Sein Vater beschrieb ihm diesen Graben und sagte, daß es damals noch keinen Deich gegeben habe und daß die kleine Elbe ein Priel von der großen gewesen sei, aber er konnte es dem Jungen doch nicht recht verdeutschen, der sich einen so breiten Graben eben nicht vorstellen konnte, und es blieb schließlich nichts andres übrig, als daß sie eine kleine nächtliche Expedition nach dem Seeräubergraben ausrüsteten, die trotz der großen Einwendungen von Gesa sofort ausrückte und der sich auch Kap Horn und Seemann freiwillig anschlossen.
„Klaus, blief hier, dor sitt de Brummkirl innen Groben un holt di!“
Der Junge lachte sie aus und sagte, während er sein wollenes Halstuch umband: „Brummkirl gifft ne, Mudder.“
„So?“
„Hett Vadder seggt! Dor ward bloß lütje Kinner mit bang mokt, wat se ne bit Woter gohn scheut.“
Dann schlug die Haustür knallend zu, und Gesa war wieder allein. Wie die Brechseen über dem kleinen Ewer, so schlugen die Gedanken über ihrem Kopfe zusammen; sie konnte sich ihrer nicht erwehren und konnte auch die quellenden Tränen nicht hemmen! Warum mußte sie so erschaffen sein, daß sie nicht getroster Hoffnung und fröhlichen Herzens an die Seefahrt denken konnte, warum konnte sie sich der Keckheit ihres Jungen nicht freuen? Warum nicht, warum nicht? Sie war doch jung und gesund: warum mußte sie da immer wieder zusammenbrechen und klein und verzagt werden, warum konnte sie ihn nicht los werden, den furchtbaren Gedanken, daß sie den Ewer auf See untergehen und den Jungen ertrunken im Graben sehen solle? Warum wagte sie es nur mit heimlichem Grauen, helle Kleider zu tragen?
Sie begriff es nicht, daß eine Seefischerfrau, wie die kleine Metta Holst, die doch auch nicht am Deich großgeworden war, sondern wie sie von der Geest stammte, es aushielt, daß sie so fröhlich lachen und singen konnte und abends in der Schummerei geruhig auf dem Deich unter den Linden hinter dem Spinnrad saß und spann: denn ihr Mann und ihre beiden Söhne fuhren auf einem Ewer, schwammen auf einem Stück Holz in der See. Ein Blitzstrahl, eine Brechsee konnte ihr ganzes Leben verschütten, ihr ganzes Haus verdunkeln, ihr alles, alles nehmen — und doch konnte sie singen und lachen, die Frau. Daß eine so fest stehen konnte!
Gesa schüttelte den Kopf.
Der Junge glitt ihr ganz aus den Händen. Sie hielt viel von ihm, gewiß ebensoviel, wie andere Frauen von ihren Kindern. Und wenn sie ihn zügelte und ihm wehrte, wenn sie ihn dem Wasser fernzuhalten suchte, was trieb sie anders dazu als die Liebe? Bis zu drei Jahren war der Junge ein rechtes Mutterkind gewesen, das ihr Schürzenband kaum losgelassen hatte, und sein Vater hatte sich wenig mit ihm abgegeben, sondern nur immer lachend erklärt, daß er mit so kleinen Gören nicht umzugehen wisse: ein Mann, der ein kleines Kind auf dem Arm habe, komme ihm vor wie ein Hahn, der auf Eier gesetzt sei. Zwar hatte er den Jungen zuerst wohl alle zwei Stunden geweckt und dabei gesagt, das müsse er beizeiten lernen, denn später beim Schollenfang hieße es auch: alle zwei Stunden raus! — aber es war nur Spaß gewesen, wie es auch Spaß gewesen war, wenn er ihn auf und ab schaukelte, um ihn an die Dünung zu gewöhnen und ihn seefest zu machen, wozu er sang: So dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber, so dümpelt de Eber up See ...
Dann aber, als der Junge anfing zu sprechen und zu begreifen, war es anders geworden: da kam der Ernst. Da wurde er ausgelacht, weil er ein Mutterkind war, und von ihren Wegen abgelenkt, da wurde das Wort gesprochen: Ne bang wesen, Junge, anners kummst du ne mit no See! Ne schreen, Klaus, anners kann ik di noher an Burd ne bruken, denn müß du Kleigrober oder Kristoffer Bullerballer warrn! Da war der Brand in die Kinderseele hineingeworfen worden und hatte sie verheert! Da war ihm der Kompaß in die Brust gesetzt worden, der beständig nach der See wies und all sein Tun und Lassen lenkte.