Störtebeker verachtete natürlich auch diese Kost nicht, aber er sagte doch: „Van wegen beter, Mudder, dat will ik di man seggen: ik mag Kant leber as Prins!“
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Einige Tage danach brachte ein starker Westwind eine hohe Tide Wasser und brach die Fleek, das Eis, in tausend Stücke, schob das meiste davon auf den Deich und ebbte den Rest nach der See hinab. Dann machten Regen und Sonnenschein reine Bahn bis auf die Sandhügel und Schlickhaufen im Gras. Nun hatte Störtebeker freies Wasser für seinen Seeräuberkahn, er konnte wriggen und rudern, soviel er wollte. Jede Tide stieß er eben vor der Flut vom Sielgraben ab, ließ sich stromab treiben und legte sich zwischen Blankenese und dem Schweinesand auf die Lauer, warf den Draggen aus und harrte der Schiffe, die mit der Flut heraufkommen sollten, denn jetzt mußte und mußte sein Vater bald dabei sein. Zehn Tage war er schon weg. Die Dünung der Dampfer tanzte mit seinem Fahrzeug auf und ab, — das erfreute ihn, denn so mußte er doch zuletzt seefest werden.
Wie er spähte! Wenn große Drei- oder Viermaster vorbeigeschleppt wurden, warf er den Kopf in den Nacken und guckte nach den Rahen und Masten hinauf. Dampfer sah er feindselig an, denn er wußte, daß sein Vater nichts von den Stiemkästen hielt und daß auch Kap Horn nicht gut auf sie zu sprechen war. Was da sonst noch segelte und kreuzte, Dreuchewer, Jalken, Kuffen, Schaluppen und Galjassen, fand auch wenig Gnade vor seinen Augen, das waren Dwarstreiber und Torfschipper bei ihm.
Aber die richtigen Ewer, die Fischerewer, das waren Schiffe für ihn, denen wriggte er entgegen und die begrüßte er: „Hebbt ji Vadder ne sehn? Hett he ne bi jo fischt? Kummt he bald?“ Wußten die Fahrensleute dann mitunter nicht, wer er war, die Auer oder die Lüneburger, dann drehte er einfach seinen Kahn so, daß sie seinen Namen „Klaus Störtebeker“ lesen konnten, — dann wußten sie gleich Bescheid und dann hieß es ja oder nein, sie hätten bei ihm gefischt, er käme bald, oder sie hätten ihn nicht gesehen, er müsse wohl in der Süd zugange sein oder er wäre nach der Weser gesegelt. Es waren auch Schelme da, die riefen, sein Vater sei nach Janmerika gefahren und käme erst Weihnachten wieder. Und Besorgte, die ihn ermahnten, nicht so weit hinaus zu schippern, sondern am Bollwerk zu bleiben. Nur was er am liebsten hören wollte: daß einer sagte: „Dor seilt dien Vadder, dor achter: schipper em man inne Meut!“ — das bekam er nicht zu hören, und den schönsten Ewer kriegte er nicht zu sehen, so weit er auch blickte.
Hinter ihm machten sie die Flagge klar, um dem Deich zu winken und die Frauen zu grüßen: er sah es mit einem bitteren Geschmack im Munde.
Abends wriggte er niedergeschlagen zurück. Wenn er dann noch den Deich entlang mußte, benachrichtigte er wohl die Frauen, deren Männer aufgekommen waren: Geschen, ik hebb mit Hannis snackt: du schullst man noch mit den Negendampfer nokommen! Oder: Trino, Hein is upkommen, hett tweehunnert Stieg Schullen. Und wenn auch die Frauen meistens schon Bescheid wußten, wenn sie auch schon gewinkt hatten, so freuten sie sich doch der Bestätigung und sahen den kleinen Störtebeker freundlicher an, um so eher, als er nicht für Geld ansagte, wie die andern Jungen, die sich gemeinsam ein Fernrohr gekauft hatten und einen förmlichen Fischerfrauenbenachrichtigungsdienst auf Teilung unterhielten. Störtebeker aber war zu stolz, Geld anzunehmen. „Behol man, ik verdeen Gild nog mit mien Fisch un mien Kninken,“ sagte er, wenn ihm eine einen Groschen geben wollte.
Einen Tag, als er draußen war, lief ein großer, grauer Manofwar, ein deutsches Kriegsschiff, dicht an ihm entlang. Schon von Schulau an hatte es sich durch langgezogenes Heulen bemerkbar gemacht — langsam glitt es nun vorüber. Er guckte es groß an, denn auf einem solchen Manofwar war auch sein Vater gewesen, als er gedient hatte. An der Reeling standen viele Mariner und guckten ihn an, weil er so jung war und doch schon mitten auf der Elbe wriggte. Mit einem Male aber winkte ein Matrose und rief: „Hallo, Störtebeker!“ Das war Jan Greun, der auf der anderen Seite von der Stegel wohnte: wat müß Hein Saß sik wunnern!
„Höh, Jan! Wat kummst du denn hier her, ik meen, du würst in Schino!“
„Lurst du up dien Vadder?“