Wir ritten nach St. Johann zurück und nahmen weiter den Weg nach Jerusalem. Dieser führt längs dem Berge der Makkabäer hinauf, so genannt, weil dort ihre Gräber seyn sollen, hält sich dann auf der Flachhöhe, kreuzt ein Wiesthal, welches das Thal der Beduinen heißt, und kommt nach einer Stunde von St. Johann an das hochumthürmte griechische Kloster zum heil. Kreuze, das, ganz einsam, an der Stelle steht, die man als diejenige, wo der Baum zum Kreuze Christi gehauen wurde, verehrt.
Nach einer halben Stunde von diesem Kloster erreichten wir die Stadt. Vor dem Pilgerthore steht eine große Terebynthe, und nicht ferne davon sieht man ein großes Wasserbecken, offenbar uralten Ursprunges und höchst wahrscheinlich dasjenige, dessen das zweite Buch der Könige (XVIII. 17.) und Jesaias (VII. 3. — XXXVI. 2.) erwähnen. Die Örtlichkeit und die Bezeichnung »der obere Teich« sind hier entscheidend, und die letztere beweiset für das Alter auch des unteren Bends, dessen weiter oben erwähnt wurde. — Dort ist die Flachhöhe mit den weißen Todtenmalen der Türken besäet. Es war ein rührender Anblick; eine Menge Frauen beschäftigt zu sehen, an diesen Malen zu beten oder sie mit Rosen zu bestreuen.
Mir ließ die heilige Stadt, da ich von ihr schied, einen mächtigen, aber wehmuthvollen Eindruck zurück. Die Vergänglichkeit dessen, was so bedeutend war, ist eine große Lehre. Mein Leben unter Ruinen und selbst in Trümmer zerfallen, fühlt die Verwandtschaft im Schicksal mit diesen Resten.
Du bist nun verlassen, hochgepriesene Tochter Sions! Der Sänger wünschet dir: »Es müsse Friede seyn in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!« (Psalm. 122.) Aber richtig frägt der Prophet: »Wer will sich denn deiner erbarmen, Jerusalem? Wer wird denn hingehen und Dir Frieden erwerben?« — (Jerem. XV. 5.)
Jerusalem, als Wiege des Christenthums betrachtet, ist zweifelsohne ein trauriger, christliche Fürsten schmähender Anblick. Falsch ist, was Chateaubriand und andere Frömmler sagen, daß die Türken das heilige Grab mit Feuer und Schwert zerstören wollen. Wer hätte sie daran gehindert, würden sie es gewollt haben? — Im Gegentheile sind sie es, die erhalten. Was zerstöret, ist der Teufel des Neides zwischen den christlichen Sekten und die Versagung der kleinen Almosen, die zur Erhaltung der Bauten und Menschen unerläßlich sind. Der Tribut der katholischen Mönche an die Pforte ist nur 7000 Piaster, aber die Pascha und Statthalter wollen Geschenke, und die arabischen Häuptlinge der Umgegend, wie z. B. Bogooz, verkaufen ihren Schutz und das freie Geleite theuer. Dermalen hat das Kloster zum heil. Erlöser über anderthalb Millionen Piaster Schulden; aber es sind auch seit Jahren keine Zuschüsse aus Europa gekommen. Die Worte der Apostel (Röm. XV. — Korinth. XVI. — II. Korinth. IX.) sind längst verschollen.
Die katholische Gemeinde und ein englischer Reisender, John Porter, mit dem ich in freundschaftlicher Verbindung stand, gaben mir das Geleite bis zur Stelle im Norden des Pilgerthores, wo die Karawane, mit der ich nach Ramle zurückging, zusammen wartete. Eine Stunde, nachdem wir aufgebrochen waren, ritten wir unter Colonia weg. Die Straße war voll von Weibern und Kindern, die nach der Stadt gemalte Eier und Esswaaren zu Markte trugen. Wir tränkten unsere Pferde an einem Brunnen, 1/4 Stunde vor Errit-el-Enneb, und hielten unter den Feigenbäumen dieses Dorfes an. Es gehört so wie die meisten der Umgegend dem oben genannten Araberhäuptling. Die Bewohner eilten herbei und setzten sich freundlich zu uns, ein schönes, kräftiges Geschlecht, gelenkigen schlanken Baues und tiefdunkelen Auges. Sobald wir die Höhe hinter dem Dorfe erstiegen hatten, wies sich hellglänzend im West das Sandgestade von Jaffa, und hinter demselben die dunkle See. Nach anderthalb Stunden waren wir, den Felsensteig herunter, im Thal. Die schroffen Wände dienten großen Ziegenherden zur Weide, feinbehaarte Thiere, schwarz, mit rothgelber Zeichnung an Füßen, Bauch und Stirne, mit zurückgekrümmten roth bestrichenen Hörnern. Die Hirten waren mit Flinten und Keulen bewaffnet.
Im engen Thal, am Fuße der Höhen, stehen die Ruinen einer Kirche, die seit lange zerstört seyn muß, da aus dem Schutte große Terebinthen sich heben. Eine halbe Stunde weiter öffnet sich das Thal und beginnt der Anbau. Bald erreicht man zwei große, tiefe, aufgemauerte Brunnen und tritt dann in die Ebene, die ein Bild des gesegnetesten Landes der Erde gibt. Auf den Höhen sind hie und da Ruinen von Kirchen, Moscheen und Heiligengräber.
Ramle, von der Ostseite gesehen, trägt ganz besonders das morgenländische Kleid. Ruinen, Kuppelgebäude, Minarets, hohe Palmen, die über die weißen Terrassen der Häuser schauen; ein Vordergrund voll mächtiger Fülle an Gesträuchen und Bäumen; Grabwälder mit blinkenden Malen, Brunnen und Wasserbecken zur Seite, und über das Ganze ein wolkenloser aber blaßblauer Himmel gewölbt!