Muschkin Kalam.
Noch ein andrer, nicht weniger angenehme Morgen erwartete mich, als ich mit dem treuen Sēlim, einem prächtigen alten Mann, dem berühmtesten Künstler der Feder, Mustafa el Asbā'i, meine Aufwartung machen ging. Sein Haus war in dem vor etwa zwei Jahrhunderten herrschenden trefflichen Geschmack dekoriert: bunte Marmortäfelung und Gipsstuck, ganz in dem Muster des Titelblattes von einem berühmten persischen Manuskript; in der Malerei, die in sanften, satten Farben ausgeführt war, herrschten gold und goldigbraun vor. Aus dem Empfangsraum wurden wir in ein kleines oberes Zimmer geführt, wo Mustafa jene Verzierungen zu entwerfen pflegte, die im mohammedanischen Orient die Bilder ersetzen. Rings an den Wänden hingen antike und moderne Proben von der Hand berühmter Künstler, auch mein Freund, Mohammed Ali, war vertreten, der Sohn des persischen Propheten Beha Ulla. Meiner Ansicht nach ist er der geschickteste Meister der Feder, obgleich die Orientalen Muschkin Kalam, einem anderen Propheten derselben Sekte, den Vorzug geben. Auch ihn zähle ich zu meinen Freunden. Während wir, auf Kissen sitzend, unsern Kaffee tranken, blätterten wir in kostbaren Manuskripten verschiedenster Perioden und Länder, von denen etliche aus Gold oder Silber, andre auf Brokat oder geschmeidiges Pergament geschrieben waren. (Unter den letzteren befanden sich einige Seiten cufischer Schriften, die man dem Kubbet el Chazneh entnommen hatte, bevor derselbe geschlossen worden war.)
Als wir uns verabschiedeten, überreichte mir Mustafa drei Proben seiner eignen Kunst, die ich hocherfreut annahm.
Am späteren Nachmittage fuhren Selim und ich nach dem Tale des Barada, um einem dritten Sohn Abd ul Kādirs Besuch abzustatten. Die in lateinischen Lettern gehaltene Visitenkarte meldete »Amir Omar, princ d'Abd ul Kadir«. Er ist der Landedelmann der Familie. 'Ali ist durch seine Ehe mit einer Schwester 'Isset Paschas (ein mächtiger Schatten hinter dem Throne von Konstantinopel) in einflußreichere Sphären gelenkt, 'Abdullah wird immer durch tausenderlei Geschäfte an die Stadt gefesselt, aber 'Umar jagt, schießt, pflegt seinen Garten und fühlt sich in diesem einfachen Leben glücklich. Eben promenierte er, mit Rauchkäppchen, Schlafrock und Gurtschuhen angetan, durch die Wege seines Gartens. Er nahm uns in sein Haus, das, wie alle Häuser seiner Familie, voller Blumen war, und von da nach dem Lusthäuschen auf dem Dach, wohin uns auch sein Hühnerhund mit wohlwollender, kameradschaftlicher Miene folgte. Zwischen blühenden Hyazinthen- und Tulpenpflanzen hindurch beobachteten wir die Sonne hinter den schneeigen Hügeln verschwinden und sprachen von Wild und Sport der Wüste.
Aber lassen Sie mich über so hochstehenden Persönlichkeiten auch nicht meine bescheideneren Freunde vergessen: den Afghanen mit den schwarzen Locken um die Schläfe, der mir, so oft wir uns begegneten, seinen Segen spendete (der Amir von Afghanistan hat einen Beamten in Damaskus, um seinen Untertanen auf ihrer Pilgerfahrt beizustehen), den am Eingang zur Großen Moschee sitzenden Zuckerwarenhändler, der mich wiederholt durch das Labyrinth der Bazare geleitet und mir, so oft ich an ihm vorüberkam, zurief: »Benötigen Ew. Exzellenz heute keinen Dragoman?« Auch der Derwische aus Scheich Hassans Tekyah gedenke ich, von denen ich zu einem Freitags-Gebet geladen wurde, und nicht minder gern des rotbärtigen Persers, der ein Teelädchen am Kornmarkt besitzt und zur Sekte der Beha'i gehört, von welcher viele Glieder zu meinen Bekannten zählen. Als ich einst an seinem Tische köstlichen persischen Tee nippte, trank ich ihm in seiner eignen Sprache zu und flüsterte: »Ich bin von der Heiligen Familie in Acre hochgeehrt worden,« worauf er lächelte und, mit dem Kopfe nickend, antwortete: »Ew. Exzellenz sind unter uns wohlbekannt.« Wenn ich ihn beim Fortgehen aber nach seinem Guthaben fragte, sagte er: »Für Sie gibt es nie etwas zu bezahlen.« Es gibt in der Tat nichts, das dem Herzen so wohltut, wie in den geheimen Kreis orientalischen Wohlwollens aufgenommen zu werden. Auch fast nichts Selteneres.
Verkäufer von Zuckerwerk.