Dem alten getreuen Knecht erging es wenig besser, auch er hatte die halben Segel back gebraßt und konnte keine Fahrt machen. Störtebeker fehlte vorn und achtern. Wieviel er von dem Jungen hielt, fühlte er erst jetzt so recht.
Mitunter sahen Schiffer und Knecht einander scheu an, wie Leute, die kein gutes Gewissen hatten, denn sie hatten ihren fröhlichen Maaten verraten und verkauft, wie die Kinder Israel ihren Bruder Josef, und fühlten, daß sie das nicht wieder gutmachen könnten und daß der Junge es nicht verwinden noch vergessen würde.
Als das Wetter gegen Abend aufklarte, setzten sie die Segel auf und gingen hinaus, um auf See Trost zu suchen.
Vierzehnter Stremel.
Der Deich war noch nicht eingesunken und die Elbe war noch nicht zugeschüttet, kein Graben war ausgetrocknet und keine Esche war umgeweht, Kluß saß noch struppig und vergnügt in seinem Hummerkasten und die Kaninchen musselten noch in ihrem Stroh herum: das ganze bunte Reich auf dem Neß war noch so, wie es vorher gewesen war, aber der mit der Eisenbahn von der Weser zurückgekommen war, der war anders geworden, der ging wie ein Fremder den Deich entlang und stand wie im Traum unter den Linden. Er fand sich nicht mehr in seinem kleinen Herzogtum zurecht, weil er es nicht wollte.
Zu viel hatte er von der See und von der Schiffahrt gekostet! Was galten ihm noch die schmalen, seichten Gräben, der die ungeheure, tiefe See gesehen hatte! Was galten ihm noch Blankenese und das Alteland, der auf Helgoland und in Bremen gewesen war! Was sollte er noch mit den Gören spielen, der einen ganzen Sommer Seefischer gewesen war und einen großen Fischerewer allein gesteuert hatte, was sollte er mit ihnen durch den Schlick waten oder am Bollwerk spaddeln, der vom Steven hinabgesprungen war und mit seinem Vater in der See geschwommen hatte!
Wohl fütterte er sein Viehwerk wieder, er fischte in den Gräben und streifte in den Pütten umher, aber er tat es nur, um sich die Zeit zu vertreiben, und nicht, weil es ihm Spaß machte. Wenn er wenigstens seine Siebenmeilenstiefel gehabt hätte, die er an Bord zurückgelassen hatte, und seinen grünen, nordischen Kahn, der noch unter den Luken stand!
Wie in einem Gefängnis verbrachte er seine Tage, ging seiner Mutter weit aus dem Wege und guckte viel nach dem Ewer aus, denn wenn er seinem Vater auch gram war, so verlangte ihn doch schon wieder sehr nach ihm: das Leben ohne seinen Vater war überhaupt kein Leben mehr für ihn.
Mit den andern Jungen konnte er sich nicht mehr stellen. Nach und nach erzürnte er sich mit allen, daß zuletzt kaum noch einer mit ihm sprach und keiner mehr nach dem Neß kam, mit ihm loszugehen, denn er sprach wie ein Großer mit ihnen, befahl noch mehr als früher, konnte keinen Widerspruch mehr vertragen, namentlich nicht in Fischer- und Wetterdingen („dat mütt ik as Fohrnsmann doch woll beter weten, as du Kiekinnewilt,“ hieß es herrisch) — und das ließen sie sich bald nicht mehr von ihm gefallen. So war er die meiste Zeit allein.
Gesa ließ ihn in Ruhe. Wenn sie sich auch innerlich quälte, daß er ihr selten ein gutes Wort gönnte und einen Bogen um sie machte, so ließ sie sich äußerlich doch nichts anmerken, sondern wartete geduldig, daß die Zeit die große Wunde heile. Sie vertraute fest darauf, daß der Junge die See vergäße: so wenig kannte sie ihn.