Der höchste Berg in der nächsten Umgebung von Jerusalem ist der Öhlberg. Am Osterdienstage, mit frühem Morgen, bestieg ich denselben auf dem Wege, der an Gethsemane vorüberführt. Die Lage dieses Berges im Osten der Stadt, durch das Thal des Kedron geschieden von ihr, ist aus alten und neuen Schriftstellern bekannt; ebenso, daß er schon in ältester Zeit wie heut zu Tage vorzüglich mit Öhlbäumen bekleidet war.
Auf der halben Höhe des Abhanges wies man mir einen Fels als die Stelle, wo Christus über den Untergang der Stadt weinte.
»Und als er nahe hinzu kam, sah er die Stadt an und weinte über sie.«
»Und sprach: Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.«
»Denn es wird die Zeit über dich kommen, daß deine Feinde werden um dich und deine Kinder eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängstigen.«
»Und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen; darum, daß du nicht erkannt hast die Zeit, da du heimgesucht bist.« (Luk. XIX.)
Diese Stelle soll auch dieselbe seyn, wo Titus sein Zelt aufschlug. Und wirklich ist aus diesem Standpunkte der Blick über die Stadt, die sich sanft geneigt entgegenbreitet, völlig. Von hier aus besah ich mit meinem Glase die Moschee el-Sakhra, die von Omar auf dem Platze des Tempels Salomons erbaut wurde. Die Kreuzfahrer machten eine Kirche daraus. Saladin stellte die Moschee her. Sie nimmt das ganze südöstliche Viertel der heutigen Stadt ein und krönet die Flachhöhe Morija. Auf dem mit Marmor belegten Platze erhebt sich ein Fußgestell, 200 Schritte lang, 150 breit und acht Stufen hoch. Darauf ruht ein achteckiger Tempel, über den eine Kuppel sich wölbt mit Blei gedeckt. Diese endet in eine Spitze, die den Halbmond trägt. Die Fenster des Tempels, acht an der Zahl, sind so hoch als die Wände. Die Hauptfarbe ist die grüne; der Bau leicht und fein. Um den Platz läuft eine Rasenstelle, und diese ist von zwölf Portiken zu zwei und drei Bogen aus weißem Marmor umgeben. Den weiteren Umfang bilden ansehnliche Gebäude, die zur Moschee gehören. Der Rasenplatz mag 500 Schritte Länge und 460 Breite haben.
So viel von außen. Kein Ungläubiger darf durch die Portiken treten; er setzt sich dem Tode aus. Ein Englander wagte kurz vor meiner Ankunft dreimal in den Tempel zu gehen, und wurde, trotz der Verkleidung, beim dritten Male erkannt. Halbtodt geschlagen rettete ihn die Wache des Gouverneurs, und die Mönche zum heil. Erlöser kauften ihn von diesem für 3000 Piaster los. Das Innere dieser Moschee, wo man den Stein zeigt, von welchem Mohammed sich auf zum Himmel schwang, ist mit Mosaik geziert. Sechzehn Marmorsäulen tragen das erste Stockwerk und eben so viele die Kuppel. Nach jeder Weltgegend sieht eine Pforte, wie dieß schon im alten Tempel der Fall war. (Hesekiel XL.) Sechs Marmor- oder Porphyrsäulen stützen dieselbe.
Ich kann hier nicht umhin zu bemerken, daß die Schilderung, welche die Bücher der Könige und der Chroniken von dem Salomonischen Tempel machen, auf eine den ägyptischen Tempeln sehr ähnliche Bauart weisen. Ägypten war auch zu Salomons Zeit das Musterland der Kunst für den ihm verbündeten Nachbarstaat. Es ist auch wahrscheinlich, daß Salomo, so wie er tyrischer und sidonischer Werkleute zum Behauen des Holzes und der Steine und tyrischer Künstler zu den Arbeiten in Erz, Gold und Elfenbein sich bediente (Könige V. VI.), ägyptische Meister zu Rathe gezogen habe, da er ja selbst die Tochter eines Pharaonen zur Gemahlin hatte und ihr das Wohnhaus am Tempel erbaute. (VII. 8. IX. 24.) Die Pracht und der Reichthum dieses Tempels können nur demjenigen unglaublich scheinen, der die ägyptischen Tempel nicht sah. Diese, in ihrer Zerstörung, beurkunden genug die ungeheure Kraft der Religion in jener Zeit, und den Umfang des Aufwandes, der für sie gemacht wurde. Ließe die Herrlichkeit Ägyptens nicht auf die Entwicklung der Kunst in dem nächsten Nachbarlande gegen Osten schließen; die Schilderung selbst, die wir in der Bibel davon lesen, wäre Beweises genug. Daß diese Kunstbildung nicht erst von den Juden nach Palästina gebracht, sondern von ihnen dort vorgefunden wurde, geht aus vielen Stellen hervor. Aus den Städten Hadad-Esers und aus denen seiner übrigen Nachbaren nahm David eine große Menge von silbernen, goldenen und ehernen Gefäßen (Chron. XIX.) und die reiche Tyrus, deren Schiffe dem Könige Salomo dienten, war damals bereits auf einer Höhe der Entwicklung, die Jerusalem ein glänzendes Muster gab. (Könige V.) Wo aber kamen die ungeheuren Schätze hin, die im Tempel verwendet und aufgehäuft waren, die hunderttausend Centner Goldes und die tausendmal tausend Centner Silbers? (Chron. XXIII. 14.) Die Tempel von Ägypten und die Stellen der Bibel antworten darauf, die von der Eroberung Jerusalems durch den Pharaonen Schischak (Könige XXIV.), von dem Heereszuge des Königs von Syrien Hasael (II. Könige XII.), von der Plünderung durch Joas, König von Israel (II. Könige XIV.), von den Brandschatzungen Sancheribs, Königs von Assyrien (II. Könige XVIII.) und des Pharaonen Neko (II. Könige XXIII.), endlich von der Vernichtung des Reiches durch den Babylonier Nebukadnezar (II. Könige XXIV. XXV.) sprechen.
»Meister,« sagte einer der Jünger zu dem Herrn, da sie aus dem Tempel gingen, »welche Steine, welch ein Bau!« — Und Jesus antwortete: »Ja, staune an diesem mächtigen Bau, und doch, kein Stein wird da über dem andern bleiben und keiner seyn, der nicht zerbrochen werde!« — Und so ist es auch gegangen.