Es war Ostern auf Finkenwärder.
An den Gräben standen die Wicheln mit silbernen Katzen, und die Erlen ließen braune Troddeln im Winde wehen. Die Pappeln leuchteten im Sonnenschein und glommen wie Frühlingsbräute mit hellblonden Scheiteln. Die Elstern bauten ihre Nester im Lande. Über den Wischen gaukelten die Kiebitze zu Hunderten, und über dem hohen Neß schwebten die grauen Reiher.
Und die Finkenwärder Fahrensleute feierten Ostern, indem sie um ihr Eiland gingen. Nur Ostern taten sie das, sonst nicht. Wann käme sonst auch wohl ein Fischermann dazu, einen Gang um sein Land zu machen? Er geht sowieso nicht gern, denn Seebeine sind nicht für Landwege geschaffen. Wintertags, wenn er zu Hause ist, lassen die grundlosen Wege es nicht zu, für die sie früher Stelzen gehabt haben, die aber abgekommen sind. Sommertags hat er zwischen Jütland und Niederland zu viel zu beschicken. Nur Ostern ging es klar.
Der Brauch entstammte der alten Zeit, als die Fischerei den ganzen Winter eingestellt war und die große, allgemeine Ausreise erst nach Ostern stattfand. Da lag es nahe, daß der Fischer nochmal seine Insel auf den Kieker nahm, bevor er sich der See für lange Monde anvertraute! Auch die Konfirmanden, die mit zur See sollten, hatten ein Verlangen, den Deich noch einmal ganz unter den Füßen zu haben, bevor sie an Bord gingen. 1887 war diese uralte Sitte noch allgemein.
Wir denken an den Ostergang im Faust, lesende Seele, an den Doktor und seinen Famulus, an Bürger und Soldaten, Scholaren und Handwerksburschen und an all das andre bunte Gewimmel vor dem Tor der bunten, mittelalterlichen Stadt Frankfurt — aber das muß verblassen vor der großen Deichwanderung der Fischer am Ostersonntag, die nachmittag anfängt und bis zum Abend währt und voll ist von Größe und Gewaltigkeit.
Breit und blau grüßt die Elbe — im Hintergrunde steigen die Blankeneser Berge auf. Dampfer gehen auf und ab. Ihr Rauch weht über den Strom. Deutsche, englische, französische, nordische und holländische Flaggen flattern im Winde, Hunderte von braunen und griesen Segeln beleben das Fahrwasser gleich Riesenvögeln, und im Osten steigen die Hamburger Türme aus dem Hafendunst auf, wie Propheten aus dem Volk. Vom Bollwerk aber und von den Schallen grüßen die blanken Ewer und Kutter, die starken, schönen Schiffe, und ihre Flögel lachen im Sonnenschein, als wenn sie wüßten, daß es Ostern ist. Da liegt Schiff bei Schiff in nachbarlicher Eintracht und jedes spiegelt sein Gesicht geruhig in dem stillen Wasser. Zwischen den Masten hängen die Kurren zum Trocknen, die sich ansehen lassen wie die Panzerhemden eines Hünengeschlechtes, das große Wäsche gehabt hat.
Das ist die eine Seite des Deiches: auf der andern stehen die Fischerhäuser mit moosbewachsenen Stroh- oder Pfannendächern, mit grünen Türen, geröteten Steinen und blanken Fenstern, hinter denen Blutstropfen, Schuhbäume, Geranien und andre Blumen blühen. Binnendeichs stehen die großen Hamenanker, die ausgedienten Kurrbäume, die aufgefischten Hummerkästen: dahinter liegen die braunen Äcker, von Gräben durchzogen, die grünen Wischen, die Wurten mit den großen Bauerhäusern, mit hohen Eschen, Linden und Eichen: Inseln inmitten der Insel.
Da kommen sie an, die Osterleute.
Zuerst die Gören, de mol üm Finkwarder snurren weut! In Scharen kommen sie und setzen am Westerdeich einen Feekhaufen nach dem andern in Brand — denn diesen Tag sind die Ostermoonen frei —, damit die Fahrensleute Leuchtfeuer haben, nach denen sie steuern können. Ihnen folgen die Schlingel, die ihre Kräfte an den morschen Wicheln versuchen, die in die Eschen klettern und in die Heisternester gucken, die über die Gräben jumpen und Enten und Gänse bange machen, die Deerns vom Deich stoßen und die Hunde reizen. Sind die vorüber, dann erscheinen die Konfirmandinnen in langer Reihe, sittsam in den langen Kleidern gehend, mit weißen Tüchern um die Schultern: aber doch summt ihnen schon der erste Schnellwalzer in den Ohren, doch gucken sie sich schon heimlich nach den Konfirmanden um, die nun kommen, etwas schwankenden Ganges, als wenn sie ihr Lebtag auf See gewesen wären. Sie tun, als hätten sie schon das kleine Schifferpatent in der Tasche und gucken die Jungen gar nicht mehr an, bekümmern sich auch nicht mehr um die Osterfeuer, sondern sprechen von Schiffen und Mädchen. Der breitrandige schwarze Hut, der Huler, sitzt verwegen auf dem Kopfe, etwas mit Backbordschlagseite, wie der Fischerknecht ihn gern aufsetzt. Jeder schmökt seine Zigarre (un noher fangt se doch all an to prüntjern).
Nach ihnen aber kommen die Seefischer, zu zweien oder dreien, in Gruppen zu fünfen oder sieben, in Schöfen zu zehn und zwanzig: die brauchen den ganzen Deich und gehen geruhig und langsam, bleiben stehen, kehren ein, sprechen mit andern, die ihnen entgegenkommen, und betrachten den Deich, die Häuser und die Schiffe, wie ein Bauer sein Vieh. Namentlich die Alten nehmen sie vor, die vor den Türen stehen oder aus dem Fenster schauen, Hein-Bruer und Jan-Ohm, Thees-Unkel und Vadder Warnk, und fragen sie nach ihrer Gesundheit und ob das Essen noch schmecken wolle. Sie sehen nach, was auf den Werften gebaut wird und wieviel neue Häuser das Jahr hinzugekommen sind. Dazwischen gilt das Gespräch der Fahrt und der Fischerei und dem Wetter. Neem hei fischt und wat hei fungen: so geht es immerzu.