Aber zurück zu unserer Wanderung auf dem Öhlberge. Von der Stelle der Beschauung kam ich zu einigen Grotten, welche man die Gräber der Propheten nennt, dann zu einer Cisterne zu zwölf Bogen. An dieser sollen die Apostel das Glaubensbekenntniß verfaßt haben. Nahe daran, wo die Trümmer einer Kapelle stehen, wird der Platz verehrt, wo Christus das Gebet des Herrn lehrte, und dreißig Schritte weiter, an einem Öhlbaume, derjenige, wo er das Weltgericht verkündete (Matth. 24. 25. Mark. 13). Aus der Spitze endlich steht die Moschee (einst Kirche) der Himmelfahrt. Ein kleines, achteckiges, nacktes Gebäude umschließt einen Stein, worin man den Abdruck eines linken Fußes sieht, der im Begriffe des Aufschwunges ist. Das Haupt des Entschwebenden muß nach Norden sehend gedacht werden.

Auf dieser Höhe war seit ältester Zeit ein Gebetplatz. »David aber ging den Öhlberg hinan und weinete und sein Haupt war verhüllet und er ging barfuß ... und da David auf die Höhe kam, wo man Gott pflegte anzubeten« u. s. w. (II. Sam. XV.) Die Stelle, weithin die Gegend beherrschend, drang sich selbst zum Gottesdienste auf. Darum ist auch treffend das Bild Hesekiels: »Und die Herrlichkeit des Herrn erhob sich aus der Stadt und stellete sich auf den Berg, der ihr gegen Morgen liegt.« (XI. 23.) Eben so schön ist dasjenige in Zacharias. XIV.

Vom Öhlberge den Blick ringsum sendend, ist demselben wüstes, trauriges Land nach allen Seiten aufgethan. Hügel über Hügel geworfen scheinen ein Bild der Zerstörung. Im Norden ist Flachhöhe, über die aus 35° nordwestlich von hoher Felsspitze eine Moschee schaut, einst das Kirchlein Samuels und in frühester Zeit Silo, wo die Gemeinde des Herrn die Stifthütte aufrichtete und Josua das Loos warf zur Theilung des Landes. (Jos. XVIII.) Im Süden, nach Hebron hin, öffnet sich das Thal. Im Osten sieht man die breite Ebene von Jericho, den Jordan, und eine lange Strecke des todten Meeres, jenseits aber hohes, glattes, gleichförmiges, ausdruckloses Gebirge, Pisga in der Bibel genannt (V. Buch Mos. 34), von welchem herunter Moses das Land überblickte, das zu betreten ihm nicht gegeben war, und in das die Kinder Israel unter Josuas Führung zur Eroberung von Kanaan niederstiegen. Das Land zwischen Jerusalem und dem Jordan ist wie verbrannter Boden, aschenfarb und braun; nur in den Schluchten sind Feld, Feigen-, Mandel- und Öhlbäume, diese aber voll Kraft und Farbe. Die Entfernung vom Öhlberg zur Mündung des Jordans ins todte Meer ist sechs Stunden, kann aber in gerader Linie deren kaum drei betragen.

Ein Trupp Beduinen lag eben damals, jede Annäherung verbietend, in der Ebene von Jericho; dieß ließ uns einen Ritt an das Gestade des todten Meeres nicht ausführen.

Wir kamen durch das Dorf Bethphage, noch heute so genannt, und bis an den Brunnen, an welchem Christus mit den Aposteln auf dem Rückwege von Jericho auszuruhen pflegte; dann nach Bethania, wo man uns des Lazarus Grab zeigte, ein Gemach und eine Grotte, 26 Stufen tief in den Felsen gehauen, den Katholiken gehörig und zum Gottesdienste eingerichtet. In Abutiß, einem nahen Dorfe, wies man uns das Haus Magdalena's, und weiter östlich die Stelle, wo Christus die Büßerin traf. Alle Höhen im Osten des Öhlberges sind voll von Steinbrüchen, Grotten, Gräbern, tiefen und großen Brunnen und in den Felsen gehauenen Getreidebehältern.

Auf dem Rückwege zeigte man uns an der Südseite des Öhlberges die Stelle, wo sich Judas erhängt haben soll. —

Die Stellen, welche den christlichen Gläubigen in der Stadt insbesondere zur Verehrung empfohlen werden, sind außer den schon erwähnten das Haus des Zebedäus, nun eine griechische Kirche; das Haus Simon des Pharisäers, nun eine zerstörte Kirche an der Via dolorosa; nicht ferne davon das Kloster zur heil. Anna mit der Grotte der Empfängniß, nun eine Moschee; der Ort der Erscheinung des auferstandenen Heilandes den drei Marien; das Haus der Maria, Mutter des Johann Markus, wohin Petrus sich begab, nachdem er von dem Engel gerettet worden war, nun eine Kirche der Maroniten; der Kerker des heil. Petrus, nun eine verfallene Kirche und, nicht ferne davon, der Ort wo Abraham seinen fünf und zwanzigjährigen Sohn Isaak opfern wollte (Jos. Ant. I. 13), nun mitten in einer Wiese zwischen Ruinen, nicht ferne vom heiligen Grabe. Indische Feigen bewachsen die eingestürzten Wände, und Palmen wiegen ihre Kronen darüber.

Das griechische Kloster und Hospitium am Tempel zum heil. Grabe ist von Konstantin und Helena gestiftet. Zwei Kapellen sind darin, groß und reich und mit vielen Gemälden geziert. Von der Terrasse dieses Klosters gelangt man auf diejenige des Tempels selbst, von welcher ein anderer herrlicher Ausblick über die Stadt ist. Ich verweilte auf den Zinnen des Tempels in der Stunde des Sonnenuntergangs. Eine Farbe der Wehmuth war über das ganze Gemälde ausgegossen, nur in den Klagliedern Jeremias errathen und ausgesprochen! — Im fernsten Süd glänzte mir ein Streifen der arabischen Wüste entgegen, brennend in Gelb. Die Sandfelder Nubiens, schweigend und leblos, mit ihren schwarzen Felsmassen lebten in meiner Erinnerung auf, und es war mir als habe die Geschichte ein ähnliches Bahrtuch über den Boden gelegt, worauf ich stand.

In der Nacht kam Regen und Gewitter. Der Donner rollte über der Tochter Sions. — Am nächsten Morgen waren die Berge ringsum wie mit frischem Teppich des heitersten Grüns belegt.

Die Mauern der heutigen Stadt sind ein Werk Soleimans, des Sohnes Selims, aus dem Jahre 1543. Sie sind durchaus gut erhalten, besser als diejenigen irgend einer türkischen Stadt, Konstantinopel nicht ausgenommen, stark, aber unbewaffnet. Geht man durch das Thor der Pilger, von den Christen auch das Thor von Bethlehem, das Thor von Jaffa, von den Mohamedanern Bab-el-Kzalil (Thor des Erwählten) oder auch Bab-el-Khalil (Thor Abrahams) genannt, so hat man zur Linken die Schlucht zwischen dem Sion und dem Hügel des Blutackers, gerade vor sich aber die sanft aufsteigende Flachhöhe. Das Thor sieht nach NNW. Die Ummauerung nimmt links desselben die Richtung Süd und folgt durch 440 Schritte der Kante des Sion. Die Thürme und Mauern des Schlosses in der Stadt, die Burg Davids genannt, sehen über die erste Hälfte dieser Strecke, der ein Bollwerk vorgelegt ist, für 36 Geschütze nach vornen und 7 nach Süd eingerichtet. Die Schießscharten sind dermalen fast alle vermauert, und ein paar geringe Stücke bilden die Bewaffnung dieses neuesten Baues. Aus der Richtung von Süd wendet die Ummauerung nach Ost, zieht quer über die Fläche des Sion und erreicht nach 240 Schritten das Thor von Sion, Bab-el-Nebi-Dahud (Thor des Propheten David). Von dort senkt sich der Boden. Längs dem Abhange des Sion hinab zieht die Ummauerung noch 364 Schritte nach Ost, dann den Morija hinauf erst 100 Schritte NO., dann 140 ONO. und wieder 100 NO.; weiter längs der Kante des Morija abermals 300 Schritte Ost. Durch die Westseite des zweiten Thurmes dieser Strecke geht das Pförtchen Bab-el-Mograbi (Barbareskenpforte) d. i. die Porta sterquilinia, durch welche die Juden Christum nach der Gefangennehmung zu Pilatus führten. Die Ummauerung bricht rechtwinklich aufwärts, 80 Schritte, wo eine vermauerte Pforte steht, und der Weg aus dem Thale Josaphat, Silo gegenüber, heraufkommt. Hoch über die Mauer schauen Gebäude zur Moschee el-Sakhra gehörig. Längs der Kante des Morija, wo diese am höchsten und steilsten ist, zieht die Ummauerung Ost 200 Schritte; dann Nord 450 Schritte bis an die goldene Pforte (Bab-el-Darabie). Diese, ein römischer Bau, aus zwei Bogen korinthischer Ordnung bestehend, führt gerade auf den Platz el-Sakhra. Sie wird von den Türken vermauert gehalten, denn durch diese soll, der Sage zufolge, an einem Palmsonntage ein christlicher Eroberer einziehen. Von dort bis zum Thor des heil. Stephan (Bab-el-Sidi-Mariam, Thor der Jungfrau Maria) sind 250 Schritte Nord. Nun beginnt die Flachhöhe sanft sich zu heben. Nach 490 Schritten, abermals Nord, erreicht die Ummauerung die Nordostecke, der Thurm Tankreds genannt. Der Abfall, längs der Ostseite der Stadt hoch und steil, verschwindet nun, denn nahe an dieser Ecke nimmt das Thal Josaphat seinen Ursprung, dort auch der Kedron. Die Flachhöhe im Norden der Stadt hat da ihre Verbindung mit dem Öhlberge.