»Könnte ich nur eine Engländerin bekommen,« sprach er. Unglücklicherweise konnte ich niemand für die Stelle vorschlagen; wahrscheinlich wäre ihm ein Vorschlag auch gar nicht willkommen gewesen.
Ehe ich mich verabschiedete, kamen zwei angesehene Persönlichkeiten zur Audienz zum Vāli. Die eine, der Amīr 'Abdullah Pascha, der Sohn von 'Abd ul Kādir, dem großen Algerier, und einer Negersklavin, hatte fast den Teint eines Negers, sonst aber den unverkennbaren Rassetypus und einen durchdringenden, lebhaften Blick. Der zweite Herr war Hassan Nakschibendi, ein erbliches Oberhaupt (beinahe hätte ich Pope gesagt) einer in Damaskus berühmten, orthodoxen Sekte des Islam. Dort befindet sich auch ihr Hauptsitz, die Tekyah. (Diese ist ein religiöses Stift für bettelnde Derwische und andere heilige Leute. Könnte beinahe ein Kloster genannt werden, nur daß für seine Brüder das Gelübde der Keuschheit nicht gilt, da sie außerhalb des Stiftes beliebig viel Frauen haben dürfen. Scheich Hassan hatte in der Tat die Vollzahl vier.) Die schlauen Züge des würdigen Kirchenmannes strahlten seine ganze Verschlagenheit wider. Ob sein Verstand besonders hervorragend war, weiß ich nicht, aber wenn sein Lächeln nicht trog, muß seine Skrupellosigkeit all seine Defekte wettgemacht haben.
Meine Begegnung mit diesen beiden Herren hatte meine Einführung in die Gesellschaft von Damaskus zur Folge. Beide luden mich ein, sie in ihren Häusern, in der Tekyah oder sonstwo zu besuchen, ich nahm auch alles an, ging aber zuerst zu dem Amīr 'Abdullah.
Tekyah des Nakschibendi.
Oder vielmehr in das Haus des Amīr 'Ali Pascha, seines ältesten Bruders, und zwar weil 'Abd ul Kādir dort gewohnt und in den trüben Tagen des Blutbades von 1860 tausend Christen daselbst beherbergt hat. Ein Schimmer von Mut und Vaterlandsliebe verherrlicht seinen Namen, und außerdem verleiht sein Reichtum dem bejahrten weisen Manne Ansehen und Macht, besitzt doch die Familie 'Abd ul Kādir das ganze Viertel, das sie bewohnt, als ihr eigen. Das Haus macht, wie alle großen Häuser in Damaskus, äußerlich nichts von sich. Aus einer kleinen krummen Straße traten wir durch eine Tür in einen dunklen Gang, bogen um etliche Ecken und sahen uns in einem rings mit Orangenbäumen bepflanzten Marmorhof, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befand. Auf diesen Hof mündeten alle größeren Räume; nachdem sämtliche Türen weit für mich geöffnet worden waren, präsentierte ein Diener Kaffee und Konfekt. Ich bewunderte die Verzierungen der Mauern und das in die Marmorbecken plätschernde Wasser, das durch Marmorrinnen abfloß. Wie bei allen Palästen in Damaskus, so war auch hier jede Fensterbrüstung mit einem gurgelnden Wässerchen versehen, so daß die in den Raum eindringende Luft immer feuchte Kühle mit sich führt. Der Amīr 'Ali war zwar nicht anwesend, aber sein Haushofmeister, — er trug ganz den Typus eines hochherrschaftlichen Dieners und befleißigte sich jener ehrerbietigen Vertraulichkeit, die der untergebene Orientale sich so leicht aneignet — zeigte uns die Schätze seines Herrn. Da war der juwelenbesetzte Säbel, den Napoleon III. dem alten Amīr überreicht hatte, dann 'Abd ul Kādirs Flinten und einige schwere, silberbeschlagene Schwerter von 'Abd ul 'Aziz ibn er Raschid aus dem letzten Jahre. Wie ich hörte, verbindet eine alte Freundschaft die algerische Familie mit den Lords von Haīl. Ferner zeigte er uns verschiedene Gemälde von 'Abd ul Kādir: wie er seine Reiterei anführt, wie er in Versailles mit Napoleon die Stufen des Palastes hinunterschreitet in der Haltung eines Mannes, der gewinnt und nicht verliert, und endlich Amīr als Greis in Damaskus; überall trägt er die weiße, algerische Tracht, die er überhaupt nie ablegt, immer zeigt er auch dieselben ernsten und würdevollen Züge. Und nun wurde ich über eine kleine Brücke geführt, die hinter dem großen Hofe einen Bach überspannte, und wir gelangten aus einem Garten voll Veilchen in die Ställe. So luftig, hell und trocken waren sie, wie nur die besten europäischen Ställe sein könnten. Hier standen zwei prächtige Araberstuten aus dem Gestüte der Ruwalla, und, fast ebenso wertvoll wie sie, ein gut zugerittenes Maultier. Auf unserm Rundgang begleitete uns ein Mann, der scheinbar nicht zu dem Haushalt gehörte. Er blickte so melancholisch drein, daß er mir auffiel, und ich Sēlim Beg nach ihm fragte. »Ein Christ,« erklärte dieser, »er entstammt einer reichen Familie, die ihre Religion zu wechseln gezwungen war und bei Amīr Ali Zuflucht suchte.« Weiter hörte ich nichts von ihm, aber er paßte in das Bild, das 'Abd ul Kādirs Haus mir hinterließ: eine Wohnstätte edler Leute, die von einer gut geschulten Dienerschaft geleitet wird, und die, mit allen Annehmlichkeiten des Lebens versehen, auch den Bedrängten Schutz gewährt.
Tor der Tekyah.
Am nächsten Morgen besuchte ich den Amīr 'Abdullah, der direkt neben seinem Bruder wohnt. Ich fand da den Amīr Tāhir, den Neffen Abdullahs, als Sohn eines dritten Bruders vor. Meine Ankunft erregte um so mehr Freude, als zufällig ein vornehmer Gast anwesend war, ein gewisser Scheich Tāhir ul Djezāiri, der wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner ungestümen, revolutionären politischen Tätigkeit wohlbekannt war. Er wurde schleunigst in das mit Diwan und Teppichen ausgerüstete Oberzimmer, in dem wir saßen, gebeten, kam wie ein Wirbelwind herein und, sich neben mich setzend, ergötzte er sowohl meine als alle Ohren in der Nähe (er sprach sehr laut) mit Klagen darüber, daß ihm der Vāli nicht erlaubte, nach Gutdünken mit begabten Ausländern, wie mit amerikanischen Archäologen oder auch mit mir, zu verkehren. »Oh, behüte Gott!« protestierte ich bescheiden. Und noch manchen anderen Kummer hatte er. Als das Thema ziemlich abgelaufen war, ließ er den Amīr Tāhir einige von ihm selbst verfaßte Schriftstücke holen und verehrte sie mir. Sie handelten von der arabischen und ihr verwandter Sprachen, der nabathäischen, safaitischen und phönizischen. Die Lettern des Alphabetes waren höchst peinlich zu vergleichenden Tabellen zusammengestellt, und doch verstand der gute Mann keine einzige dieser Sprachen außer seiner eigenen. Scheich Tāhir repräsentiert wirklich ein seltsames und typisches Beispiel orientalischer Gelehrsamkeit, aber nach seiner Unterhaltung zu urteilen, bin ich doch zweifelhaft, ob die Sympathien von Ordnung und Frieden liebenden Leuten sich nicht eher dem Vāli zuneigen. Jetzt trat noch ein andrer Edelmann, Mustafa Pascha el Barāzi, ein Glied einer der vier ersten Familien von Hamah, ein. Der ganze Kreis wendete sich inneren Angelegenheiten zu, der Politik Syriens und dergleichen, ich aber lauschte, schaute dabei durch das Fenster in Amīrs Garten und auf den angrenzenden Fluß hin und wunderte mich über mein Glück, an einer Morgenvisite in Damaskus teilnehmen zu können. Schließlich führten mich der Amīr 'Abdullah und sein Neffe abseits, um über ein großes Projekt zu beraten, das ich ihnen vorgelegt hatte, hier aber nicht erörtern will. Als der Besuch beendet war, ging ich mit Sēlim und Mustafa nach dem griechischen Bazar, um in einem vortrefflichen heimischen Restaurant zu frühstücken. Da saß ich denn Schulter an Schulter neben einem Beduinen der Wüste, und wir drei genossen, für den Betrag von 1,50 Mark gemeinschaftlich, die auserlesensten Speisen und als Dessert delikate Rahmtörtchen. Der Preis umschloß auch den Kaffee und ein reichliches Trinkgeld.