niederschreiben, denn wir hatten an dem Tage keine Zeit zu verlieren. Ungeduldig umstanden mich die Drusen, und 'Awād rief: »Jallah, jallah! ya sitt!« was so viel heißt wie: »Mach' schnell!« Weiter zogen wir bis an die Ostgrenze der Safa, umritten das Ende des Lavastromes und sahen die weite, gelbe Ebene der Ruhbeh vor uns. Vom Djebel Druz aus hatte ich gesehen, daß diese Steppe sich sehr weit nach Osten hin erstreckt, jetzt aber erschien sie uns nicht mehr als ungefähr eine halbe Meile breit und wurde von einem herrlichen blauen, in duftigem Nebel liegenden See begrenzt. Inseln gleich erhoben sich die fernen kleinen Vulkane aus dem Wasser, in dem ihr Spiegelbild zitterte; je mehr wir uns aber dieser lockenden Flut inmitten der Wüste näherten, um so mehr wichen ihre Gestade zurück, denn es war nur ein visionäres Meer, dem wir zueilten, in dem höchstens die visionären Besucher der Wüste ihren Durst löschen können. Endlich erblickten wir am Fuße der Lavahügel einen grauen Turm, und in der Ebene davor einen weißen, mit einer Kuppel versehenen Tempel, die Chirbet (Ruine) el Beida und den Mazār (Tempel) des Scheich Serāk. Der letztere hat sein Amt als Hüter der Ruhbeh von Zeus Saphatenos geerbt, der seinerzeit der direkte Nachfolger des Gottes El, der ersten Gottheit der Safa, war. Er hat über die Saaten zu wachen, die die Araber in guten Jahren um die Wohnung seiner Seele säen; er wird von den Moslemiten sowie auch von den Drusen angebetet, die ihm zu Ehren ein wohlbesuchtes jährliches Fest veranstalten, das ungefähr 14 Tage vor meiner Ankunft abgehalten worden war. Der Tempel selbst ist ein Gebäude im haurānischen Stil, sein Steindach wird von Querbalken getragen. Über dem Tor befindet sich ein mit Steinmeißeleien verzierter Querpfosten aus den Ruinen der Weißen Burg.