In der Dämmerung mußte er nochmal den Deich entlang und Graupen und Zucker vom Krämer holen. Damit war sein Tagewerk beendigt.
„Noch süß Dog, Mudder, denn kummt Vadder all wedder,“ sagte er zuversichtlich, als er die Stiefel auszog.
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Ungefähr so wie diesen Tag füllte Störtebeker auch die anderen Tage aus, ohne rechte Lust und rechten Wind, und wartete auf den großen, schönen Ewer mit den hohen, braunen Segeln, dem grünen Bug und dem rot und weißen Flögel. Als es an der Zeit war, daß sein Vater aufkommen konnte, stand er stundenlang auf dem Deich oder am Bollwerk, wenn Flut war, oder er saß im Wipfel der Linden vor der Tür und blickte nach den vorbeisegelnden Fischerfahrzeugen. Er suchte einen grünen Ewer und einen blauweißen Stander, der von Godefroo bis zur Nienstedter Kirche wehen mußte, nicht länger, wenn es der rechte sein sollte: das wußte er. Zwar wartete er auch noch auf das Trockenwerden des Feeks, des angetriebenen Schilfes, am Westerdeich, auf das Schmelzen des Eises, auf die Besserung der Grabenfischerei, auf das Jungen des Kaninchens und auf das Fertigwerden der Seestiefel: aber das waren doch nur Kleinigkeiten gegen das große Warten auf seinen Vater.
Außer seinem Elternhaus und zwei älteren Häusern stand auf der Neßhuk nur noch eine alte Kate, in der Sill wohnte, eine alte, wackelige Frau, die im Winter Wurstprökel machte und Strümpfe anstrickte. Auch nahm sie die Schinken in Pflege, denn die Kate hatte keinen Schornstein, und aller Torfrauch sammelte sich auf der Diele, die die beste Rauchkammer weit und siet abgab. Im Sommer spielte sie Fischfrau in Hamburg, auch suchte sie Regenwürmer mit der Laterne für die Aalfischer. Sill war ein wenig wunderlich geworden in ihrem harten Leben und galt auf dem Eiland allgemein als eine Hexe, die einem etwas antun konnte. Sie trauten ihr nicht, aber sie hüteten sich, es merken zu lassen. Niemand verdarb es gern mit ihr, denn manchem Fischermann, der sie schief angeguckt hatte, war es schlecht ergangen, er hatte den Mast abgebrochen oder andere große Haverei bekommen, die Kurre eingebüßt oder nichts gefangen. Manch einen gab es am Deich, der an Hexen und Blaufärben glaubte und nicht fuhr, ohne sein Fahrzeug vorher gehörig ausgeräuchert zu haben. Man mußte Thees to Baben hören, den Hexenmeister, dann wußte man erst Genaueres über die mannigfaltige Tätigkeit dieses Weibes.
Einmal hatte Peter Külper seine Kurre geloht und sie zwischen den Eschen zum Trocknen aufgehängt. Nachts wachte er mit einem Mal auf und es trieb ihn, aus dem Fenster zu gucken, da sah er die alte Sill im Mondlicht zwischen den Bäumen gehen und bemerkte, daß sie seine Kurre berührte. „Nu bün ik behext,“ dachte er. Am Morgen besah er die Kurre genau und fand einen Pfennig, in das Steerttau geklemmt. Er pulte ihn heraus und vergrub ihn, und das war sein Glück, denn sonst hätte er das Netz auf der ersten Reise gleich an den Steinen zerrissen. Also sprach Thees to Baben.
Einer der wenigen, die von solchem Hünenglauben nichts hielten, war Klaus Mewes, der Lachende, und als er einmal darüber zukam, als Gesa dem Jungen einschärfte, doch ja nichts von der Frau anzunehmen, keinen Apfel und keine Birne, da sagte er ernsthaft: „Mudder, gläuf doch ne an Hexen un sowat. De arme Froo kann ne mihr as du. Wat schull de den Jungen woll geben? De freit sik, wenn se sülben wat to bieten hett!“ Und dann sagte er, um das Unrecht gutzumachen, das Gesa ihr nach seinem sicheren Gefühl zugefügt hatte: „Wi hebbt noch en poor Schullen ober: kumm, Störtebeker, un bring Sill de hin!“ Der Junge tat es: Sill war vergnügt und wollte ihm einen Apfel schenken, aber sie konnte nicht gleich einen finden und sagte ihn für später zu.
Als Störtebeker einen Tag wieder von seinem Kahn kam, dachte sie daran, klinkte die Tür auf und sagte: „Mol rin, Jung, schallst wat Scheuns hebben.“
Er ließ sich nicht lange nötigen, aber er guckte sich erst um, ob ihn die Mutter auch sah. Als die Luft rein war, trat er auf die dunkle Diele, denn bange war er nicht. „U, Sill, wat bitt de Rook mi inne Ogen,“ rief er.
„Jä, jä, de Rook! De is slecht för de Ogen, obersen god för de Schinken,“ sagte die Alte und kroch in das Kellerloch hinein, das unter den Wandbetten war.