»Zu ihren Füßen krümmte sich Sissera, fiel nieder und legte sich, und krümmte sich, und fiel wieder zu ihren Füßen; und wie er sich krümmte, so lag er verderbet.«

»Die Mutter Sisseras sah zum Fenster hinaus, und heulete durchs Gitter: Warum verziehet sein Wagen, daß er nicht kommt? — Wie bleiben die Räder seiner Wagen so dahinten?...«

»Also müssen umkommen, Herr, alle deine Feinde! die dich aber lieb haben, müssen seyn, wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht!« (Richt. V.)

Eine starke Stunde nordöstlich vom Thabor, am Fuße der Höhen von Nazareth, stehen zwei verlassene viereckige Kastelle. Die Stelle heißt Suchel-khan, oder auch der Khan von Dschäbel Tor. Wir fanden ein großes Treiben von Menschen dort, weil eben Montag war, und an diesem Tage dort Markt zwischen den Bewohnern von Nazareth und Tiberias und den Beduinen zu seyn pflegt. Diese bringen Pferde, Rinder, Schafe; jene Kleiderstoffe, Werkzeuge, Eßwaaren und Stuten, um sie bespringen zu lassen. Reihen gelegter Steine bezeichnen die den verschiedenen Waaren zugewiesenen Plätze, und Kauf und Verkauf gehen in voller Ruhe und Sicherheit vor sich. Ich trieb mich, ohne im mindesten belästiget zu werden, unter diesem Volke herum. Die Beduinen waren aus den Stämmen Anasi (aus der Wüste), Beni-Sohor (am Jordan), Szefech (am Thabor) und aus turkomannischen Horden. Diese Beduinen sind durchaus Hirten, und gehören nicht in die Klasse jener rein-arabischen Wanderhorden, die man in der Syrte, in Ägypten, in Nubien und im eigentlichen Arabien findet.

Die beiden Kastelle scheinen byzantischer Anlage und sarazenischen Zubaues. Sie liegen in Trümmern. — Von der Höhe des oberen hat man einen Ausblick in die Ebene des Jordan, wo sich der Ort Kokeb, 38° südöstlich, wie ein Vorgebirge krönend zeigt. Da wir uns östlich hielten, so hatten wir noch sanfte Höhen zu überschreiten, aus denen die Dörfchen Kuffre-Käne und Sahruni (1 Stunde) liegen. Das erste wird für das Städtchen Kana gehalten, wo Christus das Wasser in Wein verwandelte. Nachdem man eine von allen Seiten umschlossene Ebene, an deren Nordseite der Mons Christi oder Mons beatudinis (im Arabischen Kerun-Hottein), wo die Fünftausend gespeiset wurden, sich hebt, durchritten, und den Rücken der nächsten Hügelscheide erreicht hat, liegt zur Linken der See von Tiberias, ein riesiger Spiegel, der die Schneegipfel des Antilibanon und die finsteren Gebirgswände von Bethulia widerstrahlt, herrlich vor den Blicken; vor sich und zur Rechten aber zeigt sich, farblos und tief eingesenkt, die breite Flur des Jordan, dessen schimmernder Streif von dort, wo er aus dem See tritt, bis weit hinab gegen Süden wie das belebte Auge eines erstarrten Körpers dem Schauenden entgegenblitzt. Etwa tausend Schritte unter dem Ausflusse stehen eilf Steinbogen im Flusse, Trümmer einer Brücke. Dort erreichten wir, nach zwei Stunden Weges von Saruhni, den heiligen Fluß, in welchem noch heut zu Tage Christen, Muselmänner und Juden mit gleicher Andacht sich baden.

Es herrscht ein wunderbarer Geist der Stille und Verlassenheit in diesen Gefilden. Obwohl am Ufer und in der Ebene lange Strecken mit Tabak, Dura und Getreide bepflanzt sind; obwohl am südlichen Gestade des See's das Dörfchen Schannag sich zeigt, so ist es doch, als wohne kein menschliches Wesen auf dieser berühmten Flur. Sie ist eine abgeräumte Bühne; ihre Könige und Helden, ihre Entzückungen und Gräuel, ihre Jubelgesänge und ihre Thränen sind nicht mehr; Schweigen sitzt wie eine Mutter über der Vergangenheit und hüllet die Wundmale ihres Kindes ein.

Das Thal des Jordans trägt im Arabischen den Namen El-Ghor. Es wird an der Ostseite von steilen, nackten, wenig gezeichneten Gebirgen begleitet. Der Jordan, in vielen Windungen, hält sich meist an der Westseite. Hadrian Relandus (Palaestina Illustrata I. 4) gibt demselben 1200 Stadien Länge, was wenigstens um die Hälfte zu viel ist. Im Norden bildet der See von Tiberias, den die Bücher Moses das Meer von Kinnereth nennen, im Süden das todte Meer dessen Gränzen. Jericho in der südlichen Hälfte, und Scythopolis, die Betschean oder Betsan der Schrift, in der nördlichen, waren die vorzüglichsten Städte derselben. Ich halte die letztere für die heutige Kokeb.

Das Wasser des See's Tiberias ist klar. Keine einzige Barke belebte den weiten Spiegel, in den hoch herab, in Nordnordost, der Dschäbel El-Hesch, die Südspitze des Antilibanon, niedersah. Die Breite von El-Ghor mag da zwei Stunden betragen.

Auf dem zweiten Pfeiler der Ruinen der Brücke, bis zu dem ich das Wasser des Jordan durchwatet hatte, sitzend und das Reisemahl verzehrend, wurde mir ein malerisches Schauspiel zu Theil. Es zogen nämlich, aus dem Hauran zurückkehrend, Karawanen von mehreren hundert Kameelen durch die Ebene einher und über den Jordan nach Tiberias hinauf. Fünf bis sechshundert Reiter und Fußgänger begleiteten dieselben als Bedeckung. Es war die Sendung, die der Pascha von Akka jährlich auf die Pilgerstraße machen muß, die von Damaskus durch das Hauran nach Bosra und weiter über Wadi-Musa nach Mekka zieht. Ein beträchtlicher Theil der Truppenkraft des Pascha ist zum sicheren Geleite der Lebensmittel verwendet, welche zu Mezarib (Astaroth) niedergelegt zu werden pflegen. Die Dehlis sahen mich und die Meinigen nicht ohne Verwunderung auf dem Pfeiler im Jordan thronen; keiner aus ihnen gab uns aber auch nur ein böses Wörtchen. Sie gingen durch die Furt nahe unter der Brücke, wo der Fluß an achtzig Schritte Breite hatte, und in seiner größten Tiefe dem Fußgeher bis an die Brust reichte.