Er stand dicht am Setzbord — und der Ewer holte in diesem Augenblick plötzlich weit über! — da sackte er langsam nach hinten über und fiel über Bord in die See hinein.
Mann über Bord!
Klaus Mewes, der wohlgefällig den Steinbutt betrachtet hatte, erhob sich jäh von dem Hummerkasten, auf dem er saß, warf Fisch und Messer hin, stürzte nach dem Achterdeck und sprang dem Jungen nach, den er unter dem Wasser spaddeln sah, denn die See war sehr klar und man konnte beinahe Grund sehen. Zu spät dachte er daran, daß er die schweren Stiefel hätte ausziehen sollen. Sie waren ihm sehr hinderlich: er faßte den Jungen nicht und hatte Mühe, wieder an die Oberfläche zu kommen. Wie Blei hing es an ihm.
Da schwamm der Junge. „Hol di, Klaus, fix roonen!“ „Jo, Vadder!“ Bevor er zum zweiten Mal untertauchte, war sein Vater bei ihm und griff ihm unter die Arme. „Lot den Butt doch los, Junge!“ „Ne, Vadder!“ Zum Glück sah Klaus Mewes den Rettungsring treiben, den Kap Horn über Bord geworfen hatte, und es gelang ihm, ihn zu erfassen, ehe seine Kräfte erlahmt waren.
Mittlerweile hatten der Knecht und der Junge das Fahrzeug herumgekriegt und kamen auf sie zu. Klaus Mewes erfaßte die Leine, die ihm zugeworfen wurde, und nun war Holland nicht mehr in Not: sie wurden an Bord gezogen und konnten sich verpusten.
Störtebeker hatte den Steinbutt noch in der Hand. „Son scheunen Butt schull ik wedder swümmen loten?“ sagte er vorwurfsvoll zu seinem Vater, dann aber zog er das nasse Zeug aus und hängte es an den Wanten auf, damit die Sonne und der Wind es trockneten.
„Up See mütten Kummer gewinnt warrn,“ sagte er lachend zu Kap Horn, der ihn kopfschüttelnd betrachtete, ging in die Koje, suchte sich trocknes Zeug aus dem Beutel und setzte sich geruhig wieder bei den Knurrhähnen hin, als wenn nichts geschehen wäre. Was war’s denn auch weiter: er hatte bloß einmal über Bord gelegen.
Dreizehnter Stremel.
Is de Sommer all her? — fragen die Frauen, die einander begegnen, denn ein grieser, nebeliger Tag liegt auf der Niederelbe, die bei tauber Tide schwerfällig ebbt. Nach starken, nächtlichen Regengüssen ist die Luft dick geworden. So diesig ist es, daß die Sonne kaum einen Schatten werfen kann. Wie der Mond steht sie am Heben, eine weiße Scheibe ohne Strahlen. Den Daak vermag sie nicht zu vertreiben.
Im Fahrwasser besinnt alle Schiffahrt sich auf die kaiserliche Verordnung und erhebt ihre warnende und sichernde Stimme, um Zusammenstöße zu vermeiden. Die vor Anker liegenden Bagger läuten die Glocke, die kreuzenden Segler blasen auf dem Ochsenhorn und die Dampfer tuten und brummen ununterbrochen auf der ganzen Strecke von Neumühlen bis Blankenese, daß man meinen könnte, mitten im Hamburger Hafen zu sein. Der Rauch, der den Schornsteinen entquillt, hat nicht die Kraft, sich zu erheben. Müde sackt er auf das Wasser. Alle Segel und Schiffe haben etwas Formloses, Gespenstisches.