Wir stiegen im Kloster ab. Von der Terrasse desselben bleibt die Schlucht des Gebirges von Judäa, durch welche der Weg nach Jerusalem führt, in Ost. Strabo sagt, man behaupte von Joppe nach Jerusalem zu sehen (p. 759). Van Egmont berichtigt diesen Irrthum (Travels I. 297), Pockock bringt denselben wieder auf. (Descript. of the East. II. 3.) Die Wahrheit ist, daß man von Joppe nicht einmal bis Ramle sieht. Von Jerusalem, das am östlichen Abfall des Gebirges von Judäa liegt, und westwärts auf mehrere Stunden Breite den Rücken desselben als Scheidewand hat, ist es geradezu unmöglich die westliche See zu sehen. Wenn Josephus (de bello Jud. IV. 3.) erzählt, vom Thurme Psephina zu Jerusalem reichten die Blicke bis ans Meer, so ist dieß eine Übertreibung. Übrigens kann man ganz gut das Roth des Brandes am Himmel gesehen haben, als Judas Jamnia verbrannte (II. Makk. XII. 9). Man sieht von Jerusalem auch nicht das todte Meer, denn die Gegend ist nur nach Süd etwas geöffnet.
Gefoltert durch eine unzählige Menge von Mücken, die mich um die gehoffte Ruhe gebracht hatten, verließ ich Ramle, um nach Nazareth zu reisen. Der Weg führt nördlich durch die herrliche Ebene zwischen Feldern bis an das Dorf Hudieh (2-1/2 St.). Hinter diesem beginnt Hutweide und dauert durch drei Viertelstunden Weges, dann ist abermals bebaute Flur, bis zum Dorfe Mir (3/4 St.), das auf einem Hügelchen liegt. An der Straße stehen zwei Kreise von Sidirbäumen[C] zum Behufe der Reisenden. Während wir dort ruhten, kam ein Zug Jauchzender aus dem Dorfe. Männer eröffneten denselben, spielten auf Cymbeln und Hirtenflöten, sangen und schossen ihre Gewehre ab. Ihnen folgte ein schwer beladenes Kameel, worauf zwei Mädchen saßen. Dann kamen Weiber, die zum Theile weinten und heulten. Es war eine Brautabholung aus dem nahen Städtchen Lydda (Apost. Gesch. IX), welches die Römer Diospolis hießen, und das, wie so manches andere, heut zu Tage wieder den alten Namen trägt.
Eine Viertelstunde weiter steht ein Beduinendörfchen. Das Volk war um einen Araber versammelt, der für einige Para einen grauen großen Affen tanzen ließ. Unsere Ankunft zog die Aufmerksamkeit der Menge auf uns, und der Affe blieb verlassen, bis wir vorüber waren. An der Nordseite des Dörfchens fließt ein starker Bach, das größte Wasser zwischen Ramle und Nazareth, worüber eine Steinbrücke von sechs Bogen führt. Unter jedem Bogen sind zwei Mühlen angebracht. Diese zwölf Mühlen werden diejenigen von Jaffa genannt. Rechts auf eine halbe Stunde, in der Ebene, liegt das Schloß Raß-el-Eyn. Der Bach kommt an diesem vorüber aus dem Gebirge im Osten.
Eine Stunde weiter ritten wir durch den Ort Dör-Adeß, und, mit Abstand von einer halben Stunde von einem Punkte zum andern, über wellenförmigen bebauten Grund, durch das Dörfchen Kaffr-Suba, an einer einsamen Moschee, an einer zweiten und an Karentsauüh vorüber, das eine zerstörte Feste mit Ruinen einer Kirche ist, und etwas zur Rechten auf einer schwachen Höhe liegt. Dort ist auch ein Brunnen, der erste seit den Mühlen. Reisende aus Baalbeck und Damask hatten ihre Gezelte daran aufgeschlagen.
Anderthalb Stunden weiter ist Kahun, ein ummauerter Ort mitten in der Ebene auf einem Hügel. In solchen Nestern, hinter Mauern von etwa 15 Fuß Höhe, trotzen die arabischen Häuptlinge den Statthaltern des Sultans. Kahun, nebst einigen Orten im Gebirge von Napluß, standen eben damals im Aufruhr gegen den Pascha von Damask. Ich zählte, von Karentsauüh aus, sechzehn Orte am Gebirge oder auf demselben, jedes ummauert und einer Feste gleich, meist die Spitzen der Berge, so wie die Hügel der Ebene suchend, ein Umstand, der hinlänglich den fortdauernden Kriegzustand dieses Landes beurkundet. Unter dem Thore von Kahun wurden wir angehalten und mußten den Aga der Stadt abwarten, der seit früh Morgens auswärts war. Große Herden von Rindern zogen ein, denn die Sonne war im Untergehen; vieles Volt kehrte von den Feldern heim, wo wir es pflügen und ernten gesehen hatten; Mägde und Frauen gingen und kamen von dem Brunnen unten am Hügel, den länglich-runden irdenen Krug auf dem Kopfe. Die Tracht der arabischen Weiber ist hier dieselbe wie in Ägypten, ein blaues Hemde, und um den Kopf ein rothes Tuch gewunden, das längs dem Rücken hinabhängt.
Endlich kam der Aga. Er ritt ein gutes Roß, führte eine lange Lanze und war von einigen Soldaten begleitet. Er empfing uns sehr freundlich, ließ in der Burg ein großes Gemach für uns ausräumen, ein Mahl aus Fleisch und Reis bereiten, und leistete uns, bis dieß gebracht wurde, Gesellschaft. Er plauderte viel über die Weltangelegenheiten, und beklagte sich bitter über den Vizekönig Mohammed-Ali, den er als einen heimlichen Christen und Verräther am Sultan schilderte. Auch zwei Seeleute aus Tanger, Durchreisende wie wir, setzten sich zu uns, und zechten ganz wacker, sobald sie mit uns allein waren.
Drei Stunden nördlich von Kahun nimmt man die Richtung gegen Nordost und Ost durch die niederen Waldhügel, welche zwischen dem Karmel und dem Gebirge von Samaria die Verbindung bilden. Die Thäler sind bebaut und die sanften Höhen mit Wallnußbäumen bedeckt. Von Stunde zu Stunde trifft man Ruinen von Kirchlein, aber von Kahun bis auf den Rücken dieser Höhen keinen Tropfen Wasser. Dort (5-1/2 St.) ist eine schlechte Tränke, bald darauf ein frisches Bächlein, vielleicht der Bach Kedumim der Schrift (Richter. V. 21.). Im Schatten der Bäume, die dessen Ufer bekleiden, ließen wir die Gluth des Mittags vorüber gehen. Ein Türke aus Damaskus schloß sich an uns. Dann stiegen wir rasch in die Ebene von Esdrelon hinab, die acht Stunden lang und halb so breit, im Süden vom Gebirge von Samaria, im Westen vom Karmel, im Norden von den Höhen von Nazareth, im Osten von den Bergen Thabor und Hermon umschlossen ist, zwischen diesen beiden aber eine Verbindung mit der Ebene des Jordan hat. Sie ist bebaut, wird aber auch von Sümpfen und dem tief eingeschnittenen Kischon durchzogen. Wir irrten, um den Weg durch die Moräste zu finden, wagend und rathlos umher, bis ein Beduine uns die richtige Furt zeigte, erreichten nach drei Stunden die nördlichen Höhen, und nach andern zwei, am Dorfe Jaffa vorüberkommend, das in einem kahlen Bergkessel hochgelegene Städtchen Nazareth.
Da empfing uns in morgenländischer Tracht, aber mit dreieckigem Hute, dem Zeichen seiner Würde, der Vizekonsul Sr. Majestät zu Akka, Antonio Catafago, und führte uns in das Kloster ein, wo Gemächer für uns bereit waren. Abends aßen wir bei ihm, und fanden uns von seiner liebenswürdigen Familie umgeben, welche unter den Christen die reichste der syrischen Küste ist. Er und seine Frau sind italienischen Ursprunges; aber in Aleppo geboren. Wie ein Patriarch saß er inmitten von Söhnen, Töchtern, Schwiegersöhnen und Schnüren. Die Frau des einen Sohnes, auf dem Libanon geboren, war kaum dreizehn Jahre alt, und doch schon über ein Jahr verheirathet. Diamanten, Perlen und Goldstücke glänzten an der reichen türkischen Tracht dieser Frauen und Mädchen; ich glaube, daß jede fünfzigtausend Piaster Werth an solchen auf sich trug. Sie sprachen nur die Landessprache, d. i. die arabische, waren heiter und freundlich, von angenehmen Gesichtformen, mit tiefen schwarzen Augen, sehr weiß und rein an Farbe, und hatten die Augenlieder schwarz bemalt.
Im Kloster fand ich zwölf Mönche, deren Vorsteher, Pater Filkuka, ein Mährer, war, vormals Pfarrer zu Großmeferich. Seine Freude, einen halben Landsmann zu finden, war nicht gering, und er bot sein Bestes auf, um uns freundlich zu bewirthen. Das Kloster ist geräumig, gleicht einer Festung, hat Mauern und verschiedene Höfe, und eine schöne Kirche, als deren Heiligthum die unter dem Hochaltare befindliche Grotte der unbefleckten Empfängniß betrachtet wird. Diese ist auf die Weise der Heiligthümer in Jerusalem und Bethlehem mit Seide und Marmor reich ausgeziert. Eine Granitsäule hängt ganz seltsam in der Decke der Grotte, und war lange, und ist noch der Gegenstand der Verehrung der Wundergläubigen. Hinter dieser Grotte werden andere, als Wohnort der heil. Jungfrau, gezeigt, wobei man die Plätze angibt wo sie ruhte, kochte u. s. w. Auch besuchen die Pilger mit Andacht die Werkstätte Josephs, nun eine katholische Kapelle; das Haus des Heilandes, worin durch einen Felsblock ein natürlicher länglich-runder Tisch gebildet ist, an dem er oft mit seinen Zwölfen gesessen haben soll; die Synagoge, wo er zu lesen und zu lehren pflegte, nun eine griechische Kirche; endlich den Abhang, eine Viertelstunde vor der Stadt, wo ihn die Nazarener herabstürzen wollten (Luk. VI.). Alle diese heiligen Stellen finden wir in den Schriftstellern vom sechsten Jahrhundert bis zu unseren Tagen häufig geschildert. Die älteren sprechen aber auch von schönen Kirchen, welche die Kaiserin Helena dort errichtet hatte. Diese sind in Trümmern, und durch kleinere ersetzt.