Ein Loblied stieg hier, an der Schwelle des Heiligtums, aus meinem Herzen empor, ehe ich dankerfüllten, freudigen Sinnes den Rückweg antrat.
Nadjīb bewillkommnete mich mit Ausrufen der Erleichterung.
»Bei Gott,« sagte er, »nicht eine einzige Zigarette habe ich geraucht, seit ich Ew. Exzellenz aus den Augen verloren. Die ganze Stunde mußte ich unaufhörlich beten: Gefalle es Gott, daß sie auf keinen Räuber in den Felsen stößt!«
Um das Versäumte nachzuholen, brannte er die Zigarette an, die er trotz seiner Angst während meiner Abwesenheit gerollt hatte, und wenn ich auch nicht zu behaupten wage, daß es wirklich die einzige war, so muß man seinem Gefühl doch Anerkennung zollen. Ich glaubte damals (der nächste Tag belehrte mich freilich eines besseren), daß wir auf dem holperigsten Pfade der Welt in die Ebene von Sermeda hinabritten. Am Fuße des Berges angelangt, wandten wir uns südwärts einem Tale zu, das, ein schmaler Streifen angebauten Bodens, sich zwischen steinigen Höhen dahinwand. Weiterhin verbreiterte es sich, und wir kamen durch ein großes, neues Dorf, in dem uns die willkommne Nachricht zuteil ward, daß unsre Karawane uns bereits voraus war. ¼7 Uhr ritten wir todmüde in Mehes oder Dehes, welches von beiden es auch gewesen ist, ein. Es möchte eine harte Probe für unsre Tiere gewesen sein, hätten sie noch eine Meile weiter aushalten sollen. Mehes war ein prächtiger Lagerplatz. Es kam nicht oft vor, daß wir unsre Zelte so weit von jeder menschlichen Wohnung entfernt aufschlagen konnten. Die Maultiertreiber trauerten dem sauren Quark und anderm Luxus der Kultur nach, und auch ich vermißte den Quark, aber der Reiz eines einsamen Lagers vermochte mich über vieles zu trösten. Die Nacht war still und klar; wir verbrachten sie in dem verfallnen Schiff einer Kirche und schliefen nach unserm langen Ritt den Schlaf der Gerechten.
Noch eine Ruine gedachte ich zu besuchen, ehe ich das Gebirge verließ, und zwar die Kirche von Kalb Lōzeh, die der Beschreibung nach das schönste Gebäude von ganz Nordsyrien sein mußte und in Wirklichkeit auch war. Die Lasttiere schickte ich unten herum durch die Täler und gab Fāris strenge, leider nutzlose Anweisung, unterwegs nicht zu säumen. Ich selbst machte mich mit Michaïl und Nadjīb auf, zwei Gebirgszüge, den Djebel Bārischa und den Djebel el 'Ala zu überschreiten. Es ist am besten, Felsen zu Fuße zu überklettern, wer aber die ganze gymnastische Leistungsfähigkeit eines Pferdes kennen lernen will, der muß über den Djebel el 'Ala nach Kalb Lōzeh reiten. Ich glaubte über diesen Punkt ganz genau Bescheid zu wissen, muß aber gestehen, daß dieser Streifzug meine Kenntnis um ein ganz Erhebliches erweitert hat. Nachdem wir einen unerträglich steinigen Berg westlich von Mehes gerade hinaufgeklommen waren, erreichten wir den Kamm des Djebel Bārischa.
Der Boden war hier vielfach mit Felsblöcken bedeckt, aber zwischen denselben erblickten wir kleine Olivenhaine, Weingärten und winzige Kornfelder verstreut. Jeder Vorsprung, jede Vertiefung war ein Garten voll wilder Blumen: große blaue Iris entfalteten ihre schlanken Knospen im süßduftenden Lorbeerdickicht, und die Luft war mit dem Wohlgeruch des purpurfarbenen Seidelbast erfüllt. Und in diesem Paradies wohnte ein sauertöpfischer Bauer, der unliebenswürdigste und schweigsamste Mensch, den man sich denken kann. Nach viel erfolglosem Verhandeln (er verlangte ungeheuerliche Preise für alle Dienste, und da wir in seiner Hand waren, mußten wir auch schließlich nachgeben) willigte er ein, uns nach Kalb Lōzeh zu bringen, und führte uns auf einem steilen, in den Felsen gehauenen Pfad den Djebel Bārischa hinab. Er fiel so gerade ab und war so schmal, daß wir uns nur mit größter Mühe an einigen Frauen vorbeidrücken konnten, die mit Bündeln von Reisig — Reisig! es war blühender Lorbeer und Seidelbast — vom unteren Abhang heraufgestiegen waren. Am Fuße dieses halsbrecherischen Abstiegs lag ein tiefes Tal, an dessen einem Ende ein See erglänzte, und vor uns erhob sich der Djebel el 'Ala, meinem Ermessen nach nicht mehr als eine Steinmauer, die kein Roß zu erklimmen vermochte. Unser einsilbiger Führer — glücklicherweise habe ich seinen Namen vergessen — gab uns zu verstehen, daß unser Weg dahinauf lag, und da Nadjīb beizustimmen schien, folgte ich sinkenden Mutes. Es war unbeschreiblich. Wir sprangen und stolperten über die Steinblöcke, und unsre Tiere sprangen und stolperten hinter uns drein; sie taumelten am Rande kleiner Abgründe dahin, in denen ihnen beim Hinabstürzen jeder Knochen zerschmettert worden wäre. Aber die Vorsehung wachte über uns, und unversehrt gelangten wir hinauf, wo sich unseren Blicken eine ebenso liebliche Landschaft zeigte, wie sie drüben auf dem Djebel Bārischa hinter uns lag. Am Rande eines Olivenhaines machte unser Führer kehrt, und wir erreichten nach wenig Augenblicken Kalb Lōzeh.
Kalb Lōzeh.
Ob die große Kirche je von einer umfangreicheren Niederlassung umgeben gewesen ist, weiß ich nicht; jetzt finden sich nur noch wenige Häuserruinen vor, die Kirche steht fast ganz isoliert. Kaum ein anderes Denkmal syrischer Kunst kommt ihr gleich. Schon beim ersten Blick wird das Auge des Beschauers gefesselt von dem turmtragenden Narthex, den weiten Ausbuchtungen des Schiffes, der mit Säulen geschmückten Apsis, der unvergleichlichen Schönheit des architektonischen Bildwerkes und den tadellosen Größenverhältnissen; schaust du aber näher hin, so wirst du innewerden, daß du hier nicht nur die höchste, letzte Vervollkommnung der syrischen Kunst, wie sie allein durch Jahrhunderte währendes Streben erreicht werden konnte, vor dir hast, sondern daß dieses Bauwerk den Anfang eines neuen Kapitels in der Architektur der ganzen Welt bezeichnet. Der romanische Stil in seiner edlen Einfachheit ist ein Kind Nordsyriens. Es ist ein dankbares Feld für die Phantasie, zu überdenken, wie sich das Genie dieser Architekten weiter entfaltet haben würde, wäre es nicht durch die arabische Besitzergreifung gehemmt worden. Sicher ist, daß sie eine große Künstlerschule gebildet hätten, die sich vielleicht stark an die klassischen Muster und sicher mehr noch an den Orient anlehnte, die aber allerorten unverkennbar ihre ebenso kühne wie edle und schöpferisch tätige Eigenart bekundete. Ein kleiner Trost liegt in dem Gedanken, daß die Schöpferkraft, die sich in Kalb Lōzeh offenbart, nie Zeit gehabt hat, in Verfall zu geraten.