Trotz des Widerstandes des Emirs von Mekka und seiner ganzen Sippe, die dem Sultan noch immer kein gesetzmäßiges Anrecht auf das Kalifat des Islam zugestehen wollen, und die ihn gern von jeder näheren Berührung mit ihren heiligen Städten fernhalten wollen, glaubt der Bazar, das ist die öffentliche Meinung, nicht, daß man das Bahnprojekt fallen lassen wird. Der Bazar gewährt dem Sultan Rückhalt gegen den Emir und alle seine anderen Gegner, seien es geistliche oder weltliche. Die Mühlen des Türken mahlen langsam und stehen oft still, besonders wenn arabische Stämme das Mahlkorn sind, die durch ihre privaten Zänkereien, Verdächtigungen und Anmaßungen schon morsch geworden. Die türkische Politik ähnelt der, von der Ibn Kulthum singt:

»Wenn unsre Mühle in einem Volke aufgestellt ist, so ist es wie Mehl schon vor unserem Kommen.
Unser Mahltuch ist ostwärts von Nedj ausgebreitet, und unser Korn ist der ganze Stamm Kuda'a.
Wie Gäste seid ihr vor unsrer Tür abgestiegen, und wir haben euch Gastlichkeit gewährt, daß ihr euch nicht gegen uns kehrtet.
Wir haben euch Willkomm geboten, schnellen Willkomm: ja, vor Tag, und unsre Mühlen mahlen fein.«

Nāzim Pascha spricht nicht Arabisch, obgleich er acht Jahre in Syrien gelebt hat. Wir in Europa sprechen von der Türkei als von einem geschlossenen Ganzen, begehen aber damit denselben Fehler, als wenn wir in den Namen England Indien, die Schanstaaten, Hongkong und Uganda mit einbegreifen wollten. Versteht man unter Türkei ein Land, das hauptsächlich von Türken bewohnt ist, so gibt es keine Türkei. Der Teile des Landes, in denen der Türke in der Majorität ist, sind wenige; im allgemeinen nimmt er die Stellung eines Widersachers ein, der mit einer Handvoll Soldaten und einer leeren Börse ein zusammengewürfeltes Gemisch von Untertanen regiert, die nicht nur ihm, sondern auch einander feindlich gesinnt sind. Er kennt ihre Sprache nicht, und es ist widersinnig, von ihm besondere Sympathie für ihre politischen und religiösen Wünsche zu erwarten, die ihm noch dazu gewöhnlich unter Musketengeknatter bekannt gegeben werden. Richten sich, wie es nicht selten geschieht, die Kugeln der einen aufsässigen, ungebärdigen Partei gegen eine andere ebenso aufsässige und ungebärdige, so wird die Regierung wohl nicht viel Bedauern über den daraus folgenden Verlust an Menschenleben empfinden. Wenn dem Türken freier Lauf gelassen wird, so zeigt er großen Sinn für die Segnungen des Gesetzes und der Ordnung. Man beobachte nur die inneren Einrichtungen in einem türkischen Dorfe und man wird sehen, daß der Türke versteht, Verhaltungsmaßregeln zu geben und sie zu befolgen. Ich glaube, daß die besten unsrer eingebornen Lokalbeamten in Ägypten Türken sind, welche unter dem neuen Regime ihren gesunden Verstand und ihre natürlichen Gaben zum Regieren, die unter der alten Herrschaft brachliegen mußten, erst recht zur Geltung gebracht haben. In den oberen Ämtern hat sich die Hierarchie der ottomanischen Regierung sehr mangelhaft bewiesen. Und wer hält diese oberen Ämter besetzt? Griechen, Armenier, Syrer und Personen anderer Nationalitäten, die im Osten allgemein (und nicht ohne Grund) als nicht vertrauenswürdig gelten. Und in der Tatsache, daß solche Männer bis auf die oberste Stufe der Leiter steigen, liegt der Grund zu den Mißerfolgen des Türken. Er kann wohl eine Dorfgemeinde organisieren, aber im großen Maßstabe herrschen, — das kann er nicht. Vor allem versteht er nicht, in moderner Weise zu regieren und wird doch unglücklicherweise mehr und mehr mit fremden Nationen in Berührung gebracht. Sind doch seine eigenen Untertanen bereits vom Fortschritt angesteckt worden! Die Griechen und Armenier sind Kaufleute und Bankiers geworden, die Syrer Kaufleute und Grundbesitzer; nun aber sehen sie sich an allen Ecken und Enden durch eine Regierung gehemmt, die nicht begreifen kann, daß eine Nation nur reich wird, wenn sie reiche Untertanen ihr eigen nennt. Und doch weiß man trotz aller ihrer Fehler niemand, der wirklich geeignet wäre, die Türken zu ersetzen. Ich spreche hier nur von Syrien, der Provinz, mit der ich am besten vertraut bin. Welchen Wert haben die großen arabischen Bündnisse und die begeisternden Schriften, die sie in ausländischen Druckereien herstellen lassen? Die Antwort ist sehr leicht: sie haben gar keinen Wert. Denn es gibt überhaupt keine arabische Nation; ein weiterer Abgrund trennt den syrischen Kaufmann vom Beduinen als vom Osmanen, und das syrische Land ist von allerlei arabisch sprechenden Völkerschaften bewohnt, die am liebsten einander an den Hals springen würden, wenn sie nicht an der Ausführung dieser ihrer natürlichen Instinkte durch die zerlumpten, halb verhungerten Soldaten gehindert würden, die nur in langen Pausen des Sultans Sold in Empfang nehmen. Und diese Soldaten, mögen sie nun Kurden, Zirkassier oder Araber aus Damaskus sein, sind viel mehr wert als der Lohn, der ihnen zuteil wird. Andere Armeen mögen meutern, die türkische steht stets treu zu ihrem Kalifen; mögen andere vor Leiden, Seuchen und Entbehrungen die Waffen strecken, der türkische Soldat geht vorwärts, solange er sich aufrecht erhalten kann, er kämpft, solange ihm Waffen zu Gebote stehen und siegt, solange er Führer hat. Er gibt nichts Bewundernswerteres und Mitleiderregenderes als ein türkisches Regiment auf dem Marsche: Graubärte neben halbflüggen Knaben, schlecht gekleidet, oft barfuß, geknechtet, abgemattet — und unbesiegbar. Siehst du sie vorüberziehen, so rufe ihnen zu: Ihr seid von dem Stoff, aus dem in den Tagen, da der Krieg noch mehr eine Kunst als eine Wissenschaft war, die Weltbezwinger gemacht waren.

Kornmarkt.

Aber ich habe den Generalgouverneur von Syrien viel zu lange warten lassen. Da er die französische Sprache, in der wir uns unterhielten, nur unvollkommen beherrschte, half ihm von Zeit zu Zeit ein türkischer Herr über die Steine des Anstoßes hinweg. Dieser Syrer war ein reicher Grundbesitzer aus dem Libanon und stand in großer Gunst im Hause des Gouverneurs, obgleich er erst kürzlich ein Jahr im Gefängnis gesessen hatte. Er begleitete mich auf meinem Besuche und wurde vom Vāli zu meinem Cicerone in Damaskus ernannt; Sēlim Beg war sein Name. Wir sprachen hauptsächlich von Archäologie. Ich betonte ganz nachdrücklich mein weitaus größeres Interesse für dieses Gebiet als für die Politik des Gebirges und der Wüste, welch letzteres Thema wir nicht mehr als flüchtig streiften. Der Vāli war die Liebenswürdigkeit selbst. Er überreichte mir mehrere Photographien der unschätzbaren Manuskripte der dem Publikum nun für alle Zeiten verschlossenen Kubbet el Chazneh in der Großen Moschee und versprach mir die übrigen der ganzen Serie. Zu diesem Zweck schrieb eine sich verbeugende Persönlichkeit meine Adresse in England mit der größten Sorgfalt in ein Notizbuch, und das war — ich brauche es wohl kaum zu erwähnen — das Letzte, was von dieser Angelegenheit je gehört wurde. Darauf bemerkte der Vāli, daß Madame Pascha und die Kinder meinen Besuch erwarteten, weshalb ich ihm treppauf in ein sonniges Zimmer folgte, dessen Balkon einen Ausblick auf ganz Damaskus mit seinen Gärten und auf die jenseitigen Hügel bot. Augenblicklich gibt es nur eine Madame Pascha, eine hübsche Zirkassierin mit ausgeprägten Zügen, eine weitere (die bevorzugtere, wie man sagt) ist vor einem Jahr gestorben. Die Kinder waren von sehr einnehmendem Wesen. Sie sagten französische Gedichte auf, wobei ihre hellen Augen jeden Blick der Billigung oder der Heiterkeit auffingen und beantworteten. Die Rattenschwänzchen über ihren Samtrücken hinabhängend, saßen sie kerzengerade auf dem Musikschemel und spielten muntere Polkas. Der Pascha lehnte strahlenden Gesichts am Fenster, die Zirkassierin rauchte Zigaretten und verbeugte sich, sobald mein Auge dem ihren begegnete, an der Tür stand ein schwarzer Sklavenjunge und grinste von einem Ohr bis zum anderen, während seine kleinen Herren und Herrinnen, die zugleich seine Spielgefährten und Schulkameraden waren, ihre Künste zeigten. Es war ein sehr guter Eindruck, den ich mit fortnahm, ich hatte angenehme, gewinnende Manieren und lebhaften Geist kennen gelernt und bezeugte dem Pascha meine Freude darüber, als wir hinabstiegen.

Kubbet el Chazneh.

»Ach,« sagte er höflich, »könnte ich sie nur Englisch lernen lassen! Aber was hilft der Wunsch? Wir können keine Engländerin bekommen, die sich an das Leben hier gewöhnt. Wir haben nur die Griechin, welche Sie oben sahen, die lehrt Französisch.«

Ich hatte sie wohl bemerkt, die kleine ungebildete Person, deren Verhalten in der ganzen anmutigen Gesellschaft oben nicht unbemerkt bleiben konnte, aber — möge mir der Himmel verzeihen — ich zögerte nicht, mich in Lobsprüchen über die Vortrefflichkeit ihres Französisch zu ergehen. Der Pascha schüttelte jedoch den Kopf.