Dann kam der Kahn, der grüne nordische Kahn, von dem Gesa glaubte, daß ihr Mann ihn vom Teufel gekauft hatte und nicht von dem norwegischen Schuner, wie er behauptete. Den bekam der Junge zu seinem vierten Geburtstag, und damit war er der Elbe und dem Wasser verfallen, der nun mehr war als die andern Jungen am Deich: Reeder und Schiffer. Da übertrugen die Finkenwärder den Namen des Fahrzeuges bald auf den Jungen, und aus dem kleinen Klaus Mewes wurde für jung und alt ein kleiner Klaus Störtebeker! Gesa seufzte tief, denn sie trug schwer an diesem gottlosen Namen.
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Die vier Getreuen aber standen an dem breiten, schwarzen Graben zwischen den dicken, krummen Wicheln und den schlanken, schiefen Erlen und suchten die Spuren von Klaus Störtebeker. Sie bestimmten den Baum, an dem er sein Admiralsschiff festgehabt hätte, und durchforschten die hohlen Stämme nach Gold, das er vielleicht hineingesteckt haben könnte. Das faule Holz glomm auch wirklich wie Silber, so daß der Junge alle Augenblicke ausrief: „Hier sitt dat Gild, hier sitt dat Guld!“ und sie von einer Wichel nach der anderen lockte.
Klaus Mewes aber guckte viel nach dem Bauernhof auf der zehn oder zwölf Ewerlängen entfernten deichhohen Wurt, der bei den alten Leuten noch der Grönlandshof hieß, weil in alten Zeiten die hamburgischen Walfischfänger neben ihm geankert hatten. Dorther stammten er und die ganze, weitausgebreitete Sippe der Mewes: auf dem Grönlandshof hatte der alte Vogt holländischen Blutes gesessen, der aus einem Bartholomäus zu einem Bartel Mewes geworden war. Seine Jungen und Enkel dann, die hatten es herausgefunden, daß es besser sei, die grüne See zu pflügen als das braune Land, und sie waren nach dem Deich gezogen und Schiffer und Fischer geworden. Das Bauerngeschlecht der Mewes war ausgestorben: die seefahrenden Mewes aber waren immer noch groß am Ruder und machten ein Drittel der Fischerflotte aus, während das zweite und letzte Drittel den Focken und Külper zukam.
Seefischerei! Klaus Mewes sehnte sich nicht nach der Bauerei zurück und tauschte seinen lieben, großen Ewer gewiß nicht gegen den ganzen Grönlandshof.
Dritter Stremel.
Den Montag, der als ein schöner, stiller Vorfrühlingstag über die Elbe kam, fing Klaus Mewes mit früher Arbeit an, er schleppte Segel und Kurren mit seinen Leuten über das Eis, machte die beiden Kurrleinen fertig und eiste dann das Fahrzeug ringsum frei, damit Raum für den notwendigen Anlauf gewonnen würde, denn er hatte keine Ruhe mehr: das Eis trieb nicht weg und konnte noch wochenlang liegen bleiben: da mußte er Gewalt anwenden!
Hein Mück, der erst gegen Morgen von Musik gekommen war, konnte kaum die Augen offen halten, aber sein Tappen half ihm nichts: er bekam die nassen Fausthandschuhe zu schmecken und mußte tüchtig daran glauben.
Halbermittag ging Kap Horn den Deich entlang, um anzusagen für die große Arbeit, die gleich nach dem Essen angegriffen werden sollte. Kap Horn war der rechte Mann für so etwas, denn er konnte gut klönen; zwar dauerte es Stunden, bis er die hundertfünf Häuser abgeklopft hatte, aber er hatte dafür auch die Genugtuung, acht Tassen Kaffee und zwei Kirschenschnäpse eingegossen bekommen und alle an Land befindlichen Mannsleute angeworben zu haben. Störtebeker begleitete ihn ein Stück und lief dann nochmal nach dem Schuster und mahnte ihn um die langen Stiefel, freilich, ohne daß er sie gekriegt hätte.
Dann trabte er wieder nach dem Neß und half seinem Vater, dem er in allen Schiffsdingen der unermüdlichste und aufmerksamste Helfer war. Ein so großer Stankmacher und Ausfresser der Junge sonst war: solange er bei seinem Vater stand, vergaß er alles andere und war nur noch der lerneifrige, vielfragende Schiffsjunge.