Der erste Weg, den ich durch die Stadt machte, war derjenige quer durch dieselbe von Nord nach Süd bis ans Thor von Sion und vor dasselbe. Dort, außerhalb den Mauern, bietet die Flachhöhe einen fast ebenen Platz von 200 Schritten Breite und 500 Schritten Länge. Ich denke, daß dahin Millo zu setzen komme. (Chron. 12. II. Chron. 32) Darauf steht zunächst außer dem Thore eine Kirche der Armenier, welche man das Haus des Hohenpriesters Kaiphas nennt (Matth. 26), ein schlechter Bau, etwa ein Paar Jahrhunderte alt. Weiter ist eine Moschee und daran ein Hospital; diese waren einst Kirche und Kloster, den Mönchen zum h. Franziskus von Donna Sanzia, Gemahlin des Königs Robert von Sizilien, im J. 1336 erbaut, und stehen auf der Stelle, wo man das Grab Davids und Salomons wissen will und lange verehrte. (Nehemias III.) Die Bibel sagt jedoch, daß beide in der Burg Davids begraben wurden. (Könige II. XI.) Vergleichstellen aus Jeremias (XXVI. XXXVI.) lassen vermuthen, daß unter dem Hause Davids und der Burg Davids verschiedene Orte verstanden wurden. Auf derselben Stelle soll auch das Haus Obed Edoms, des Gathithers, gestanden haben, wo die Arche des Herrn drei Monate hindurch beigesetzt blieb, bevor sie in Davids Burg gebracht wurde. (II. Sam. 6.) In der neuen Kirche wird diese Stelle verehrt als diejenige, wo Christus das letzte Osterfest hielt, das Abendmahl einsetzte, den Aposteln nach der Auferstehung erschien und den heiligen Geist über sie sandte; wo er Thomas die Finger in seine Wundmale legen hieß und sprach: »selig sind die, die nicht sehen und doch glauben;« wo er den Jüngern sagte: »gehet hinaus und prediget der ganzen Welt!« wo ferner die erste Kirche erhöht, der erste Bischof von Jerusalem, St. Jakob der kleinere, geweiht und durch St. Petrus das erste Konzilium gehalten wurde. In den Umfangmauern der Moschee zeigt man einige ältere Mauerreste, und sagt sie dem Hause angehörig, worin die Mutter des Heilands verschied. Auf dem freien Raume neben den erwähnten Gebäuden sind die Grabstätten der Christen, durch in den Boden gelegte Steine geschieden nach den verschiedenen Sekten, und eifersüchtig bewacht. — Ich besah noch Kirche und Kloster zum heil. Jakob, das schönste und reichste aller christlichen Hospitien in Jerusalem, einst den Katholiken gehörig, aber von diesen den Armeniern in der nicht erfüllten Hoffnung einer Kirchenvereinigung abgetreten. Die Wände der Kirche sind bekleidet mit in vergoldete Rahmen eingelegten Bildern; der Boden, aus feinem geglätteten Marmor, ist mit köstlichen Teppichen belegt; Kanzel und Thüren sind aus Schildkröte und Perlenmutter-Reichthum und Kunst zieren vorzüglich die kleine Kapelle, über der Stelle erbaut, wo der heilige Jakob enthauptet wurde, und die als ein vorzügliches Heiligthum verehret wird. Die Pilgerherberge ist geräumig und mit allem Nöthigen für Mann und Roß reichlich versehen. Es herrscht eine wohlthätige Reinlichkeit in allen Theilen dieses armenischen Hospitiums. — Von den weitläufigen Terrassen genießet man eines herrlichen Ueberblickes der Stadt, denn dies Gebäude krönt den südwestlichen Hügel, den ich für den Akka halte, während der nordwestliche oder höchste am wahrscheinlichsten der vielbesungene Sion ist. Morija, welcher den Tempel trug, und Bezetha sind die beiden östlichen. Mit ganzer Sicherheit läßt sich eigentlich nur Morija bestimmen, denn noch weiset er das geebnete Feld, vier Stadien ins Gevierte, worauf (Jos. d. bell. VI. 6) der Tempel stand. Da die vier Hügel Abfälle einer und derselben Höhe sind, so ist häufig Sion der allen gemeinsame Name, und noch häufiger wurden unter dieser Bezeichnung die beiden westlichen, Sion und Akka, begriffen.
Am Ostersonntage, früh 3 Uhr, also vor Anbruch des Tages, führten uns die Mönche in die Kirche zum heiligen Grabe; ein ehrwürdiger, mächtiger Bau; eine Welt, in welcher besonders zur Nachtzeit und bei dem Scheine von tausend Lichtern und Lampen, das Auge des Pilgers erst spät sich zurecht findet. Der erste Anblick schlägt mit Verwunderung und Ehrfurcht. Die Größe und Höhe der Mittelhalle, der Tempel im Tempel, die Gänge und Kirchen, die Stiegen und Höhlen; die verschiedenen Völkerschaften, welche zugleich den Gottesdienst üben; das Wohnen, Kaufen und Verkaufen in den Zwischenhallen; die Frömmigkeit, womit Christ und Mohammedaner vor demselben Grabe sich beugen, machen diesen Tempel zum Mittelpunkte der Welt. Er ist bei Tag und Nacht besucht und niemals leer. Die Marken der Zeit sind da ohne Kraft.
Am Eingange sah ich eine Zahl reich gekleideter Türken in einer Nische zur Linken auf Teppichen ruhn und die Pfeife schmauchen. Diese sind die Zöllner und Wächter des Tempels. Sie nehmen jedem Raja beim Eintritt vier Piaster d. i. einige zwanzig Kreuzer ab. Franken sind frei, außer sie wollen sich die heilige Grabstelle, das Allerheiligste, zu Stunden, wo es geschlossen zu seyn pflegt, öffnen lassen, in welchem Falle sie ein beliebiges Trinkgeld geben. Während alle Sekten des Christenthums wie Strahlen in diesem einen Mittelpunkte sich vereinigen, tragen sie ihren Haß und Neid bis auf diese heilige Stelle mit sich, und schlagen sich da mit ihren Ketten. Die eine verspottet und verfolgt die andere, und sucht ihr ein Stückchen Raum oder ein paar Lampen abzudrängen. Die Türken, mit unstörbarer Ruhe und Würde, halten die Ordnung aufrecht und gebieten jeder Sekte Achtung für die Rechte und Gebräuche der übrigen. Sie schreiten vor den Priestern bei den heiligen Umgängen einher, öffnen das Gedränge des Volkes jetzt für Katholiken, jetzt für Griechen, jetzt für Armenier, jetzt für Kopten u. s. w., für jede Sekte nach ihrer Reihe und Weise. Ohne die Türken führen an dem ersten Festtage die Christen sich einander in die Haare, und machten den Tempel zur Mördergrube. Das ist die Wahrheit; ich weiß wohl, daß sie eben keine erfreuliche oder ehrenvolle für uns ist. —
Ich besah alle Heiligthümer, und blieb eine halbe Stunde im Allerheiligsten. Dann wohnte ich dem österlichen Hochamte und dem dreimaligen Umgange nach Weise aller Pilger, mit brennender Wachsfackel in der Hand, bei, und besah zuletzt noch die Ceremonien der Griechen und Armenier, welche das Palmenfest, zuerst jene, dann diese, mit Amt und Umgängen feierten. Es war eine große Menschenmenge im Tempel. Ein Theil des ärmeren Volkes schläft und wohnt darin während der Festzeit. Das Geschrei des Marktes dringt aus den Hallen. Die Orgel der Katholiken, die Cymbeln und Metallplatten der Griechen und Armenier, die Gesänge der Priester und Gläubigen, das Geschwätz der Müßigen, die Ordnungsrufe der Türken dringen in und durch einander. Manche der sonderbarsten Gebräuche uralter Verbreitung im Orient, unserer viel zu verdorbenen Einbildung nicht faßlich, sind da herrschend. Wahrlich, es ist eine Welt, und rührend der Zusammenfluß der Völker und majestätisch die Nacht darin.
Ich will mich nicht in eine Kritik der heiligen Stellen einlassen. Der Glaube thut hierin das Meiste, und einige Klafter zur Rechten oder Linken thun nichts. Es ist höchst wahrscheinlich, daß die Nachweisung der heiligen Stellen von den ersten Christen ihren Kindern überliefert wurde; ja es ist unwahrscheinlich, daß, während die Christen in Asien und Europa Kirchen baueten, sie nicht die durch ihren Meister und Heiland merkwürdig gewordenen Stellen gekannt haben sollen, welche die Zeitgenossen Christi kennen mußten. Sechs und vierzig Jahre nach der Zerstörung der Stadt durch Titus erhielten die Gläubigen von Kaiser Hadrian die Erlaubniß, über dem Grabe Christi ein Gotteshaus zu errichten (Epit. Bell. Sacror.). Bis Hadrian war aber seit Jakob, welcher im Jahre 35 nach Christi zum ersten Bischof von Jerusalem gesalbt worden war, eine ununterbrochene Reihe von Bischöfen. Dieß und die natürliche Voraussetzung, daß man seit erster Zeit die Gebete lieber auf geweihten als anderen Stellen gehalten habe, bürgen für die Treue der Ueberlieferung. Konstantin baute eine Basilika über dem heiligen Grabe. Hieronymus, der sich im Jahre 385 nach Bethlehem zurück zog, gibt eine Schilderung der heiligen Stellen, welche die Einerleiheit der zu seiner Zeit und der heute dafür angesehenen darthut; Eusebius und Cyrillus deßgleichen, und Gregor von Nissa eifert gegen den Mißbrauch der Pilgerschaften, denn damals schon kamen Pilger aus allen Weltgegenden dahin. Die Basilika Konstantins, von Kosroes zerstört, wurde von Heraklius wieder hergestellt. Omar ließ den Christen dies Gotteshaus. Hakem verwüstete es zum Theile (J. 1009). Die lateinischen Könige stellten es her und erweiterten es, um die Schädelstätte, Golgatha, wovon das Grab nur fünfzig Klafter entfernt liegt, mit einzuschließen. Wir wissen, daß erst Hadrian den Golgatha mit in die Stadt zog. Nichts natürlicher als daß das Grab Josephs von Arimathäa sich in dessen Nähe befand. Tausende ähnlicher Gräber sind rings um Jerusalem, und kaum eine Felsspitze ragt dort über den Boden, in die nicht ein Grab oder der Eingang zu einem solchen gehauen wäre. Familiengräber im Fels seines Ackers oder seines Gartens waren seit ältester Zeit in diesem Lande üblich. Joseph von Arimathäa hatte aber seinen Garten am Golgatha.
Der Tempel, den die lateinischen Könige hinterließen, hatte 120° Länge, 70° Breite und drei Kuppeln, wovon die über dem heiligen Grabe zu 30 Klafter Durchmesser. Balken von Cedern des Libanons bildeten die Decke. — Dieser Tempel verbrannte vor wenigen Jahren. Die Katholiken geben den Griechen Schuld, den Brand angelegt zu haben. Wahr ist, daß diese zur Zeit, als das Unglück geschah, die Kapitale und Materialien zum Bau des heutigen Tempels bereit liegen hatten, und seit sie denselben ausführten, die Katholiken aus vielen ihrer Vorrechte verdrängten.
Der heutige Tempel ist von der Ausdehnung des früheren. Innerhalb dem Umfange desselben, nach Art des Allerheiligsten in den meisten Tempeln der alten Welt, steht als ein für sich geschlossenes Haus das Allerheiligste dieses Tempels, nämlich das Grab Christi. Die Pforte sieht nach Ost und hat 4' Höhe und 2' 4" Breite. Vor derselben sind zwei große Kandelaber aus Silber aufgerichtet, und an den Seiten zwei Marmorbänke angebracht; über der Pforte aber, in Marmor gehauen, sieht man die drei Marien, den Erzengel Gabriel und den auferstehenden Heiland. Durch diese Pforte tritt man in das erste, ganz mit Marmor ausgelegte, von zwölf Säulen an den Wänden gestützte Gemach, das des Engels genannt, weil darin, auf Fußgestelle von Marmor und in Marmor gefaßt, das Stück Kalkstein bewahrt wird, an welches, wie man glaubt, von dem Engel, der zu Marien sprach, der Schlußstein des Grabes gelehnt worden war. »Und der Engel des Herrn kam vorm Himmel herab und wälzte den Stein von der Thür und setzte sich darauf; Und seine Gestalt war wie der Blitz und sein Kleid weiß wie der Schnee.« (Matthäi, 28).
Das zweite Gemach, 5' 11" lang, 5' 10" breit, 3' 7" hoch, ist das Grab des Heilandes, eine in das Leben des Felsens gehauene, mit Marmor ausgelegte Grotte. Ueber dem Eingange ist dieselbe Darstellung wie über dem ersten, aber statt der drei Marien, Magdalena, Jakobi und Salome, deren die Evangelien des Markus und Lukas im letzten Kapitel erwähnen, erscheinen hier nur die ersten beiden, wie bei Matthäus zu lesen. — Zur Rechten, im Eingange selbst, zeigt man den gespaltenen Schlußstein, in der Grotte aber die Grabstelle, wo aus einem Steinblocke von 2' 4" Höhe, 5' 11" Länge und 2' 10" Breite der Leichnam, mit dem Haupte nach Abend gewendet, lag. Eine Marmorplatte deckt diesen Block und dient als Altar bei Lesung der Messe. Den Hintergrund schmücken ein katholisches und ein griechisches Bild. Vier und vierzig Lampen brennen darin, fünfzehn aber im Vorgemache. Drei Löcher sind in der Decke angebracht, um den Dampf hinaus zu lassen; über der Decke steht eine Art Thurm morgenländischen Styles. Im Vorgemache zwischen der zweiten und dritten Säule zu beiden Seiten des Einganges, sind länglichrunde Löcher durch die Wand geschlagen, durch welche am Charsamstage der im heil. Grabe eingeschlossene griechische und armenische Bischof das heilige Feuer den Gläubigen reichen. Die einen behaupten und die anderen glauben nämlich, der heilige Geist steige an diesem Tage vom Himmel, und zünde die Kerzen an. Diese Szene ist die feierlichste des Jahres. Der türkische Gouverneur mit seinem ganzen Hofstaate wohnet derselben in der Gallerie der Katholiken bei (wobei die Mönche des heil. Franziskus ihm Erfrischungen reichen müssen), und auf seinen Wink geschieht das Wunder. Das Volk reißt sich um das Glück, ein Kerzchen am heiligen Feuer anzuzünden, und jeder trägt es in seine Herberge, sorgsam bemüht, daß es nicht verlösche. Es gibt Beispiele, daß Gläubige es von Jerusalem bis Konstantinopel gebracht haben. Reste uralter, längst verschwundener Religionen leben als Erbstücke in den heutigen fort. —
Ueber das Allerheiligste wölbt sich die große Kuppel des Domes. Eine runde Halle umgibt dasselbe, die von achtzehn Pfeilern getragen wird. Die Pfeiler haben 5' 10" Breite und 4' Abstand unter sich, mit Ausnahme der beiden Paare in West und Ost, wovon die ersten 4' 6", die anderen aber, von dreifacher Breite der übrigen, 20' Raum zwischen sich haben. Auf den Pfeilern ruhen zwei Stockwerke von Bogengängen, worin jeder Sekte ihr besonderer Gebetplatz angewiesen ist. Im Osten des heiligen Grabes zwischen den beiden breiten Pfeilern hindurch tritt man in die Kirche der Griechen, die geräumigste und reichste derjenigen, welche die Mittelhalle umgeben. Sie ist mit Gold, Bildwerken, Marmor und Lampen geschmückt, und über sie wölbt sich die zweite Kuppel, zu deren geschlossener Krone von außen eine Stiege hinaufläuft. Die mittlere allein ist mit Blei gedeckt und oben wie die Rotonda geöffnet. Den Mittelstein ihrer Kirche sehen die Griechen als den Mittelpunkt der Erde an. Was Wunder, betrachtet sich doch jeder Mensch als den Mittelpunkt der Schöpfung; und warum sollte er es nicht? — Im Norden des heil. Grabes, zwischen dem zweiten und dritten Pfeiler hindurch, geht man in eine Vorhalle, worin die Orgel der Katholiken aufgerichtet steht, und kommt dann in die Kirche derselben. An diese ist ein Hospitium angebaut, für die Mönche, welche den Dienst im heiligen Grabe haben. Aus Mangel an Geld ist dieses sehr verfallen, und der Regen bricht durch. Das obere Stockwerk gehört den Türken, die gerade über der katholischen Kirche Pferdeställe haben, denn ob der Neigung des Berges ist der Eingang in dies Stockwerk von der einen Seite ebenen Schrittes.
Aus der Vorhalle der Katholiken geht man in ihre Sakristei, und über Stiegen in den ihnen zugewiesenen Theil der Bogengänge. In dieser Vorhalle wird die Stelle verehrt, wo Magdalena den auferstandenen Heiland für den Gärtner des Ortes nahm, und er ihr zurief: »Weib, was weinest du?« (Joh. 20).