In Nadjībs und Mūsas Begleitung suchte ich die Dörfer wieder auf, an denen ich des Regens wegen am Tage vorher vorübergeritten war. In Kalōteh blieb Nadjīb mit den Pferden zurück, während wir zu Fuß nach Chirāb esch Schems weitergingen. War doch der Weg so steinig, daß ich ihn meinen Tieren gern ein zweites Mal ersparen wollte. Chirāb esch Schems enthielt eine schöne Kirche, die vom Westtor bis zum Beginn des Altarplatzes 21 Schritt maß. Nach Norden und Süden hin waren die Umfassungsmauern gestürzt, es standen nur noch die fünf Bogen auf jeder Seite des Schiffes, sowie ein von zehn kleinen, rundbogigen Fenstern durchbrochenes Cleristerium, letzteres den Eindruck einer allerliebsten, freistehenden Loggia machend. Weiter bergaufwärts befand sich eine massive Kapelle ohne Flügel, aber mit herausgebauter Apsis. Mit ihrem halbdomförmigen Dach aus viereckigen Steinplatten ähnelte sie dem im 5. Jahrhundert erbauten Baptisterium zu Dār Kīta.[15] In der Bergwand fanden wir eine Anzahl Felsengräber; zu meiner Befriedigung entdeckte ich in dem einen mehrere merkwürdige Reliefs. Die Nische links der Tür zeigte vier grobgehauene Figuren mit in Gebetsstellung erhobenen Armen, in einer dunklen Ecke der Felswand aber befand sich eine einzelne Gestalt mit Hemd und spitzer Kappe angetan, die in der rechten einen sonderbaren korbähnlichen Gegenstand hielt. Nach Kalōteh zurückgekehrt, besuchten wir eine westlich des Dorfes isoliert auf einer Anhöhe stehende Kirche. In der Nähe des Südtores trug die Mauer eine lange griechische Inschrift. Das Schiff war von den Flügeln durch je vier Säulen getrennt, die, nach den Überresten zu urteilen, teils kanneliert, teils glatt gewesen waren.
[15] Butler, Architektur und andre Kunst, Seite 139.
Kapitäl, obere Kirche zu Kalōteh.
Der Säulengang endete an der Apsis mit eingebauten kannelierten Säulen, die schöne korinthische Kapitäle trugen. Apsis, Prothesis und Diaconicum waren alle mit in die Umfassungsmauern eingeschlossen. Das Westtor zeigte einen erhabenen, überhöhten Bogen über der zerbrochenen Oberschwelle, welch letztere mit einer Zahnschnittleiste verziert war. Südlich der Kirche liegt ein isoliertes Baptisterium, neun Fuß im Geviert groß, dessen Grundmauern noch die erste Lage der Steinwölbung trugen. Die Kirche muß mit Ziegeln bedeckt gewesen sein, denn ich sah noch zahlreiche Bruchstücke im Schiff umherliegen. Eine massive Umfriedigungsmauer umschloß beides, Kirche und Baptisterium. Im Dorfe unten standen noch zwei weitere Kirchen, die westliche 38 zu 68 Fuß, die andre 48 zu 70 Fuß groß. Aus den Friesen um die Tore beider Kirchen kann man schließen, daß sie nicht vor dem 6. Jahrhundert erbaut sein können. Das Dorf wies auch Häuser mit Steinveranden auf.
Barād, Turm im Westen der Stadt.
1½ Stunde westlich von Kalōteh liegt Barād, das größte und interessanteste Dorf des Djebel Sim'ān. Es ist zum Teil wieder bewohnt, und zwar von Kurden. Mein Lager befand sich auf freiem Felde, einem wunderbar schönen Grabmal gegenüber; es stellte einen Baldachin dar, der von vier auf hohem Podium ruhenden Strebepfeilern getragen wurde. In der Nähe lag ein großer Steinsarkophag und eine Anzahl anderer Gräber, die teils in die Felsen gehauen waren. Zwei Kirchen im Innern der Stadt unterzog ich näherer Prüfung. In der einen war das 68 Fuß lange Schiff von den Seitenflügeln durch vier große Säulen abgetrennt, die sechs Fuß im Durchmesser hatten und eine Säulenweite von 18 Fuß zeigten. Diese große Säulenweite ist ein Beweis später Entwicklung, sie weist etwa auf das 6. Jahrhundert hin. Die zweite Kirche zeigte noch größere Dimensionen, 118 zu 73 Fuß, lag aber bis auf die Westmauer und einen Teil der Apsis gänzlich in Trümmern. Nördlich davon stand eine kleine Kapelle mit vollständig erhaltener Apsis; der nahe dabeiliegende Sarkophag läßt den Schluß zu, daß die Kapelle ein Mausoleum gewesen ist. Das östliche Ende der Stadt enthielt einen Komplex von Gebäuden, aus vieleckigen Steinblöcken konstruiert; sie umschlossen eine viereckige Umfriedigung mit einem viereckigen Raum in der Mitte, unter dem sich ein Gewölbe befand, das jedenfalls ein Grab darstellt. Im äußersten Westen der Stadt stand ein schöner Turm und einige große, wohlerhaltene Häuser daneben. Diese Gruppe war durch eine kleine Kirche von der Stadt selbst getrennt. Nahe bei meinem Lager befand sich ein wunderliches Gebäude mit zwei unregelmäßig in die Ostmauer eingebauten Altarplätzen. Meiner Meinung nach ist es vorchristlich. Die Mauern trugen noch die vollständig erhaltene Wölbung. Während Mūsa und ich dieses Bauwerk ausmaßen und den Grundriß zeichneten, wurden wir von zwei Personen in langen weißen Gewändern und Turbanen beobachtet, die das größte Interesse für unsre Bewegungen an den Tag legten. Wie Mūsa sagte, waren es Regierungsbeamte, die den Djebel Sim'ān besuchten, um mit Rücksicht auf eine Steuererhöhung eine Volkszählung vorzunehmen.
Barād, Baldachingrab.