Als ich Damaskus vor fünf Jahren besuchte, war Lütticke, Chef des Bankhauses gleiches Namens und deutscher Honorarkonsul, mein Ratgeber und bester Freund, ein Freund, dessen Tod gewiß von manchem Besucher Syriens beklagt wird. Durch eine ganz zufällige Bemerkung klärte er mich darüber auf, welche Rolle die Stadt in der arabischen Geschichte gespielt hat und noch spielt. »Ich bin überzeugt,« sagte er, »daß Sie in und um Damaskus die edelste arabische Bevölkerung finden, die es überhaupt gibt. Es sind dies die Nachkommen der ursprünglichen Einwanderer, die bei der Eroberung des Landes von der ersten großen Kriegswoge hierhergeschwemmt wurden, und die ihr Blut fast ganz rein erhalten haben.«

Mehr als alle anderen großen Städte muß Damaskus die Hauptstadt der Wüste genannt werden. Bis an die Tore erstreckt sich die Wüste, jeder Windstoß trägt ihren Atem über die Mauern, mit jedem Kameltreiber dringt ihr Geist durch die östlichen Tore herein. In Damaskus haben die Scheichs der reicheren Stämme ihre Stadtwohnungen. Sie können Mohammed von den Haseneh oder Bassān von den Beni Raschid sehen, wie er an einem schönen Freitag im goldgestickten Mantel an den Bazars hinabstolziert. Die purpur- und silberfarbenen Tücher, die seine Stirn schmücken, sind mit golddurchflochtenen Kamelshaarschnuren umwunden. Sie tragen ihre Häupter hoch, diese Herren der Wildnis, wenn sie durch die festtägliche Menge schreiten, die sich öffnet, um ihnen Raum zu geben, als wäre ganz Damaskus ihr eigen. Und das ist es ja eigentlich auch, denn es war die erste Hauptstadt aller der außerhalb der Provinz Hedschas wohnenden Beduinenkalifen und ist der Schauplatz und die Bewahrerin der heiligsten Traditionen Arabiens. Als eine der ersten der weltbekannten Städte fiel Damaskus der unwiderstehlichen Tapferkeit der Wüste zum Opfer, die Mohammed zu den Waffen gerufen, der er ein Ziel gesteckt und einen Schlachtruf gegeben hatte, und es war die einzige, die unter der Herrschaft des Islam ebenso bedeutend blieb, wie sie während des römischen Kaiserreichs gewesen. Mu'āwiyah machte es zu seiner Hauptstadt, und es verblieb in dieser Würde, bis etwa neunzig Jahre später das Haus Ummayah gestürzt wurde. Es war die letzte mohammedanische Hauptstadt, die in Übereinstimmung mit den Traditionen der Wüste herrschte. Persische Generale setzten die Beni Abbās auf ihren Thron in Mesopotamien, persischer und türkischer Einfluß begann in Bagdad vorzuherrschen, und mit ihm schlich sich der so verhängnisvolle Luxus ein, den die Wüste nie gekannt, und dem auch die früheren Kalifen nicht gehuldigt haben, die ihre Ziegen noch selbst melkten und ihre Siegesbeute unter die Gläubigen verteilten. Schien doch selbst der Boden von Mesopotamien eine Luft auszuströmen, die keine Mannhaftigkeit aufkommen ließ. Die alten Geister der babylonischen und assyrischen Palastintrige entstiegen ihren schmutzigen Gräbern wieder und versuchten, mächtig im Bösen, den Soldatenkalifen zu stürzen, ihn seiner Rüstung zu entkleiden und ihm Hände und Füße mit Fesseln von Gold und Seide zu binden. Damaskus, das von dem frischen, reinigenden Wüstenwind durchfegte, kannte das alles nicht, es hatte das Reich des Propheten mit dem an spartanische Strenge gemahnenden Geist der früheren Tage regiert. Kein Parvenü, wie die Hauptstädte am Tigris, hatte es Könige und Kaiser in seinen Mauern gesehen, den Unterschied zwischen Kraft und Schwäche kennen gelernt und erprobt, welcher Weg zur Herrschaft und welcher zur Sklaverei führt.

In der palmyrischen Wüste.

Bei meiner Ankunft wurde ich mit der Nachricht begrüßt, daß Se. Exzellenz, Nāzim Pascha, der Generalgouverneur von Syrien, sich in großer Erregung über meine Reise in den Haurān befinde, ja gerüchtweise verlautete sogar, daß der vielbeschäftigte und sich in schwieriger Stellung befindende Herr über mein plötzliches Erscheinen in Salchad ungewöhnlich ärgerlich gewesen und sich ins Bett verfügt habe, sobald ich den Bereich von Jūsef Effendis wachsamen Augen verlassen. Andere freilich vermuteten den wahren Grund von Sr. Exzellenz plötzlichem Unwohlsein in dem Wunsch, nicht an der Trauerfeier für den Großfürsten Sergius teilnehmen zu müssen. Sei dem, wie ihm wolle, am Tage meiner Ankunft schickte mir der Vāli einen sehr höflichen Brief, in dem er die Hoffnung ausdrückte, daß ich ihm das Vergnügen meiner Bekanntschaft zuteil werden lasse.

Große Moschee und Dächer vom Fort aus.

Ich muß gestehen, daß es hauptsächlich ein Gefühl der Reue war, mit dem ich das große, neue Haus betrat, das Se. Exzellenz sich draußen vor der Vorstadt Salahijjeh erbaut hat, die sich am Fuße der nördlich von Damaskus liegenden kahlen Hügel ausbreitet. Ich hegte den großen Wunsch, mich zu entschuldigen, oder wenigstens zu zeigen, daß ich nicht als vorsätzlicher Feind zu betrachten sei, und dieser Wunsch wurde nur noch verstärkt durch die Freundlichkeit, mit der ich empfangen wurde, und durch die Achtung, die der Vāli jedem einflößt, der ihn kennen lernt. Er ist ein ziemlich nervöser Mann, der immer auf die Schwierigkeiten gefaßt ist, mit denen seine Provinz ihn reichlich genug versieht, dabei gewissenhaft und auch aufrichtig, wie ich glaube, und stets ängstlich bemüht, Interessen zu vereinigen, die oft so schwer zu verschmelzen sind, wie Essig und Öl. Ein Winkel seines Auges aber bleibt unablässig auf seinen königlichen Herrn geheftet, der wohl darauf bedacht ist, eine so hervorragende Persönlichkeit, wie Nāzim Pascha, in gehöriger Entfernung vom Bosporus zu halten. Obgleich die gewöhnliche Amtsdauer nur fünf Jahre beträgt, befindet sich der Generalgouverneur bereits acht Jahre in Damaskus und hat augenscheinlich auch die Absicht, hier zu bleiben, wenn kein Unfall dazwischenkommt, denn er hat sich ein großes Haus gebaut und plant einen schönen Garten, dessen Anlage ihn hoffentlich von den ihn beschäftigenden Angelegenheiten abzieht, die nur selten erfreulicher Natur sein dürften. Der beste Schutz für ihn ist sein lebhaftes Interesse am Bau der Heddjasbahn, an der auch der Sultan großen Anteil nimmt. Solange sie nicht vollendet oder aufgegeben worden ist, wird es der Sultan für nützlich erachten, den Vāli an seinem Platz zu belassen.[7]

[7] Seit ich diese Zeilen schrieb, ist der Vāli durch eine Drehung des politischen Rades nach unten gekommen und hat jetzt eine Stellung auf der Insel Rhodus inne.....