jetzo wie einst noch steht er und wacht!
H. F. 125, Laertes, Unterscheidungssignal R. T. F. B., 28 Registertonnen groß, geführt vom Schiffer Klaus Mewes, lag zu Bremen-Stadt an der Schlachte mit lebendigen Schollen. Das trübe, gelbe Wasser der Weser gurgelte um seinen Bug und die Giebel der hohen Speicher blickten überlegen auf ihn herab, denn sie standen schon zweihundert Jahre und hatten Güter aller Zonen unter ihren Dächern. Auf der Kaje standen die Bremer Jungen und lachten über den kleinen Stintmajor, wie sie Störtebeker nannten. Als sie sich aber einfallen ließen, mit Steinen nach ihm zu werfen, da rief er: „Ji verdreihten Zigarrenmokers!“ (das hatte er von Kap Horn aufgeschnappt!), zog seine Seestiefel aus und ging ihnen mit der Handspake und mit Seemann zu Leibe, bis sie die Flucht ergriffen.
Die Bremer Bürgerfrauen, Fischweiber, Kökschen und Arbeitsleute waren minder stolz als die alten Speicher und minder feindselig als die Jugend: sie kamen mit Körben und Netzen, mit Taschen und Eimern, besahen die Fische und kauften und kauften. Klaus Mewes, der auch die Bremer zu nehmen wußte, war den Fang bald los, zumal er ganz allein an der Schlachte lag. Der verrufene schiefe Weg nach Bremen hielt die andern Ewer fern.
Um die letzten Stiege stritten sie förmlich: ein Kampf um die Scholle entbrannte, dem Klaus Mewes lachend und mit seiner vollen Tasche klirrend zuguckte, bis er sagte: „Nu is de Putt ut: Hein Mück, deck de Luken to!“ Dann zählte er mit Störtebeker die vielen Groschen, Marken und Taler: es war wieder eine gute Reise, die die vielen Wind- und Stillentage, die dahinter lagen, lachend vergessen ließ.
Nach Mittag machten Klaus Mewes der Große und der Kleine und Kap Horn sich landfein und wiesen einander Bremen. Zunächst steuerten sie wie alle Fremden nach dem Markt und besahen den gewaltigen Dom, die graue Börse, den vergoldeten Schütting, das gründachige, verwitterte Rathaus und das hohe, steife Standbild, die Rolandssäule. Störtebeker gefiel von all diesen Bauwerken eigentlich nur der Dom mit den beiden hohen Türmen: das Rathaus war ihm viel zu alt und zu voll von Grünspan; das könnten sie auch mal abschruppen, meinte er vorwurfsvoll. Der Roland aber war ihm nicht bunt genug und machte ein zu dummes Gesicht: als wenn er nicht bis fünf zählen könne, lachte er.
Er verstummte aber, als sie dann am Denkmal des Heidenbekehrers Wilhadi vorbei in den halbdunkeln, riesengroßen Dom traten, mit den leuchtenden Glasmalereien und der reichen Pracht der Wände, die dem nordischen Gotteshaus etwas Südlich-Katholisches gaben; — denn da gingen sie unhörbar auf weichen Teppichen und alles war so still und so feierlich, wie es den Morgen gewesen war, als sie hinter Langeoog gelegen hatten und das Läuten der Glocken zu hören gewesen war. „Hier in Bremen hett de lebe Gott dat doch beter as in Finkwarder,“ flüsterte er seinem Vater zu, der leise lachen mußte.
Sie besahen den Bleikeller unter dem Dom, in dem keine Leichen verwesen und in dem die Särge reihenweise stehen. Schwedische Gräfinnen, englische Majore, bremische Bürger lagen da gelb und lederartig in offenen Steinsärgen und die Ecken waren mit Totenschädeln ausgefüllt. Um die fortwirkende Kraft des Gewölbes zu beweisen, hingen auch frische Ratten, Hühner und andres Getier an den Pfeilern. Die trockne Luft des Raumes benahm den Seefischern fast den Atem, weshalb sie sich dort nicht lange im Schnack aufhielten.
Als sie wieder vor dem Dom standen, sagte Kap Horn, er könne den bösen Geschmack nicht wieder aus dem Munde los werden. „De mütt dolspeult warrn,“ sagte Klaus, „lot uns man eenen genehmigen! Kumm, de Rotskiller is jo bi de Hand!“
„Rotskeller? Büst nich klok, Klaus? Dat is bloß wat for de Groten, for Reeders un Käppens, dor gifft bloß Wien, Minsch!“ rief der Janmaat, aber Klaus Mewes nahm ihn unter den Arm und bugsierte ihn in den von Hauff und Heine besungenen Bremer Ratskeller hinein.
„Een van de Groten bün ik ok,“ sagte er stolz, „ik bün Reeder un Käppen un Wien mag ik ok un up de scheune Reis kann sowieso een up stohn! Kumm, Störtebeker!“