An der Nordseite, gleichlaufend mit der Außenwand der griechischen Kirche, ziehen zwei Gallerien hin; die erste ist diejenige, wo heut zu Tage Markt gehalten wird für das Volk, so im Tempel nachtet und wohnet. Getreide, Grünzeug, Speisen aller Art werden da mit dem üblichen Geschrei verkauft und gekauft. Die andere Gallerie hat an ihrem östlichen Ende eine Grotte, 7' lang und 6' breit, die man das Gefängniß Christi zu nennen pflegt, als den Ort, wo er vor der Kreuzigung, bis alles zu dieser Handlung bereit gelegt war, gehalten und verhöhnt worden seyn soll. Im Osten, hinter der griechischen Kirche läuft ein Bogengang, an dem mehrere Kapellen zur Linken angebaut sind, und zwar zuerst ein Altar der Armenier; dann Pforte und Aufgang ins griechische Kloster, welches an den Tempel gebaut ist; weiter die Kapelle zur Erinnerung an die Stelle, wo um die Kleider Christi gewürfelt wurde, »auf daß erfüllet würde die Schrift, die da sagt: sie haben meine Kleider unter sich getheilet und haben über meinen Rock das Loos geworfen« (Joh. 19. 24); weiter eine Stiege zu acht und zwanzig Stufen, welche in eine Grotte hinabführt. Dort ist die jetzt den Armeniern gehörige Kapelle der heil. Helena, von vier Säulen getragen, und der Sitz, wo sie während der Kreuzauffindung betete. Dreizehn Stufen tiefer gelangt man in die Grotte der Kreuzauffindung. Am oberen Ende der Stiege steht die Schimpfsäule, 2' hoch und 1' Durchmesser, auf welcher Christus verspottet und gekrönt wurde. Nachdem man abermals an einer Pforte, die zum griechischen Kloster führt, vorüber gekommen ist, steigt man über zwanzig Stufen auf die Schädelstätte, welche gerade Raum für eine Kapelle und Vorhalle hat. Die nördliche Hälfte der Kapelle enthält die Stelle der Kreuzigung. Da, wo man voraussetzt, daß Christus auf das liegende Kreuz geheftet wurde, ist eine Marmorplatte ausgebreitet. Die südliche Hälfte zeigt das Loch, worin das Kreuz aufgerichtet stand. Der Gekreuzigte sah abendwärts, als wenn sein letzter Hauch den Sieg vorzüglich nach dieser Richtung tragen sollte! — Das Kreuz des guten Sünders war also an der Nordseite. Der Vorplatz bezeichnet die Stelle, wo Maria weinte, und wo neben ihr stand der geliebte Jünger des Herrn. »Weib, siehe, das ist dein Sohn!« und Du: »Siehe, das ist deine Mutter!« (Joh. 19). Unter der Kapelle zeigt man eine Grotte und darin die Spaltung des Felsens. »Und siehe, der Vorhang des Tempels zerriß von oben bis unten, und die Erde erbebte, und die Felsen spalteten sich, und die Gräber thaten sich auf.« (Matth. 27). In dieser Spalte, so glaubt das Volk, wurde damals das Haupt Adams gefunden; denn auf dem Golgatha soll er Gott dem Schöpfer sein letztes Opfer gebracht haben. So knüpft die Sage die beiden Epochen der Gründung und der Erlösung des Menschengeschlechtes an eine und dieselbe Stelle der Erde. Dort waren bis zum letzten Brande auch die Ruhestätten Gottfrieds von Bouillon und Balduins; diesen gegenüber aber die vier anderer lateinischer Könige. Die Male bestehen noch, sind aber in der Mauer verborgen.
Neben dem Golgatha ist der Eingang in den Tempel und der Stein der Salbung, eine Platte aus dem Marmor des Sion, roth und gelbweiß, 7' 9" lang und 1' 11" breit. Dort knieen die Gläubigen aller Sekten zuerst und küssen mit Andacht den Stein. Neben dem Tempeleingang westlich folgt eine Halle, aus welcher die Stiege nach dem armenischen Theile der oberen Bogengänge führt. Aus dieser Halle tritt man zur Rechten zwischen dem zweiten und dritten Pfeiler in die große Mittelhalle, und hat den Kreisgang um die griechische Kirche vollendet. Alle Heiligthümer, mit Ausnahme des Grabes, fallen sonach in die östliche Hälfte des Tempels. Zwischen den Pfeilern der Haupt- und Mittelhalle sind kleine Gemächer angebracht, welche die Priester zu bewohnen pflegen.
Vormals theilte man die christlichen Besitzer des heil. Grabes in acht Völkerschaften, die Lateiner, die Griechen, die Abyssinier, die Kopten, die Armenier, die Nestorianer, die Maroniten und die Gregorianer. Jetzt bestehen dort nur mehr die ersten beiden, dann die vierte und fünfte. Die Griechen haben die oberste Hand und sind die Wärter des heiligen Grabes, was bis zum letzten Brande die Lateiner gewesen sind. Beide theilen unter sich den Golgatha, und die Griechen überlassen für den Charfreitag Abend ihren Theil (die Stelle der Kreuzerhöhung) den Lateinern. Diese besitzen allein eine Orgel, halten Lampen im Allerheiligsten und auf dem Salbungsteine (den sie an die Griechen verloren) und lesen die Messe, bevor die Griechen sie lesen dürfen. Dafür halten diese in der lateinischen Kirche Lampen. Die Gregorianer verloren an die Griechen das Gefängniß Christi und die Stelle der Kreuzerhöhung; die Abyssinier an die Armenier die Schimpfsäule; die Nestorianer an die Lateiner die Kapelle der Magdalena. Die Armenier besitzen die Kapelle der heil. Helena und die der Vertheilung der Kleider. Die Kopten haben eine kleine Kapelle außen an die Westseite des Allerheiligsten gelehnt, und sind die ärmsten und ruhigsten aus allen. Die großen Messen werden auf einem Tragaltare vor dem Eingange ins Gemach des Engels gelesen. Ist die Reihe hiezu an den Katholiken, so wird nur die rechte Hälfte der Kerzen auf dem Altare angezündet; so bei den Griechen nur die linke. — Der Neid und der Haß knien, wie Teufel neben der Unschuld, hier neben der Andacht und singen mit im Chor der Frommen.
Der erste Ritt, den ich außerhalb der Stadt machte, ging durch das Pilgerthor in das südwestliche Thal. Dieses, einerseits von dem Sion, anderseits von den Höhen eingefangen, worüber der Weg nach Bethlehem führt, ist enge und felsig. Man findet ein Bend darin, hundert Schritte breit und vierhundert lang;[A] offenbar ein uralter, neben dieser Königsstadt unerläßlicher und später oft erneuerter Bau, dessen, wenn ich recht verstehe, das zweite Buch der Chroniken erwähnt als eines Werkes des Königes Hiskias, des Zeitgenossen Sancheribs des Assyrers. (XXXII. 30 und zur Erläuterung Gihons, XXXIII. 14.) Die heute das Bend umgebenden Mauern sind sarazenisches Werk.
Die Thalwand zur Rechten zeigt viele Felsengräber, meist für Familien eingerichtet und bald aus einem, bald aus mehreren Gemächern bestehend, an Arbeit roh. Eine dieser Höhlen verehrt man als diejenige, worin die Jünger nach der Gefangennehmung Christi sich geborgen haben sollen. Sie ward von den Griechen behauen, bemalt und in ein Kirchlein umwandelt, auch am Eingange verziert, und ist ein Grab, wie die anderen, mit mehreren Kammern. Nahe daran ist eine andere Grabhöhle, in die ich durch ein enges Loch mich einschob. Sie besteht aus einer gewölbt ausgehauenen Halle zu 14 Fuß ins Gevierte und aus sechs Gemächern, zwei zu jeder Seite. Jedes Gemach hat zwei oder drei Felsenbänke, worauf die Leichname in Tücher gehüllt gelegt worden sind. In einem der hinteren Gemächer ist auch ein Schacht, wie in ägyptischen Gräbern; in anderen gehen Gebein- und Moderhöhlen in den Fels ein; alle diese Gemächer sind noch jetzt voll von Gebeinen. Über einer Grabhöhle las ich ....ΤΗC ΑΓΙΑC....CΙΩΝ. Sonst fand ich nirgend Aufschriften. — Höher am Abhange ist eine breite, tiefe, in zwei Theile getheilte und mit einem mächtigen Vorbau aus christlicher Zeit versehene Grotte, worin bis vor kurzem noch die Armenier zu begraben pflegten. Die Stelle wird der Blutacker genannt, Hakeldama, den Judas um das Blutgeld erwarb (Apostelgesch. I. 19), oder den die Hohenpriester, nachdem der Verräther ihnen die Silberlinge zurückgeworfen und sich erhenkt hatte, zum Begräbniß der Pilger um dieses Geld erkauften. »Und wird derselbe Acker der Blutacker genannt bis auf den heutigen Tag.« (Matth. 27)
Die Schlucht wendet östlich und führt in das Thal Josaphat, das hier nicht über hundert Schritte Breite hat. Auch dieses schließt, gerade unter der Vereinigung der beiden Thäler, ein Bend, vielleicht das Becken Asuja, dessen Nehemias (III. 16) erwähnt. Man findet eine tiefe Cisterne dort und eine nun verlassene Moschee. Jene wird der Brunnen Marias genannt. Das Thal läuft nach Süden aus und erweitert sich dort. Die Meinung, daß im Thale Josaphat das Gericht des Herrn werde gehalten werden, gründet sich auf die Stelle des Propheten Joel:
»Die Heiden werden sich aufmachen und herauf kommen zum Thal Josaphat: denn daselbst will ich sitzen, zu richten alle Heiden um und um.«..
»Schlaget die Sichel an, denn die Ernte ist reif; kommt herab, denn die Kelter ist voll, und die Kelter läuft über, denn ihre Bosheit ist groß.«
»Es werden Haufen Volkes seyn im Thale des Urtheils, denn des Herrn Tag ist nahe im Thale des Urtheils.«