An einem sonnigen Nachmittage machte ich mich von den vielen Personen frei, die immer bereit waren, mir dieses oder jenes zu zeigen, und bahnte meinen Weg allein durch die Bazare, jenen bezauberndsten Ort, um Mußestunden zu verbringen, und begab mich nach den Toren der Großen Moschee. Es war die Stunde des Nachmittagsgebetes. Meine Schuhe in der Hut eines gelähmten Negers am Eingange zurücklassend, wandelte ich nach dem großen Säulengang, der sich an der ganzen Westseite der Moschee hinzieht. Zwar hat das Gebäude vor zehn Jahren durch eine Feuersbrunst und die dadurch notwendigen Reparaturen viel von seiner Schönheit eingebüßt, ist jedoch immer noch von großem Interesse für den Archäologen, der sich über allerhand an Mauern und Toren befindliche Zeichen und Gott weiß, was sonst noch, den Kopf zerbricht. In den Hof teilte sich die Sonne bereits mit den Schatten des Nachmittags, und kleine Knaben mit grünen Weidenzweigen in den Händen rannten, geräuschlos spielend, hin und her, während die ankommenden Gläubigen am Eingang zur Moschee in die Kniee fielen. Ich folgte und sah, wie sie sich in Schiff und Seitenflügel in westlicher Richtung zu langen Reihen gruppierten. Da standen sie Schulter an Schulter ohne Unterschied des Ranges, der gelehrte Doktor im Gewande von Seide und pelzgefüttertem Mantel neben dem zerlumptesten Kameltreiber aus der Wüste; erkennt doch der Islam, dieser einzige religiöse Freistaat der Welt, weder Reichtum noch Stand als Unterschied an. Jetzt war die Zahl zu drei- oder vierhundert angewachsen, und der Imām begann seinen Gesang. »Gott!« rief er, worauf die Versammelten wie ein einziger Mann niederfielen und eine Minute lang in stiller Anbetung verharrten, bis der Hochgesang von neuem ertönte: »Der Schöpfer dieser Welt und der zukünftigen, Er, der den Gerechten auf den rechten Weg leitet und den Gottlosen zum Verderben: Gott!« Und als des Allmächtigen Name in dem Säulengang widerhallte, wie er es nahe an die 2000 Jahre getan, da warfen sich die Andächtigen abermals nieder, und das Heiligtum lag einen Moment in tiefem Schweigen. Denselben Abend begab ich mich zu einer Abendgesellschaft auf die Einladung von Schekīb el Arslān hin, eines Drusen aus wohlbekannter Familie im Libanon. Auch Poet war er — hat er mir nicht ein Exemplar seiner neusten Ode verehrt? Die Gesellschaft fand im Meidān statt, in dem Hause von Getreidehändlern, die im Auftrage der Haurān-Drusen Getreide verkaufen, und die in den politischen Angelegenheiten des Berglandes wohl bewandert sind. Wir waren 12–14 Personen, Schekīb, ich und die Kaufleute, die nach Art Wohlhabender blauseidene Gewänder und bestickte gelbe Turbane trugen; außerdem noch einige, deren ich mich nicht weiter erinnere. Der Raum war lediglich mit Teppichen, Diwan und Kohlenbecken ausgestattet, was wirklich bemerkenswert war, denn selbst den Häusern von 'Abd ul Kādir werden weder die blau und roten Glasvasen erspart, noch auch jene befransten Matten, die sich wie ein häßlicher Ausschlag inmitten der Marmortäfelung und auf den Fächern der Gipsetageren ausnehmen. Schekīb war ein gebildeter und wohlerfahrener Mann, — war er doch einst bis nach London gekommen. Er sprach Französisch, bis einer unsrer Wirte ihn unterbrach:

»O Schekīb! Sie können Arabisch, und die Dame hier auch. Reden Sie also, daß wir es ebenfalls verstehen.«

Seine Ansichten über türkische Politik waren hörenswert.

»Meine Freunde,« sagte er, »die fremden Nationen sind an dem Mißgeschick schuld, unter dem wir leiden, sie wollen das türkische Reich sich nicht frei bewegen lassen. Führt es Krieg, so nehmen sie ihm die Früchte seines Sieges weg, wie es im Kriege gegen die Griechen geschah. Was nützt es uns, die aufsässigen Albanesen zu besiegen? Nur die Bulgaren würden Vorteil davon haben, und die Nachfolger unseres Propheten (dabei war er ein Druse!) könnten ebensowenig unter dem Zepter der Bulgaren leben, wie sie unter dem der Griechen auf Kreta leben möchten. Denn sehen Sie, die Muselmänner von Kreta wohnen bekanntlich jetzt in Salahiyyeh, und Kreta hat unter ihrem Weggang gelitten.«

Darin lag so viel Wahres, daß ich wünschte, die Feinde der Türkei hätten es hören können und würden den Standpunkt intelligenter und gut unterrichteter Untertanen des Ottomanenreiches wohl in Erwägung ziehen.

Hof der Großen Moschee.

Dreschplatz in Karyatein.

Mein letzter Tag in Damaskus war ein Freitag. Nun ist Damaskus an einem schönen Freitag ein Anblick, der auch einer weiten Reise wert ist. Die gesamte männliche Bevölkerung paradiert in den besten Gewändern durch die Straßen, die Geschäfte in Zuckerwaren und die in getragenen Kleidern florieren, den fertig vorgerichteten Speisen in den Eßwarenläden entströmen wahrhaft verlockende Gerüche, und prächtig aufgezäumte Rosse galoppieren den Weg am Flusse Abana entlang. Am zeitigen Nachmittag bekam ich vornehmen Besuch, als ersten Mohammed Pascha, den Scheich von Djerūd, letzteres eine Oase halbwegs nach Palmyra. Djerūdi ist der zweitgrößte Brigant im ganzen Lande, der größte aber (niemand wird ihm den Rang streitig machen) ist Fayyād Agha von Karyatein, einer anderen Oase an der Straße nach Palmyra. Fayyād mag wohl ein schlimmer Bösewicht sein, wenn er mich auch höflich genug behandelte, als ich seinen Weg kreuzte, Djerūdis Schurkerei aber ist ganz anderer Art. Dieser große kräftige Mann mit dem Glasauge war seiner Zeit ein tüchtiger Reiter und Räuber, denn in seinen Adern fließt arabisches Blut, und sein Großvater entstammte dem stolzen Geschlecht der 'Anazeh. Aber nun ist er alt, schwerfällig und gichtisch geworden und wünscht weiter nichts als Frieden, den er jedoch mit Rücksicht auf sein Vorleben und die Lage von Djerūd, die diese Oase zu einem günstigen Zufluchtsort für alle unruhigen Geister der Wüste macht, schwerlich erlangen wird. Er muß sich sowohl mit seinen arabischen Stammesbrüdern als auch mit der Regierung gut stellen; während jede dieser Parteien seinen Einfluß auf die andre auszunützen sucht, muß er selbst von beiden Nutzen zu ziehen suchen, sein Glasauge auf die Forderungen des Gesetzes, das gesunde auf seinen eignen Vorteil richten. So wenigstens verstehe ich ihn. In gerechtfertigtem Unwillen hat mancher Konsul schon vom Vāli seine sofortige Hinrichtung verlangt, aber zu einem solchen Schritt kann sich der Vāli nicht entschließen, wenn er auch nicht selten eine besondere Greueltat durch Verhängung einer Kerkerhaft geahndet hat. Wie er sagt, hat die Regierung in Djerūdi gelegentlich einen nützlichen Mann gesehen, und — der Vāli muß es ja am besten wissen. Zu seinem großen Kummer hat Mohammed Pascha keine Söhne als Erben seines immensen Reichtums, und die Grünspechte, in Gestalt einer Schar spekulierender Neffen, sind eine Plage seiner alten Tage. Neuerdings hat er eine Tochter aus Fayyāds Haus, ein fünfzehnjähriges Mädchen, geheiratet, aber sie hat ihm kein Kind geboren. Übrigens kursiert in Damaskus eine hübsche Geschichte von ihm, auf die jedoch in seinem Beisein nicht angespielt wird. Beim Ausbruch des letzten Drusenkrieges wurde Djerūdi, der zufälligerweise gerade mit der Regierung auf gutem Fuße stand und sich im Gebirge wohl auskannte, mit 30 oder 40 Mann ausgeschickt, um zu rekognoszieren und Bericht zu erstatten. Das Heer folgte ihm auf dem Fuße. Als er durch ein Dörfchen nahe bei Ormān zog, lud ihn der Scheich, sein alter Bekannter, zu Tische. Während er noch im Mak'ad des Mahles harrte, hörte er die Drusen draußen beraten, ob es nicht geraten sei, ihn bei dieser Gelegenheit als Beauftragten der türkischen Armee zu töten. Er wünschte sehnlichst, den Ort zu verlassen, aber die Regeln des guten Tones forderten, daß er das Mahl auch verzehrte, welches eben bereitet wurde. Als es endlich erschien, beförderte er es in größter Hast, denn die Lebhaftigkeit der Beratung draußen erfüllte ihn mit ernster Besorgnis, bestieg alsdann sein Pferd und ritt davon, ehe noch die Drusen zu einem Entschluß gekommen waren. Aber plötzlich befand er sich zwischen zwei Feuern, denn das türkische Heer war eingetroffen, und das erste Gefecht war im Gange. Djerūdi und seine Genossen suchten in ihrer Verwirrung hinter einigen Felsen Schutz, und schließlich schlich sich einer nach dem andern zu dem türkischen Nachtrab zurück. Die Drusen haben den Vorfall in einem Liede verewigt; es beginnt: