* *
*

Kniehoch lag der Feek am Westerdeich, ein Gemengsel aus Schilf, Reet, Binsen und Gras, das die winterlichen Sturmfluten zusammengeworfen hatten, und als die Sonne es etwas getrocknet hatte, da wurde es hümpelweise in Brand gesetzt. Und der Baas der Ostermoonen war Klaus Störtebeker, er führte die Rotte der Jungen an, die jeden Tag, an dem es nicht mit Mulden goß, den Westerdeich belebte. Streichhölzer wurden immer einige aufgetrieben, und da in allen strammgezogenen Hosen Feuer saß, so qualmte ein Hümpel nach dem andern. Wie Wigwams eines Indianerdorfes sahen die Feekhümpel aus: die Jungen lagen daneben, pusteten und husteten, machten an der Windseite Luftlöcher, schleppten wieder Feek herbei und freuten sich über den dicken, weißen Rauch, der bei dem ewigen Westwind meistens das ganze Eiland durchzog und vom Neß bis nach dem Audeich zu riechen war. Jeder setzte seinen Ehrgeiz darein, die größte Ostermoon zu haben! Meistens hatte Störtebeker sie.

Die Leute auf dem Felde schalten, der Pastor wetterte in der Kirche gegen den heidnischen Greuel, der Polizist vertrieb die Jungen, die Bauern hetzten sie mit den Hunden, die Frauen taten alles mögliche, — aber die Jungen ließen sich durch nichts abhalten: sie fanden sich immer wieder zusammen und steckten die Feuer wieder an. Rauchgeschwärzt saßen oder standen sie bei ihren Ostermoonen: auf dem Deich aber ging einer von ihnen Wache, und zeigte sich etwas, ein Hund oder ein Mensch, so zerstob die Bande und verbarg sich in dem unwegsamen Inselgewirr der Püttensümpfe, zog die Bretter ab und saß in den Erlenbüschen, hinter dem Reet und den dicken Wicheln, bis die Gefahr vorüber war. Störtebeker war der letzte, der die Feuer im Stich ließ, er war auch der erste, der wieder aus den Pütten kroch, und vergaß niemals zu sagen: „Ik bün obers ne bang, Jungens!“ Er warf stets das nasseste Zeug auf, damit es tüchtig räucherte, und fand es ganz vergnüglich, auch einmal eine alte Wichel in Brand zu setzen. Abends wusch er sich Gesicht und Hände im Graben und ging befriedigt nach Hause, ohne sich um die weiterschwelenden Feuer zu quälen. „Lot man brinnen,“ sagte er zu seiner Mutter, wenn sie manchmal in der Dämmerung mit anderen besorgten Frauen hinlief und die Flammen dämpfte, damit nicht alle Bäume in Brand kommen sollten.

Ihre Strafpredigten hörte er ungerührt an: Ostermoonen müßten sein: sein Vater hätte sie als Junge auch gehabt, so verteidigte er sich und fand am andern Morgen wieder den Weg nach dem Westerdeich.

* *
*

In der Giebelstube des letzten Hauses lag ein kranker Matrose, der hieß Harm Külper und konnte von seinem Bett nach dem Westerdeich sehen.

Als ein gesunder, starker, lauter Junggast war er vor Jahren aus der Heimat gegangen — als ein kranker, schwacher, stiller Mann war er vor Wochen zurückgekommen. Er hatte alle seine Kraft zusammengenommen, um den Deich allein entlang zu gehen, und hatte die Leute noch gegrüßt, die vor den Türen gesessen hatten: aber es war ihm doch nicht möglich gewesen: beim Kirchenweg sackte er um und mußte nach dem Neß getragen werden: Andrees Fink, der Starke, nahm ihn wie ein Kind auf den Arm und brachte ihn seiner Mutter, die laut aufschrie, so weiß war sein Gesicht.

In Manaos am Amazonenstrom hatte das Fieber ihn gepackt und niedergeworfen. Nun lag er im Bett und wartete auf den Tod, denn er fühlte, daß er nicht wieder gesunden könne. Die große Fahrt war aus — über sein Seefahrtsbuch war ein dicker, schwarzer Strich gemacht worden, den er nicht wegwischen konnte.

Er war in ein Trauerhaus gekommen; seine Mutter ging in schwarzen Kleidern und die unteren Fenster waren dicht verhängt. Sein Vater und sein ältester Bruder waren mit ihrem Schiffe verschollen, während er butenlands gewesen war.

Harm Külper sah die Osterfeuer qualmen. Mit großen Augen sah er sie an, als wenn er noch im deutschen Hospital läge und träume. Er sprach nur noch selten: an stillen Tagen ließ er das Bett so stellen, daß er die Elbe sehen konnte, sonst grübelte er die ganzen Tage vor sich hin. Mit fünfundzwanzig Jahren den Tod bei der Hand fassen: wie das Seemannsherz sich dagegen wehrte! Wie er immer und immer wieder die zerrissenen Segel ansah, als könne er es nicht begreifen, daß sie nicht wieder zu machen waren.