Ramle ist ein höchst anmuthig liegendes, reich umgebenes Städtchen, welches dermalen über 800 griechische und etwa 2000 mohamedanische Einwohner hat. Die letzteren sind ziemlich wohlhabend, ob der Fruchtbarkeit des Bodens. Sie feierten an diesem Tage eben ein Fest, so daß die Flur um die Stadt, die Brunnen und Wasserbecken voll von Frauen und Gefolge waren. — Abulfeda behauptet den Ursprung dieser Stadt durch Soleiman, den Sohn Abdulmeleks, nach der Zerstörung von dem auf ein Paar Stunden entlegenen Lydda (Geog. Man.), und ein christlicher Schriftsteller, Sanutus (Secret. fid. cruc. p. 152) behauptet gleichfalls die Gründung von Ramle durch die Araber. Anna Comnena, in der Alexiade, schreibt Ramel (XI). Es wird diese Stadt häufig in den Schriftstellern jener Zeit mit Lydda verwechselt. Sie muß vordem eine weit größere Ausdehnung gehabt haben, da die Gärten ringsum Cisternen und Ruinen in Menge zeigen. Im Norden der Stadt findet man eine Cisterne zu vier und zwanzig Gewölben, vier zu sechs, die noch dient und für ein Werk der Kaiserin Helena gilt. Pater Simeon, der uns führte, wies uns auch ein Kapellchen am Abhange im Felde, nun in Ruinen, das die Stelle bezeichnen soll, wo Simson dreihundert Füchsen die Schwänze zusammenband, je zwei zu zweien, Bränder dazwischen gab und sie so in die Felder der Philistäer laufen ließ. (Richter XV.) Die Stelle ist gut gewählt, denn herrlich breitet sich unabsehbar die Flur hin, welche so lange der Neid der Kinder Israel und zu allen Zeiten eine reiche war. Wir besuchten die Kirche der Johanniter, die der heil. Helena und die der Templer, die nun sämmtlich in Moscheen verwandelt sind. Die letztere, ein großer Bau, ist eine Doppelkirche, denn unter der einen steht unterirdisch die andere. An die Kirche schlossen sich Hospitäler und Wohngebäude. Das Ganze bildet ein Viereck, in dessen nördlicher Seite der oben erwähnte, weit sichtbare, zierliche Thurm steht. Hundert acht und zwanzig Stufen zu 9" führen auf dessen Spitze, deren nordwestliche Kante vor wenigen Jahren der Blitz stark verletzte. Ich wartete auf der Spitze des Thurmes, bis die Sonne unterging, das schöne Land der Philistäer weithin überblickend.
Der Malem des Gouverneurs, ein Katholik, der mit seiner Familie nach Jerusalem wollte, trug sich an, mit uns gemeinsame Karawane zu bilden. Wir gaben dieß gerne zu, und machten uns Abends 9 Uhr bei herrlichem Mondenschein auf den Weg. Die Frau, die Töchter und Mägde des Malem reiseten in Tragkörben, je zwei und zwei auf einem Rosse. Da sich auch ein Paar Türken aus Ramle an uns geschlossen hatten, so war unsere Karawane zahlreich, und bestand aus Katholiken, Griechen, Armeniern und Mohamedanern, alle zur Pilgerschaft nach der einen und selben Stelle, dem heiligen Grabe, vereiniget! — Am Dorfe Kebab (3 Stunden) verließen wir die Ebene und traten zwischen Hügel. Dort blieb uns ein anderes Dorf auf einer Höhe zur Rechten, Ruinen einer Warte in sich, die im Halbdunkel der Nacht sich riesig ausnahmen (1 Stunde). Ich halte dieß für die Stelle von Nikopolis, die früher Emmaus hieß und nicht zu verwechseln ist mit dem Dorfe Emmaus, das nur drei Stunden (60 Stadien) von Jerusalem entfernt lag. (Luk. 24. 13.) Der Talmud bezeichnet die Lage von Nikopolis genau durch die Worte: »Von Bethkoron bis Emmaus ist das Land gebirgig, von Emmaus bis Lydda Feld, und von Lydda bis ans Meer Ebene.« Das Itinerarium Veteri Hierosolymitano setzt die Entfernung von Emmaus bis Jerusalem auf 22 Miliarien, und von Emmaus bis Lydda auf 10; was die Entfernung der erwähnten Orte von diesen beiden bekannten Punkten wirklich ist. Hieronymus (im Commentar zu Daniel, Kap. 12) sagt: daß bei Emmaus das Gebirge von Juda beginnt, was ganz mit der Lage dieses Ortes übereinstimmt. Auch sieht man einige Reste alter Mauern dort. Josephus aber führt an, daß Emmaus mit Thürmen und Mauern umgeben war. (Antiq. XIII. 1.) Keine Stelle auf dem Wege von Jerusalem bis Lydda oder bis Ramle ladet so sehr zur Anlage eines Vorwerkes, eines festen Punktes ein, und als solcher erscheint Nikopolis in mehreren Kriegen der alten Zeit.
In einem bebauten aber engen Thale ruhten wir, und stiegen dann die steilen und felsigen Berge von Judäa hinauf, deren Rücken wir nach fünf Stunden Weges auf mühsamen und gefährlichen Pfaden erreichten. Hart unter demselben, an der Ostseite, liegt der Ort Errit-el-Enneb, mit netten und geräumigen Häusern aus Stein, welche Terrassen und mehrere Stockwerke haben. Er wird von Arabern bewohnt, die uns freundlich entgegen kamen. Dort steht auch eine verlassene Kirche der Templer, ein ehrwürdiger Bau, aus drei Schiffen bestehend, jedes zu sechs Pfeiler; nun Salzmagazin und Viehhürde. Auch andere Reste des Mittelalters bemerkt man dort. Die nächste Bergspitze krönt der Ort Suba, eine der folgenden Kaßr. Man reitet unter dieser weg (50 Min.), steigt einen steilen Pfad hinab und erreicht, ganz im Thale (35 Min.), Ruinen von Kirchen und Hospitien starken Baues. Daran rauscht ein Bach vorbei, über den eine Steinbrücke führt; am Abhange liegt das Dorf Kolonia, der Sitz eines arabischen Häuptlings, Bogooz. Das Gebirge rings ist unwirthbaren Anblickes; die weißen wagrechten Lagerungen des Gesteins scheiden Terrasse von Terrasse; aber diese sind wohlbepflanzt und gesegnet. Nach anderthalb Stunden erreichten wir die nächste Höhe und ritten über wüstes Steinfeld langsam fort. Da trat im Osten mehr und mehr hohes Gebirge hervor, einfach, langgestreckt, und begränzte den Gesichtskreis nach dieser Richtung; es war das Gebirge jenseits des todten Meeres. Im Westen hoben sich Hügel, steinig und nackt; aber die Schluchten wiesen lebendiges Grün, hochummauerte Klöster, Kirchlein und Moscheen. Vor uns stieg, olivenbekränzt, eine Höhe empor, mit Kirchengebäuden zu oberst, es war der Öhlberg. Bald darauf, quer über die Flachhöhe gezogen, erblickten wir hohe Thürme und Mauern, mächtige Kuppelgebäude und schlanke Minarete, alles von der Farbe des Felsens und wie daraus gehauen; Khodeß! rief der Führer der Karawane. Jerusalem! riefen wir alle — und sie war es; die heilige Stadt stand vor uns! —
Wir ritten durch das Pilgerthor früh 9 Uhr, und stiegen im Kloster der Terra Santa ab, diesem großen Hospitium aller abendländischen Pilger, das von einigen vierzig Franziskaner-Mönchen servirt wird, dermalen durchaus Spanier und Italiener. Unter den Fremden fanden wir zwei Kapläne der französischen Truppen der Morea, einen Irländer, mehrere Italiener u. s. w. Der Vorsteher des Klosters und überhaupt des kirchlichen Kreises des heil. Landes, welcher den Rang eines insulirten Abtes hat, war in der Kirche zum heil. Grabe eingeschlossen, wo er während der Charwoche zu bleiben pflegt. Der Prokurator wies uns einstweilen Zimmer an, und die Mönche waren auf das Freundlichste beeifert, uns gefällig zu seyn.
Dieses Kloster enthält die Kirche zum heil. Erlöser, und ist ein Bau mancher Jahrhunderte, ein Labyrinth von Gängen, Stiegen, Gemächern, Höfen, Gärten und Terrassen, von hohen Mauern umfangen und an die nördlichen Stadtmauern zwischen die Thore von Damaskus und Betlehem gelehnt.
Bevor ich irgend einen Gang unternahm, bestieg ich die höchste Terrasse des Klosters und besah das große Bild der Stadt. Sie deckt den Ausgang der Flachhöhe, die von Nord nach Süd sanft sich senket, eben wo dieselbe in mehrere Füße sich theilet, in vier nämlich; davon fallen zwei nach dem Thale Josaphat ab, das nahe am Nordostwinkel der Stadt seinen Ursprung nimmt und diese vom Öhlberg und weiter vom Berg der Verunreinigung (Mons offensionis, I. Könige 11) scheidet. Der dritte Fuß trägt das Südwestviertel und fällt im Süden gleichfalls nach Josaphat, im Westen aber nach einem aus der Flachhöhe in der Richtung südwest auslaufenden Thale ab; nach diesem auch der vierte, oder nordwestliche. Im Ganzen geht die allen gemeine Hauptrichtung der Neigung Ost und Südost. Wo in der Mitte der Stadt die vier Hügel sich mit sanfter Vertiefung finden, hebt sich ein fünfter, kleiner, felsiger, wie die Flachhöhe selbst solcher mehrere hat; dieser ist der Golgatha, und dort ragt mit zwei gewaltigen Kuppeln die Kirche den heiligen Grabes empor. Der nordwestliche Hügel ist der höchste, und trägt die Burg; der südwestliche, außerhalb der Mauern, die Gebäude, welche über den Gräbern der Könige David und Salomon errichtet sind; der südöstliche oder niedrigste die Moschee an der Stelle des Tempels Salomons. Die Stadt weiset ein Gedränge hoher Gebäude, alle mit Terrassen gedeckt, zwischen denen die Minarete, Kuppeln und Dattelpalmen, majestätische Gruppen bildend, emporragen. Der Öhlberg zur Linken, d. i. im Osten, nur durch das schmale Thal getrennt, ist höher als die Hügel der Stadt, und begränzet somit die Aussicht. Nach Süden und Westen strecken sich felsige Höhen, hier höher, dort niedriger, hin. Die allgemeine Farbe der Landschaft ist die graue. Grüne Feldstreifen durchziehen sie. Feierliche Ruhe herrscht in diesem Bilde, die demselben einen vereinenden und unvergleichbaren Ausdruck gibt. Jerusalem und dessen Umgebung sind keiner anderen Stadt und keiner anderen Gegend ähnlich. Man kann nicht auf dieser Stelle stehen, die, geschichtlich betrachtet, die Mutter einer der größten Weltumwandlungen ist, ohne daß tiefer Ernst das Gemüth überkomme und es in die Farbe der Landschaft selbst kleide.
Die Bibel erwähnt zum ersten Male Jerusalems im I. Buche Mosis 14. Kap. 18. V. — Damals hieß sie Salem, d. i. Friede! Man nimmt an, daß sie von Melchisedech, der in der angezeigten Stelle als Herr derselben genannt wird, im J. 2023 gegründet worden sey. Damals umfaßte sie die Hügel Morija und Akka. Fünfzig Jahre darauf eroberten die Jebusäer die Stadt und bauten eine Burg auf dem Hügel Sion. Sie nannten die Burg nach ihrem Stammherrn Jebusi, Kanaans des Sohnes Hams, des Sohnes Noahs Sohn (I. Mos. 10) Jebus. So wurde aus Burg und Stadt Jebus-Salem, und später mittelst einer in den morgenländischen Sprachen häufigen Verwechslung mancher Mitlaute, Jerusalem. — Josua, in seinem Verheerungskriege von Kanaan eroberte Salem; aber erst David verjagte die Jebusäer aus der Burg. Er setzte sich in derselben fest und nannte sie nach sich. Er erst durfte singen: »Zu Salem ist Gottes Gezelt und seine Wohnung auf Sion.« (Ps. 76.) Salomon verherrlichte die Königsstadt; aber fünf Jahre nach dessen Tode zog der Ägypterkönig Schischak (der Sesonchis des Manetho und der Scheschonk der königlichen Ringe des Tempels von Karnack u. s. w.; siehe meine Erinnerungen aus Ägypten II. p. 85) gegen Roboam und plünderte ganz Judäa und auch Jerusalem, »und nahm die Schätze aus dem Hause des Herrn und aus dem Hause des Königes, und alles, was zu nehmen war, und die goldenen Schilde, so Salomon hatte machen lassen.« (II. Chronik 12. Könige 14.) Hundert fünfzig Jahre nach Salomon eroberte Joas, König von Israel, Stadt und Burg, und plünderte beide. (II. Könige 14.) Der Kampf zwischen Assyrien und Ägypten, der siebenzig Jahre später ausbrach, führte Sancherib vor Jerusalem (II. Könige 18, 19. II. Chronik. 32), warf die Stadt und ihren König Josias unter die Waffen des Pharaonen Neko (Jerem. 46. II. Könige 23. II. Chronik 35. 36), und endlich unter diejenigen des Babyloniers Nebukadnezar, der die Mauern brach und ganz Juda in Gefangenschaft schleppte. (II. Könige 24. 25. II. Chronik 36.)
Siebenzig Jahre nach diesem schweren Gerichte des Himmels, da Cyrus Herr in Asien geworden war und den Juden die Heimath wieder eröffnet hatte, bauten Zerubabel, Esra und Nehemia Stadt und Tempel wieder auf. (Esra. Nehem.) Jerusalem diente den Persern, bis diese den Mazedoniern erlagen. Alexander ging im J. 3573 durch die Stadt. Philadelphus beschenkte den Tempel. Antiochus Epiphanes eroberte und plünderte Jerusalem; die Makkabäer errangen ihr die Freiheit. Pompejus unterwarf sie den Römern; Crassus beraubte den Tempel; die Parther plünderten sie. Herodes schwang sich zum abhängigen Herrscher auf; er und sein Geschlecht gaben Jerusalem ein Nachbild von Glanz und Leben; aber Judäa, als römische Provinz, lehnte sich auf, und Titus der Gütige vollbrachte die gänzliche Zerstörung der Stadt. Vom 14. April bis 1. Juli, Jahr 71 nach Christo, wurden aus einem einzigen Thore 115,880 Leichen aus der Stadt getragen; im Ganzen gingen in Jerusalem 1,100,000 Menschen, im Lande aber 238,460 Männer während dieser Schreckenszeit zu Grunde; 99,200 wurden gefangen und zu dreißig für einen Denar verkauft. (Josephus de bello Jud. VI. 16. VII. 17.)
Hadrian warf über den Haufen, was bis zu seiner Zeit aufs Neue gebaut war; baute darauf selbst und zwar nach der Ausdehnung, die noch besteht. Jerusalem hieß nun Aelia Capitolina. Der neue Name brachte den alten fast in Vergessenheit (Euseb. de martyr. Palaestinae XI.), weßhalb auch die arabischen Schriftsteller sie häufig nur unter dem Namen Aelia kennen. Als solche wurde sie, im J. 613, von Kosroes, dem Perser, erobert, wobei 90,000 Christen in die Hände der Juden fielen. Vierzehn Jahre darauf trug Kaiser Heraklius das Kreuz wieder hin. Aber schon im J. 636 fiel sie in die Hände der Bekenner Mohammeds; Omar eroberte sie nach viermonatlicher Belagerung und wurde darin ermordet. Nach vielem Elend und Jammer, nach mancher Belagerung und Einnahme in den Kämpfen zwischen den Geschlechtern der Kaliphen, kam sie zuletzt in die Hände der Fatimiten, denen sie die Kreuzfahrer (Freitag, 15. Juli 1099, 3 Uhr Nachmittags) abnahmen. Nun folgten sich dort neun Könige aus fränkischen Rittergeschlechtern, Gottfried v. Bouillon, Balduin I., Balduin II., Foulques d'Anjou, Balduin III., Amaury, Balduin IV., Balduin V. und Guido Lusignan, der Jerusalem im J. 1188 an Salaheddin verlor. Für jeden Kopf verlangte der Sarazene zehn byzantinische Goldstücke Lösegeld; er schätzte also den Menschen zu höherem Preise als Titus der Gütige. 14,000 Christen fielen aus Mangel dieser Summe in Sklaverei. Die Kirche zum heiligen Grabe wurde von den Syrern freigekauft; die übrigen Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt. Im J. 1242 lieferte der Emir Saleh-Ismail von Damaskus, da er gegen den Sultan von Ägypten, Nehimeddin, zu Felde lag, Jerusalem in die Hände der Lateiner. Der Ägypter eroberte die unglückliche Stadt noch in demselben Jahre, und vertilgte alle Bewohner darin. Im J. 1291 wurden die Lateiner ganz aus Palästina vertrieben, und die Krone, die seit Salaheddin (trotz dem, daß Kaiser Friedrich II. mit dem Sultan Jerusalem getheilt, und auf dem heiligen Grabe die Krönung empfangen hatte) wenig mehr als ein Titel war, kam als solcher an das Haus Sizilien.
Seit der Eroberung Ägyptens durch Selim I., Jahr 1716, wohnt Ruhe in der von dem Verhängnisse schwerer als irgend eine andere getroffenen Stadt. Jetzt ist sie dem Pascha von Damaskus untergeordnet und wird durch einen Statthalter desselben regiert. Sie zählt 21,000 Einwohner, darunter 8000 Mohammedaner, 3000 Griechen, 5000 Juden, 4000 Armenier und bei 1000 Katholiken und Maroniten. Ihr heutiger arabischer Name ist Khodeß; dieser ist auch wahrscheinlich ihr ältester bei den Arabern. Herodot nennt sie Kadytos (II. 159. III. 5.)