Kal'at el Beida.

Kaum vermochte ich so lange an dem Tempel zu verweilen, bis alle meine Leute zusammengekommen waren, so sehr zog es mich nach der Kal'at el Beida hin. Chirbeh oder Kal'at, Ruine oder Burg, beide Namen werden ohne Unterschied von den Arabern gebraucht. Ich verließ die Drusen — mochten sie dem Zeus Saphatenos, oder wer es sonst war, die ihm gebührende Verehrung bezeigen — und sprengte hinüber nach dem Rande der Lavafläche. Ein tiefer Graben trennte mich von ihr, der so tief mit Wasser gefüllt war, daß ich nur mit Hilfe einer leichten Bretterbrücke hinüberkonnte; ich vertraute mein Pferd Habīb an, der hier sein Maultier tränkte, dieses wunderbare Maultier, das es an Schnelligkeit den Pferden gleichtat, und eilte über die rissige Lava in den Festungshof. Einige Araber schlenderten darin umher, schenkten mir aber ebensowenig Beachtung, wie ich ihnen. Das war es also, das berühmte Kastell, das ein erstorbenes Land vor einem unbevölkerten schützt, die Safa vor der Hamad. Wie der gespenstische Zufluchtsort einer ganzen Welt von Geistern erscheinen mir diese Mauern aus sorgfältig behauenen Steinen, die sich grauweiß schimmernd auf der weißen Plattform erhoben. Wessen Hand sie errichtete, wessen Kunst die Arabeskengewinde auf den Türpfosten und Querbalken bildete, wessen Auge wachehaltend vom Turm herabblickte, kann noch nicht mit Gewißheit festgestellt werden. Hanelos und Schuraik und Buchalih haben vielleicht nach dem Kastell ausgeschaut, als sie aus dem Wādi el Gharz heraustraten; vielleicht hat Gott El es unter seinen Schutz genommen, vielleicht sind die Gebete des Wächters auf dem Turme irgend einem fernen Tempel zugeeilt und den Göttern der Griechen oder Römer dargebracht worden. Tausend unbeantwortete, unbeantwortbare Fragen fliegen dir beim Überschreiten der Schwelle blitzartig durch den Sinn.

Kal'at el Beida.

De Vogüé sowohl als auch Oppenheim und Dussaud haben die Ruine el Beida beschrieben, und wen es interessiert, der mag wissen, daß sie aus einer rechtwinkeligen Umfriedigung besteht, die in jeder Ecke einen runden Turm trägt. Zwischen den Türmen befindet sich eine runde Bastion und ein viereckiges, inneres Gefängnisgebäude an der Südmauer. In die Türpfosten sind prächtige Muster in Schlangenlinien eingemeißelt: Arabesken, Blumen und Blätter mit schreitenden Tieren dazwischen. Die obengenannten Forscher halten die Ruine für eine Grenzfestung der Römer, die aus der Zeit vom 2. bis 4. Jahrhundert stammt. Mit absoluter Sicherheit aber können wir nichts über die Entstehung behaupten, ebensowenig wie über die unweit davon liegenden Ruinen im Djebel Sēs, oder über Mschitta oder über irgend ein Gebäude der westlichen Wüste. Sie alle ähneln einander und zeigen doch wieder bedeutende Unterschiede, wie ja auch die Kal'at el Beida und die Architektur des Haurān Gemeinsames haben. Welcher Bildhauer des Gebirges aber würde seine Phantasie so von allen klassischen Regeln haben abweichen lassen, wie der Mann, der Abbildungen von Wüstentieren über die Tore der Weißen Burg setzte? Ein Etwas, das der benachbarten Kunst fremd ist, geht durch diese Architektur, ein wilderer, freierer Zug, der weniger geschult, roher, wahrscheinlich auch älter ist als der Geist, der die Steinmeißelungen von Mschitta schuf. Vorläufig sind alles Vermutungen; mag auch die Wüste uns ihre Geheimnisse ausliefern, mag man auch die Geschichte der Safa und der Ruhbeh aus den beschriebenen Felsen zusammensetzen, noch müssen viele Reisen, noch viele Ausgrabungen an den syrischen Grenzen, vielleicht auch in Hiran oder Jemen vorgenommen werden. Nur bemerken will ich noch, daß die Gebäude der Kal'at el Beida, so wie sie jetzt sind, unmöglich ein und derselben Periode angehören können. Das Gefängnis ist sicher jüngeren Datums als die Zwischenwände im Kastell. Während zu den letzteren Mörtel verwendet worden ist, wie zu dem römischen Fort in Kastal und der Festung in Muwaggar, besteht das Gefängnis aus trocknem Mauerwerk, wie es im Haurān üblich ist, und zeigt bildergeschmückte Steine eingefügt, die sicherlich nicht für den Zweck, dem sie jetzt dienen, hergestellt wurden. Selbst die Verzierungen am Haupttore des Gefängnisses bestehen aus entliehenen Steinen; die beiden übereinanderliegenden Steine des oberen Querbalkens passen weder zueinander noch zu dem Türrahmen. Jedoch wage ich daraus keinen weiteren Schluß zu ziehen, als daß beide Vermutungen der Archäologen über den Ursprung der Ruine richtig sein können, daß sie ein römisches Lager und zugleich eine Ghassanidenfestung gewesen ist.

Gefängnistür, Kal'at el Beida.

Der Rand des Lavaplateaus ragt einige Fuß über die Ebene hinaus. Längs dieser natürlichen Schanze befinden sich noch andere Gebäude, aber keins kommt an architektonischem Interesse der Weißen Burg gleich. Ihre Mauern bestehen aus sorglos aufgeschichteten, viereckigen Lavablöcken ohne Mörtel, während die Burg aus einem grauweißen Gestein hergestellt wurde, das teilweise mit Mörtel verbunden ist. Das einzige bedeutendere Gebäude, das ich besichtigte, lag etwas nördlich; sein Dach hatte nach haurānischer Art aus Steinplatten bestanden, die auf querlaufenden Bogen ruhten. In Zwischenräumen standen längs der Lava auch kleine Türme wie Schilderhäuschen, die den Zugang zu der Burg schützten und ebenfalls aus trocknem Mauerwerk bestanden, das heißt, ohne Mörtel geschichtet waren.