Der nächste Tag war einer der unangenehmsten, deren ich mich entsinnen kann. Eine dicke Wolkenschicht lag unmittelbar über dem Gebirge und hüllte uns in kalten, grauen Schatten, während nach Norden und Süden hin Berge und Ebene im lieblichsten Sonnenschein lagen. Wir ritten ungefähr eine Stunde nordwärts nach Keifār, einem großen Dorfe am äußersten Ende des Djebel Sim'ān. Über dem Tale des Afrīn drüben, der das Gebirge im Nordwesten begrenzt, erhoben sich die ersten großen Strebepfeiler des Giour Dagh. Nach Mūsas Aussage enthalten weder das Tal noch die entfernteren Gebirge weitere verfallene Dörfer; sie hören an der Grenze des Djebel Sim'ān ganz plötzlich auf, und die syrische Zivilisation scheint nicht weiter nordwärts gedrungen zu sein. Aus welchem Grunde ist nicht festzustellen. In Keifār fanden wir drei arg verfallne Kirchen, an denen aber noch Spuren außerordentlich fein gearbeiteter Verzierungen sichtbar waren, einige gut erhaltene Häuser und ein Baldachingrab, ähnlich dem zu Barād. Eine zahlreiche kurdische Bevölkerung bewohnte das Dorf. Wir kehrten nach Barād zurück und ritten dann in bitter kaltem Regen und Wind etwa 1½ Stunde in südöstlicher Richtung weiter nach Kefr Nebu. Hier sahen wir eine Inschrift auf dem Oberbalken einer Tür, ein paar kufische Grabsteine und ein sehr schönes, zum Teil wieder hergestelltes Haus; ich litt aber viel zu sehr unter der Kälte, um diesen historischen Denkmälern die gebührende Aufmerksamkeit zuwenden zu können. Ich war bis aufs Mark erkältet und außerdem so enttäuscht, daß meine Versuche, einige Aufnahmen zu machen, infolge des Sturmes mißlungen waren, daß ich sofort mein eine Stunde von Kefr Nebu entfernt in Bāsufān befindliches Lager aufsuchte, ohne einige weiter südlich liegende Ruinen zu besichtigen.

Bāsufān ist Mūsas Heimat; wir gingen an seinem Vater vorüber, der auf dem Kornfeld arbeitete.

»Gott gebe deinem Körper Kraft!« rief Mūsa. Es ist dies der übliche Gruß für jemand, der Feldarbeit tut.

»Und deinem Körper!« antwortete der Alte und blickte mit seinen trüben Augen zu uns herüber.

»Er ist schon alt,« erklärte Mūsa im Weiterreiten, »und Kummer hat ihn getroffen, aber einstens war er der schönste Mann und der beste Schütze im Djebel Sim'ān.«

»Welcher Kummer?« fragte ich.

»Mein Bruder ist vor wenigen Monaten von einem Blutfeind erschlagen worden,« antwortete er. »Wir wissen nicht, wer ihn getötet hat, vielleicht war es ein Verwandter seiner Braut, denn er wollte sie ohne die Zustimmung ihrer Familie heiraten.«

»Und was ist aus der Braut geworden?«

»Sie ist zu den Ihren zurückgegangen,« sprach er, »aber sie hat bitterlich geweint.«