Störtebeker ließ die Ostermoon einen Tag liegen, er hatte keine Zeit für sie, denn er war mit seinem kleinen Schiff am Bollwerk zugange und erprobte dessen Segel- und Manövrierfähigkeit.
Der andre Tag war ein Sonntag, ein heller, sonniger Tag. Weiße Wolken kamen im Westen aus der See gestiegen und segelten wie Lustkutter auf dem blauen Luftmeer. Der Matrose ließ sich von seinem Bruder die Kissen hinter den Rücken stopfen, damit er besser ausgucken konnte, und wartete auf Störtebeker. Die Mutter kam herein, mit dem Gesangbuch in der Hand, und fragte, ob er noch etwas wolle; als er verneinte, ging sie nach der Kirche und überließ die Wache dem Konfirmanden.
Störtebeker kam, aber er hielt sich oben nicht lange auf, sondern stolperte gleich wieder die Bodentreppe hinunter, um das Dankesfeuer zu entfachen. Nach kurzer Zeit loderte eine große Ostermoon auf dem Deiche, wie Störtebeker noch keine gehabt hatte: das war für das schöne Vollschiff!
Harm Külper verwandte kein Auge von ihm: da ergriff ihn mit einem Male der Gedanke: jetzt muß ich sterben! Und der ließ ihn nicht mehr los, bis er sich ihm ergab und das Ruder losließ: treib, Schifflein, treib! Da kam eine große, heilige Ruhe in sein Herz, der Schmerz verging und all das Tote, Dumpfe, das auf ihm und in ihm gelegen hatte, wich einer wunderlichen Leichtigkeit und Klarheit. Er erkannte, daß sein Leben groß und schön und sonnig gewesen war. Glitzernd und blinkend, atmend und lachend lag die See vor ihm, die große, weite See, und hohe, stolze Drei- und Viermaster segelten wie Königsschiffe vor dem Winde! Wie leuchteten ihre goldenen Namen, wie winkten die Janmaaten! Er stand auf der Back im Sonntagsstaat: in der Tür des Logis saß der Norweger und spielte auf der Harmonika: über ihm aber wölbten sich die gewaltigen Segel, von der Fock bis zu den Royals, und die Rahen knarrten. Delphine spielten vor dem Bug und Albatrosse schwebten über dem Heck! Und der Norweger spielte, bis die weißen Nocken rot wurden und die Sonne langsam ins Wasser sank ...
„Jan?“
„Wat schall ik, Harm?“
Jan hatte einige Sprüche zu lernen, die gar nicht sitzen wollten, und sah verdrießlich von seinem Katechismus auf.
„Jan, Mudder seggt, ik schall di van de Fohrt afroden. Du schallst ne no See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un Jakob ok verdrunken sünd un wenn ik ok grote Hoveree hebb un kodimmt warrn mütt! Ik ro di to, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, wenn du goden Wind inne Seils hest!“
Der alte Lebensmut flammte noch einmal in der Seele des Matrosen auf.
„Buten ist doch beter as binnen, Jan, gläuf mi dat! Wenn de Wieber ok seggt, mien Leben is verkihrt wesen: ik bün krank wedderkommen un hebb keen Sack vull Gild mitbröcht: ik segg di: mien Leben is recht wesen, un wünsch mi keen anner!“