Nach zwölf Tagen schwenkte Störtebeker den Kieker vor Freude und rief ins Haus: „Vadder kummt up!“ Gesa lächelte und dachte: ei, Klaus Mewes, ist dir die Elbe nun mit einem Mal nicht mehr zu abgelegen? Dann ging sie hinaus und fragte, wo der Ewer sei. Störtebeker ließ sie durch das Glas gucken und wies ihr einen dunkeln Punkt weit hinten, zwischen Hahnöfer und Schweinesand. Sie konnte kaum erkennen, daß es ein Fischerewer war, aber er blieb dabei, es wäre sein Vater, er kenne ihn ganz genau an den Segeln; sie könne getrost Essen machen.

Und Störtebeker behielt recht: es war sein Vater, der mit der Flut und dem Westwind herankam und größer und größer wurde. Die braunen Lappen wuchsen und der grüne Steven hob sich höher aus dem Wasser. Nun war auch die Nummer schon zu lesen: H. F. 125.

Störtebeker blieb am Bollwerk stehen und sah ihm unverwandt entgegen. Hätte er seinen Kahn schon gehabt, er wäre wieder hinausgewriggt und hätte das Fahrzeug jubelnd umkreist.

Da stand sein Vater am Ruder und Seemann lief eifrig hin und her, sprang über Schoten und Blöcke und tat, als ob er der wichtigste Mann an Bord wäre. Da stand Kap Horn im Steven hinter dem Spill, um auf den ersten Ruf des Schiffers den Anker in die Tiefe donnern zu lassen, und Hein Mück hatte schon Hand an das Fockfall gelegt.

„Höh, Vadder!“

So rief es über das Wasser und rief wieder und wieder: „Höh, Vadder! Höh, Kap Horn! Höh, Hein Mück!“

Junge, da guckten die Fahrensleute rasch auf und als sie den Jungen zwischen den Wicheln erkannt hatten, da freuten sie sich über die Maßen und winkten und riefen. Klaus Mewes hatte schon damit gerechnet, daß der trotzige Junge wegliefe, wenn er wieder nach Hause käme, und sich nicht um ihn bekümmere, — und er hätte es ihm gar nicht einmal so sehr verdacht. Wie freute er sich nun, daß Störtebeker gesund und fröhlich am Wasser stand und Ausguck hielt!

„Gohn den Draggen! Fock dol!“ scholl es dann über Deck und das Echo am Bollwerk wiederholte laut und übermütig, denn das Herz war ihm warm geworden: „Gohn den Draggen! Fock dol!“ Da gewahrte auch Seemann seinen Kameraden, den er auf See so manches Mal vergeblich gesucht hatte, wenn sein Herr fragte: neem is Störtebeker, Seemann? — und er stellte sich mit den Vorderpfoten auf den Schwertkopf und bellte grüßend, während die Kette durch die Klüse rollte und der Ewer schwoite.

Rillend fiel die Fock, dann bargen sie den großen Klüver, nahmen das Toppsegel weg, warfen das Großsegel dal und fierten die Besan herunter. Die Freude trieb die Fischer, aber dem Jungen dauerte es dennoch viel zu lange, er konnte schon gar nicht mehr warten und ging ungeduldig zwischen den Bäumen hin und her. Endlich, endlich waren die Segel zusammengebunden und das Boot konnte über Bord gesetzt werden. Es wurde aber auch Zeit, denn Störtebeker konnte sich nicht entsinnen, daß es jemals so lange gedauert hätte! War Kap Horn schon zu alt für die Fahrt geworden oder woran konnte es sonst liegen? Das ging ja bannig sinnig!

„Mien Kohn ne vergeten, Vadder!“ rief er. Klaus Mewes hob die Hand zum Zeichen, daß er verstanden hatte, und es dauerte nicht lange, da wiegte der kleine grüne Kahn sich neben dem Boot auf der leichten Dünung, die vom Fahrwasser herüberwallte. Dann nahm Hein die getrockneten Scharben von der Leine und warf sie in eine Kiepe, Kap Horn öffnete die Luken und stieg nach den Eiskisten hinunter, um einige Fische für den Deich einzupacken, Klaus Mewes aber kam mit seinem Reisekorb und einigen Beuteln in der rechten Hand und Störtebekers Seestiefeln in der linken aus der Kapp und stieg ins Boot.