Nazareth hat dermalen an 5000 Einwohner, darunter 1200 Christen; gute und bequeme Gebäude längs dem östlichen Abhange hinaufgebaut; vor sich, im Osten, einige Gärten und Felder; im Süden das Thal, das in die Ebene von Esdrelon ausläuft. Es behauptet sich in einer Art von Unabhängigkeit vom Pascha von Akka, zu dessen Gebiet es gehört. Die Christen haben auch da das Recht, Waffen zu tragen. Die arabischen Häuptlinge der Umgegend wohnen gerne darin, und betrachten es als einen Ort der Begegnung und Besprechung unter sich. Catafago und die Seinigen besitzen schöne Landhäuser daselbst. Gastfreund der Häuptlinge aus dem Gebirge von Napluß, flüchtete er hieher seine Familie, da diese von dem genannten Pascha im Sommer 1828 bedroht und aus Akka vertrieben worden war. Die Häuptlinge selbst trugen ihm Geld und Leute an, und unter ihrem Schutze war er sicher gegen die Gewalt des Statthalters.
Von Nazareth nach dem Jordan ist nicht über fünf Stunden Weges. Gleich außer dem Städtchen findet man den schönen Brunnen, der nach der heil. Jungfrau benannt wird. Man reitet längs den östlichen Höhen fort, auf diesen das Dörfchen Eyn-Mechel zur Linken, in der Ebene zur Rechten aber den Ort Dabura lassend, den Einige für das Städtchen Debora des Buches der Richter nehmen. Diese Annahme ist irrig, denn in diesem Buche heißt es: »Und sie wohnete unter den Palmen Debora zwischen Rama und Bethel, auf dem Gebirge Ephraim« (IV. 6.) Dabura scheint vielmehr das Dabrath des Josua (XIX. 12. XXI. 28.), welches Eusebius als Dabira kennt.
Hart an Dabura, das zwei Stunden von Nazareth entlegen ist, steigt der Thabor frei aus der Ebene, wie ein breiter Kegel empor. Dieser berühmte Berg, eine der Denksäulen im Gebiete der Religionen, ist eigentlich eine Fortsetzung der Höhen von Nazareth. Er fällt nach allen Seiten gleich steil ab. Eichen, wilde Pistazienbäume und dichtes Gesträuch decken dessen Rücken. Man braucht eine starke Stunde, um den Gipfel zu erreichen, weßhalb auch Jeremias in seiner Prophezeiung gegen Ägypten von dem »Schlächter aus Mitternacht,« der es besiegen wird, sagt: »Er wird daher ziehen, so hoch, wie der Berg Thabor unter den Bergen, und wie der Karmel am Meer!« (XLVI. 18.) Der Gipfel hat etwa eine halbe Stunde Umfang, ist geebnet und von Resten einer Umwallung, durch die an der Westseite ein Bogenthor (Bab-el Hauwa, die Windpforte) führt, umschlossen. Grundfesten und Cisternen deuten auf uralte Benützung dieser unvergleichbaren Stelle, von wo das Auge alles Land zwischen dem Karmel am Meere, den Schneegipfeln des Libanon und Antilibanon, den Gebirgen von Damaskus, des Landes Hauran und des steinigen Arabiens umfaßt. Schon zu den Zeiten der Einwanderung der Israeliten wird einer Stadt Thabor gedacht, die an die Priesterkaste gegeben wurde (Chron. VII. 77). »Wie waren die Männer,« fragte Gideon, die gefangenen Midianiter-Fürsten Sebah und Zalmuna, »die ihr erwürgtet zu Thabor?« — diese antworteten: »Sie waren wie du, und ein jeglicher schön, wie eines Königes Kind.« Er aber sprach: »Es sind meine Brüder, meiner Mutter Söhne gewesen. So wahr der Herr lebt, wo ihr sie hättet leben lassen, so wollte ich euch nicht tödten.« Und er tödtete sie. (Richt. VIII.) — Polyb (lib. V.) kennet Thabor unter dem Namens Atabyrium, worin der ursprüngliche Laut nicht verkennbar ist, und dem selbst derjenige des heutigen Dabura nahe liegt. Man könnte also auch Dabura und Atabyrium für einen und denselben Ort halten; aber Polyb sagt ausdrücklich, daß die genannte Stadt auf der Spitze eines fünfzehn Stadien hohen Berges lag, was wohl auf Thabor, nicht aber auf das in der Ebene liegende Dabura sich anwenden läßt. Josephus nennt den Berg selbst ορος Ιταβΰριον (Ant. V. 23.) und die oben liegende und ummauerte Stadt auch Αταβΰριον. — Adamnanus, ein Schriftsteller des siebenten Jahrhunderts (lib. II. de loc. sanct.) spricht von einem geräumigen Kloster auf dem Gipfel des Thabor und von Grotten, welche die Mönche daselbst bewohnten. In einer dieser Grotten wird noch von den Katholiken Gottesdienst gehalten, und zwar am Peterstage; nicht ferne davon auch von den Griechen, aber am Tage von Maria Geburt; beide betrachten die Stelle als diejenige der Verklärung.
Das mittelländische, oder wie die Israeliten es nannten, das große Meer und der See von Tiberias breiten dem Auge des auf dem Gipfel des Thabor Stehenden ihren glänzenden Spiegel hin. Die Berge von Samaria, diejenigen von Gilboa liegen nahe vor dem Blicke; am nächsten der Hermon, an Gestalt und Höhe dem Thabor gleich, aber auf breiterer Grundlage ruhend und mit einer weit sichtbaren Moschee gekrönt. »Mitternacht und Mittag hast du geschaffen; Thabor und Hermon jauchzen in deinem Namens« (Psalm. 89). — Am Fuße des letztern zeigt sich Naim, wo Christus den Sohn der Wittwe erweckte (Luk. VII. 11.), und Endor, so bekannt durch das Weib, das dem Könige Saul, am Vorabende seiner letzten Schlacht gegen die Philistäer, den Schatten Samuels herauf rief, der ihm die furchtbaren Worte sagte: »Morgen wirst du mit deinen Söhnen bei mir seyn!« (Sam. XXVIII.) — Auch die beiden Dörfchen erblickt man, wo in unseren Tagen die Franzosen die Schlacht am Thabor schlugen. Weit ausgebreitet aber liegt in ihrer ganzen Länge die Ebene von Esdrelon vor dem Blicke, wahrlich vom Himmel zum Schlachtfeld gebildet! — Vor meinem Geiste stiegen die alten Bilder empor, die neunhundert eisernen Wagen des Sissera, sein Kampf, seine Niederlage gegen die Männer der Stämme Naphtali und Sebulon, von dem begeisterten Weibe Debora geführt!
»Sebulons Volk wagte seine Seele in den Tod! Naphtali auch, in der Höhe des Feldes.«
»Die Könige kamen und stritten« ...
»Der Bach Kischon wälzte sie, der Bach Kedumim. Tritt, meine Seele, auf die Starken!«
»Da rasselten der Pferde Füße vor dem Zagen ihrer mächtigen Reiter ...«
»Gesegnet sey unter den Weibern Jael, das Weib Hebers des Keniters; gesegnet sey sie in der Hütte unter den Weibern!«