Gesa stand regungslos im Dunkeln. Es war ihr, als hörte sie eine Stimme hinter sich, die sie lange nicht mehr vernommen hatte, die ihrer Mutter auf der Geest: das ist ein Traum, Gesa, wenn du dich besinnst und die Augen aufmachst, dann stehst du nicht mehr auf der Ewerdiele und siehst kein Licht mehr: dann ist alles dunkel und du findest dich in deinem einsamen Bett am Deich wieder. Sieh deinen Jungen still an und halt ihn fest, den Traum ...

Da rief Störtebeker: „Dat is wat to dull mit di, Hein Mück, jedesmol mokst du de Brotklütjen to sult!“ Und er stand auf, um aus dem Wasserfaß auf der Diele zu trinken. Als er die Tür aufriß, war es mit Gesas Kraft zu Ende.

„Klaus, mien Klaus!“ schrie sie auf und sank um.

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Schiffer und Frau waren allein in der Kajüte: als Klaus Mewes seine Gesa aufgehoben und in das Licht getragen hatte, waren die andern einer nach dem andern hinausgeschlichen, um nicht zu stören.

Hein Mück war nach dem Tingeltangel gegangen, um sich etwas vorsingen zu lassen, Kap Horn und Störtebeker aber standen auf Deck und guckten nach dem englischen Dampfer im Trockendock von Wenke, an dem noch bei Licht eifrig gearbeitet wurde. Der Junge war schweigsam geworden: er gab kaum noch Antwort, denn er ahnte, daß es unten um ihn ging, daß er von Bord sollte. Der Knecht fühlte es auch und machte sich Gedanken darüber.

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Es ging um Störtebeker.

Zäh und leidenschaftlich rang die Mutter um ihr Kind, mit krankhafter Heftigkeit verlangte sie es zurück, sie drohte und warnte, bat und schmeichelte, weinte und schluchzte. Ruhig und gelassen verteidigte Klaus Mewes seinen Jungen und lachte ihrer Angriffe. Er gab nicht so leicht etwas auf, was er hatte, und hielt es meistens mit dem lübischen Recht: wat wi hebbt, dat hebbt wi! Und hier stand er auf gutem Grund und Boden, denn das Recht der Gesunden schien ihm höher zu stehen als das der Kranken. Aber Gesa ließ nicht nach: die lang unterdrückte und gehemmte Mutterliebe gab ihr Worte und Gedanken ein, die ihn schließlich doch aus seiner Ruhe brachten. Und als er sich hinreißen ließ, heftig zu werden, da verspielte er schließlich. Er mußte einwilligen, daß der Junge mit nach Hause reise. Als er sein Wort gegeben hatte, stand er auf und ging unruhig auf und ab. Er war uneins mit sich geworden und es rief beständig in ihm: du steuerst verkehrt, Klaus Mewes, du steuerst verkehrt! Gib den Jungen nicht hin, laß ihn nicht von Bord: der gehört zu dir und zu niemand anders! Aber er hatte sein Wort gegeben, ihn vor dem Herbst abzumustern, nicht einmal, siebenmal hatte er es versprochen, und mußte es endlich halten, denn Gesa war gekommen und hatte die Unruhe und den Herbst in sein Herz gebracht. Sie wollte nicht ohne den Jungen von Bord gehen und ging nicht ohne ihn von Bord.

Ein schiefes, verkehrtes Ende der schönen Sommerfahrt war dieser Beschluß, darüber kam er nicht hinweg. Er hätte den Jungen selbst nach dem Neß bringen müssen, mit seinem Ewer: darein hätte er sich vielleicht gefügt! Noch einmal machte er den Versuch, Gesa zu bewegen, an Bord zu bleiben und die eine Reise, die gewiß nach der Elbe gehen solle, mitzumachen, aber sie ging nicht darauf ein. Er mußte Wort halten.