Dreiundzwanzigste Untersuchung.
Die Erkenntnis der Innenwelt anderer [66]
Nicht durch einen Schluss der Analogie vermittelt, sondern
unmittelbar bei Kindern und Erwachsenen. Ansteckende Wirkung der Bewusstseinsäusserungen und Bewusstseinszustände. Actio in distans. Immediatum commercium animarum. Aristoteles, Locke, Pestalozzi als Zeugen für die Grenzen unserer Erkenntnis anderer. Wesen der Religiosität: positive Seite der Moral, persönliches Verhältnis. Selbsterkenntnis inwiefern schwieriger als die Erkenntnis anderer. Einsichtige Urteile über die sittliche Beschaffenheit anderer möglich. Verehrungssinn. Worte ungewollte Selbstbeurteilungen.
Vierundzwanzigste Untersuchung.
Geschichtliche Erkenntnisse [70]
Ist Glauben als Fürwahrhalten auf das Zeugnis anderer minderwertig gegenüber dem Wissen? Mitgeteilte Urteile keine von uns gefällten Urteile. Äussere Einsicht in die Wahrheit vermittelt durch die Einsicht, dass der Mitteilende die Wahrheit sagen kann und sagen will. Statt Glauben und Wissen zu unterscheiden sprechen wir von Kenntnissen erster und zweiter Hand. Believe, faith. Glauben im religiösen Sinne. Kenntnisse zweiter Hand weitaus überwiegend. Begriffs- und Thatsachenurteile nach ihrem Erkenntniswert. Erkenntniswert der Naturwissenschaften, der Geschichte. Natur eine gebrochene Einheit, in der Geschichte haben wir eine wirkliche Vielheit. Das Einzelne in der Natur hat keinen Eigenwert, nur wertvoll als Exemplar einer Gattung. Vom Körperlichen als solchem haben wir keine eigentlichen Erkenntnisse, wohl aber von den Beweggründen und Triebfedern menschlicher Handlungen. Das Körperliche hat im Geistigen seinen Zweck, das Umgekehrte unmöglich. Zweckbegriff von den Anhängern der mechanischen Naturauffassung durch die Entwicklungstheorie wieder eingeführt. Die Zielstrebigkeit des Aristoteles wird auf die Natur als Ganzes angewendet. Woher die Anpassung? Aristokratisches Prinzip in der Natur: nicht das Stärkere siegt der Regel nach, sondern das Vollkommenere. Entwicklung in der Natur sehr langsam, in der Geschichte augenscheinlich. Fortschritte in der Geschichte auf intellektuellem und religiösem Gebiete. Herstellung von Einheiten in Natur und Geschichte wie verschieden! Dort Mittelpunkte, Systeme des Aussereinanderliegenden, hier bewusste Einheiten vieler Personen. Persönlichkeiten in der Geschichte Träger von Ideen, damit Triebkräfte der Entwicklung. Neues in der Entwicklung: ex nihilo fit nihil. Bedeutung des Individuums in der Geschichte.
Fünfundzwanzigste Untersuchung.
Künstlerische und wissenschaftliche Inspiration [77]
Erfahrung, Vernunft und Offenbarung. Inspiration verschieden von dem Blick für das Wesentliche, von der schöpferischen Einbildungskraft. Künstlerindividualität. Intuitionen. Einfallen von Gedanken. Inspirationen: Zusammengehörigkeiten höherer Art, aufgedrängte, aufgenötigte Gedanken, Ergänzungen des Blicks für das Wesentliche, – noch keine Erkenntnisse. Zwei unverifizierbare Eingebungen über das Wesen des Körperlichen. Einbildungen und Eingebungen. Letztere stammen aus dem Reich der Wahrheit, mit dem wir zusammenhängen. Zwei Erkenntnisquellen als Ausgangspunkte für das Erkennen: a) Erfahrung, aa) Empfindungen, bb) Bewusstseinsvorgänge, b) Eingebungen. Erkenntnis nur durch das Denken möglich.
Sechsundzwanzigste Untersuchung.