Simse aus der Kal'at el Beida und aus Palmyra.
Der aufrechtstehende Steinblock stammt aus dem Kal'at el Beida.
Eine Rast von wenigen Stunden war alles, was wir uns gestatten konnten, denn wollten wir die Nacht nicht in der offnen Safa verbringen, mußte uns vor Einbruch der Dämmerung unser Ghiāthlager wieder in Sicht sein. Rasch verzehrten wir die Reste der fünf von Umm Ruweik mitgebrachten Hühner — sie waren mit den Röhren der wilden Zwiebel gewürzt, die 'Awād in der Lava gefunden hatte — und traten dann den Heimweg an. Wir legten die 4¾stündige Wegstrecke gerade in der richtigen Zeit zurück, das heißt, wir sahen den Rauch der Lagerfeuer, noch ehe es dunkelte, und richteten uns danach. Über eine Anzahl freier Plätze gelangten wir schließlich zu den Zelten. Diese gesäuberten Stellen in der Wüste sind die Marāh (frühere Lagerplätze) der 'Anazeh, die ihre Zelte in der Safa aufzuschlagen pflegten, ehe die Drusen sich vor mehr als hundert Jahren im Gebirge niederließen. Wenigstens ein Jahrhundert lang sind also diese Marāh sichtbar geblieben und werden es noch viele Jahrhunderte lang sein. Es blies ein kalter Wind an diesem Abend, und obgleich die Hauptwand des Zeltes so gedreht war, daß sie uns schützte, verbrachten wir doch eine recht ungemütliche Nacht. Mehrere Male weckte mich die Kälte und brachte mich dadurch zum Bewußtsein eines Gefühles, als hätte ich mich auf einen Ameisenhaufen schlafen gelegt. Wie es die Araber ermöglichen, in ihren Habseligkeiten so viele Flöhe zu beherbergen, ist mir ein unlösbares Rätsel. Außer den Zeltwänden bleibt den Tierchen wirklich kein passender Zufluchtsort, und wenn diese Wände herabgenommen werden, so müssen sie tatsächlich eine weit über die gewöhnliche Flohgeschicklichkeit und -behendigkeit hinausgehende Kunstfertigkeit zeigen, um sich mit zusammenpacken und an den nächsten Lagerplatz bringen zu lassen, aber daß sie dieser Aufgabe gewachsen sind, weiß jeder, der eine Nacht in solchem Haarhause zugebracht hat. Nach den zwei Nächten bei den Ghiāth erschienen unsre Zelte, die wir am nächsten Nachmittag wieder erreichten, ein wahres Paradies von Luxus, und ein Bad der Gipfel eines sybaritischen Lebens, selbst wenn man es bei einer Temperatur von mehreren Grad unter dem Gefrierpunkt nehmen mußte.
Tor, Schakka.
Auf unsrer Heimreise ereignete sich ein Zwischenfall, der des Erzählens wert ist, da er die drusischen Sitten charakterisiert. Dieses Volk wird, wie schon früher erwähnt, in Eingeweihte und Uneingeweihte eingeteilt. Für den Fremden besteht der Hauptunterschied zwischen beiden darin, daß die Eingeweihten sich des Tabakgenusses enthalten; so hatte ich an dem in Sāleh verbrachten Abend bemerkt, daß kein Glied von Mohammed en Nassārs Familie rauchte. Ich war daher nicht wenig erstaunt, als Fāiz, sobald er sich mit Michaïl und mir allein befand, den ersteren um eine Zigarette bat. Auf meine Entschuldigung, ihm nicht schon früher eine angeboten zu haben, weil ich geglaubt, daß ihm das Rauchen verboten sei, blinzelte Fāiz mit seinen schiefen Augen und erwiderte, daß es wohl an dem sei, und daß er auch in Gegenwart eines anderen Drusen keine Zigarette annehmen würde, da aber keiner seiner Religionsgenossen anwesend, fühle er sich frei zu tun, was ihm beliebe. Er bat mich jedoch, seinem Bruder gegenüber dieses seines Sprunges vom Pfade der Tugend nicht zu erwähnen. In dieser Nacht schmiedete ich im Mak'ad von Umm Ruweik mit den drei Scheichs noch manchen Plan zur weiteren Erforschung der Safa; wir setzten die Zahl der mitzunehmenden Kamele fest, ja bestimmten sogar die Geschenke, mit denen ich am Ende der Reise meine Begleiter belohnen sollte. Wenn mir die Wahl bleibt, sollen Fāiz und 'Ahmed und Chittāb jedenfalls an der Expedition teilnehmen.
Am nächsten Tag, früh 9½ Uhr, begannen wir unsern dreitägigen Ritt nach Damaskus.
Von Umm Ruweik habe ich nur noch hinzuzufügen, daß gerade vier Tage dazu nötig waren, bei den Einwohnern Geld genug zum Wechseln eines Goldstückes zusammenzubringen. Wir hatten zwar einen Sack voll Silber und Kupfermünzen aus Jerusalem mitgebracht, aber als dieser Vorrat erschöpft war, bereitete uns das Bezahlen unsrer Schulden die größte Schwierigkeit — es ist dies ebenfalls einer der »Winke für Reisende«, die Michaïl mich bat, meinem Buche einzuverleiben. Wir ritten an den herrlichen Hängen hin, die überall da, wo kein Schnee mehr lag, mit der himmelblauen Iris Histrio bedeckt waren, und verbrachten dann einige Stunden in Schakka, dem Hauptzentrum von de Vogüés archäologischer Arbeit. Die Basilika, die er in seinem Werke noch als fast vollständig erhalten hinstellt, ist inzwischen gänzlich verfallen, nur die Fassade ist verblieben; aber die Kaisariēh steht noch, ebenso das Kloster, welches er für eins der ältesten noch existierenden Klostergebäude hält. Wir kamen über Hīt, ein interessantes Dorf mit einem schönen vorarabischen Hause, in dem der Scheich wohnt, und übernachteten in Bathaniyyeh bei so starkem Frost, daß ich zitternd ins Bett kroch. Um einige von meiner früheren Reise her gebliebenen Lücken auszufüllen und zu sehen, was für Gebäude an der Nordabdachung des Gebirges zu finden sind, machte ich am nächsten Tage einen Umweg nach Hayat, dessen schöne Kalybeh (Ruine) von de Vogüé beschrieben worden ist. Die altertümlichen Dörfer bevölkern sich jetzt schnell, und in wenigen Jahren wird keine Spur ihrer Baudenkmäler mehr vorhanden sein. Allmählich gelangten wir in die Ebene und stießen bei Lahiteh auf die von Schaba nach Damaskus führende Ledschastraße, der wir bis nach Brāk, dem letzten Dorfe des Haurān, folgten. Hier befindet sich ein aus ungefähr 20 Soldaten bestehender Militärposten. Knapp vor dem Orte kauerte ein kleines Drusenmädchen am Wege und weinte bei unserm Anblicke vor Furcht. »Ich bin ein Mädchen!« rief sie, »ich bin ein Mädchen!« Ihre Worte warfen einen bedenklichen Schatten auf das türkische Regiment, unter dem wir uns wieder befanden. In der Nähe des Forts begegneten wir zwei aus Damaskus zurückkehrenden Drusen. Sie grüßten freundlich, und ich fragte:
»Geht's dem Gebirge zu?«
Sie erwiderten: »Bei Gott! Gott schütze dich!«