„Wie oft ist dir gesagt worden, daß du sofort melden sollst!“
„Ich mußte Euch doch vorerst den Kaffee nehmen lassen,“ antwortete Matwey mit jenem freundlich dreisten Tone, über den man nicht in Zorn geraten kann.
„Nur dann bitte sie möglichst schnell,“ sagte Oblonskiy, mit verdrießlich gerunzeltem Gesicht.
Die Bittstellerin, die Frau eines Stabskapitäns Kalinin, bat um etwas Unmögliches und Sinnloses, aber Stefan Arkadjewitsch ließ sie, seiner Gepflogenheit nach Platz nehmen und hörte sie aufmerksam und ohne ein Wort der Unterbrechung an; hierauf gab er ihr ausführlich Rat, an wen sie sich wenden sollte und in welcher Weise dies zu thun sei, und entwarf ihr sogar selbst schnell und gewandt in seiner zierlichen, schwungvollen, schönen und sorgfältigen Handschrift ein Schreiben an die Persönlichkeit, welche ihr nützlich werden konnte. Nachdem er die Frau des Stabskapitäns entlassen hatte, ergriff er seinen Hut, blieb aber noch eine Weile stehen, nachdenkend, ob er nicht etwas vergessen hätte. Es stellte sich heraus, daß er nichts vergessen, es wäre denn, daß er — seine Frau vergessen wollte. —
„Ach ja!“ Er ließ den Kopf hängen, und sein rotes Gesicht nahm einen sorgenvollen Ausdruck an. „Soll ich zu ihr gehen, oder nicht?“ frug er sich selbst. Eine innere Stimme sagte ihm, es sei nicht nötig zu gehen, da es dort für ihn nichts gebe als Lüge, und daß ihre beiderseitigen Beziehungen unmöglich wieder zu bessern und herzustellen sein würden, da es nicht anging, sie wieder anziehend und liebeerweckend zu machen, oder ihn zum bejahrten, nicht mehr der Liebe fähigen Greise zu verwandeln. Außer Falsch und Lüge konnte es jetzt nichts mehr geben, dieses beides aber war seiner Natur zuwider.
„Aber einmal muß es doch werden — so kann es doch nicht bleiben,“ sprach er, sich zu ermannen versuchend. Er reckte die Brust heraus, nahm eine Cigarette, steckte sie an und that einige Züge, warf sie hierauf in einen Aschenbecher aus Perlmutter und begab sich mit schnellen Schritten durch den Salon, worauf er eine andere Thür zu dem Schlafzimmer seiner Gattin öffnete.
4.
Darja Alexandrowna, im Korsett, die bereits spärlich werdenden Zöpfe des früher einmal üppig und schön gewesenen Haars im Nacken aufgesteckt, mit eingefallenem, hageren Gesicht und großen, aus den magern Zügen hervorstehenden, erschreckt aussehenden Augen, stand inmitten einer Menge im Raume umherliegender Sachen vor einer geöffneten Chiffonniere, aus welcher sie soeben etwas herausnahm.
Als sie den Schritt ihres Mannes vernahm, blieb sie stehen, den Blick auf die Thür gerichtet und angestrengt versuchend, ihrem Gesicht einen strengen und verachtungsvollen Ausdruck zu geben. Sie fühlte, daß sie ihn fürchtete und das bevorstehende Wiedersehen. Soeben hatte sie wieder versucht, was sie schon zehnmal versucht hatte innerhalb der letzten drei Tage; ihre und ihrer Kinder Sachen einzupacken um sie zu ihrer Mutter zu bringen — und wiederum hatte sie sich noch nicht dazu entschließen können. Aber auch jetzt, wie schon früher, hatte sie sich wiederholt, daß es so nicht fortgehen könne, daß sie handeln müsse, strafen, ihn beschämen und wenigstens einen kleinen Teil des Schmerzes an ihm ahnden, den er ihr bereitet. Sie sprach nur immer davon, daß sie ihn verlassen werde, aber sie fühlte, es sei unmöglich; es war in der That unmöglich, deshalb, weil sie sich nicht entwöhnen konnte, ihn als ihren Gatten anzusehen und als solchen zu lieben. Ferner erkannte sie auch, daß wenn sie hier, in ihrem eigenen Hause, kaum imstande war, ihre fünf Kinder zu beaufsichtigen, dies noch viel schwieriger dort werden würde, wohin sie mit ihnen allen wollte. Hierzu kam, daß seit drei Tagen das Kleinste erkrankt war, weil man ihm verdorbene Bouillon gegeben, und daß die anderen Kinder gestern fast nichts zu essen erhalten hatten. Sie fühlte es, daß das Haus zu verlassen unmöglich war, aber im Selbstbetrug packte sie gleichwohl die Sachen und stellte sich, als werde sie fahren.
Als sie ihren Gatten gewahrte, steckte sie die Hände in den Kasten ihrer Chiffonniere, als suchte sie etwas darin, und blickte erst zu ihm auf, als er ganz dicht an sie herangetreten war. Ihr Gesicht, dem sie einen strengen und entschlossenen Ausdruck geben wollte, drückte Verwirrung und Leiden aus.