Als wir Bāsufān erreichten, fragte Mūsa, ob seine Schwester Wardēh (die Rose) sich wohl die Ehre geben dürfte, mir ihre Aufwartung zu machen. »Und bitte,« fügte er hinzu, »versuchen Sie doch, sie zum Heiraten zu überreden!«

Bāsufān, kurdisches Mädchen.

»Zum Heiraten?« fragte ich, »wen soll sie denn heiraten?«

»Irgend jemand,« entgegnete Mūsa gleichmütig. »Sie hat erklärt, daß ihr die Ehe verhaßt ist, und daß sie in ihres Vaters Haus bleiben will. Wir können sie nicht davon abbringen. Und doch ist sie jung und schön.«

Sie sah wirklich sehr hübsch und überdies auch bescheiden aus, als sie so in meiner Zelttür stand in der kleidsamen Tracht der Kurdenfrauen, mit der Kaimakschüssel, dem mir zugedachten Gastgeschenk, in der Hand, und ich muß gestehen, daß ich in dem Glauben, sie könne ihre Angelegenheiten am besten selbst versorgen, die Heiratsfrage nicht sehr dringlich betrieb. Sie brachte mir frisches Brot zum Frühstück für den nächsten Tag und bat mich, vor meiner Abreise auch ihres Vaters Haus zu besuchen. Das tat ich und fand die ganze Familie, Söhne, Schwiegertöchter und Enkel zu meiner Begrüßung versammelt. Obgleich ich erst kurz vorher gefrühstückt hatte, bestand doch der alte Vater darauf, daß mir Brot und Schüsseln mit Rahm vorgesetzt wurden, »damit das Band der Gastfreundschaft uns verbinde«. Schöne, wohlgebildete Leute waren sie alle; ihre angenehmen Gesichter wurden durch das Lächeln verklärt, das auch Mūsas Hauptreiz war. Um ihretwillen soll den Kurden künftighin ein Platz in meinem Herzen bewahrt bleiben.


Dreizehntes Kapitel.

Am 4. April, früh 8 Uhr, verließen wir Bāsufān und ritten auf unglaublich felsigen Pfaden südwärts. Wir ließen Kal'at Sim'ān westlich liegen und umgingen die Ostflanke des Djebel Scheich Barakāt. Mūsa erklärte, mich noch einen Teil des Weges begleiten zu müssen, und kam mit bis Deiret Azzeh, einem großen, aus 300–400 Häusern bestehenden mohammedanischen Dorfe. Hier verließ er uns, und wir stiegen hinab in die fruchtbare Ebene von Sermeda, die von den Hängen des Djebel Halakah eingeschlossen ist. Gegen Mittag erreichten wir das große Dorf Dāna und speisten an dem berühmten, dem dritten Jahrhundert entstammenden Grabe, das de Vogüé beschrieben hat. Es ist meiner Meinung nach das lieblichste unter den geschichtlichen Denkmälern Nordsyriens und könnte in seiner zierlichen Einfachheit würdig dem choragischen Denkmal des Lysicrates in Athen zur Seite gestellt werden. Es hielt uns nichts weiter in Dāna zurück, und als auch unsre Lasttiere angekommen waren, sandte ich sie mit Michaïl und einem heimischen Führer voraus nach den Ruinen von Dehes, wo sie Nadjīb und mich erwarten sollten. Nach einigem Beraten wurden sich Nadjīb und der Eingeborene auch über die Lage des Ortes einig, der mir nur aus den Berichten der Reisenden bekannt war. Erst als wir ihn erreicht hatten, entdeckte ich, daß wir uns in Mehes statt in Dehes befanden. Schließlich machte es keinen großen Unterschied. Hauptsache war, daß wir einen bequemen Lagerplatz dort vorfanden. Von Dāna aus führte mich Nadjīb die alte Römerstraße entlang an einem römischen Triumphbogen, Bāb el Hawa, vorbei, der malerisch am Eingange zu einem felsigen Tale erbaut ist. Wir ritten einige Meilen weit in demselben aufwärts, sahen eine verfallne Kirche und erstiegen dann den Westabhang durch eine Schlucht, die uns auf ein weites Hochplateau, dicht an das verödete Dorf Ksedjba führte.[16] Unser Weg führte uns durch eine Gegend, die mit Blumen und Gruppen verfallner Häuser und Kirchen wie bestreut war, weiter nach dem Dorfe Bābiska. Das Herz hüpfte vor Freude beim Anblick so viel einsamer, unberührter Schönheit. Zwischen diesen Hügeln war es schwierig, zu sagen, wo Bākirha, die Stadt, der mein nächster Besuch galt, liegen mochte; aber in der Nähe von Bābiska fanden wir einige Hirtenzelte, von deren Bewohnern wir den Weg erfragten. Der Hirt, ein phlegmatischer Mann, behauptete, es gäbe keinen Weg nach Bākirha, und der Nachmittag wäre für ein derartiges Unternehmen zu weit vorgeschritten, überdies müßte er einen Korb Eier nach einer andern Richtung tragen und könnte uns nicht helfen. Ich aber war nicht so viele Meilen geritten, um so nahe dem Ziele von meinem Vorhaben abzustehen, und mit etwas Poltern und viel Überredungskunst brachten wir den Mann endlich dazu, uns bis an den Fuß des Berges, der Bākirha trägt, zu führen. Er ging ungefähr eine Stunde weit mit uns und zeigte dann nach dem Gipfel des Djebel Bārischa. Mit den Worten »Das ist Bākirha« verließ er uns eilends und kehrte zu seinem Eierkorb zurück.