Wenn sie ihres Sohnes dachte und seiner künftigen Beziehungen zu der Mutter, die seinen Vater verließ, wurde es ihr so entsetzlich zu Mute, über das, was sie gethan, daß sie nicht mehr überlegte, sondern, als echtes Weib, sich bemühte, nur noch Beruhigung zu erlangen, mit Trugschlüssen und Worten, in dem Wunsche, es möchte alles beim alten geblieben sein und die furchtbare Frage in Vergessenheit kommen, was mit dem Sohne werden solle.
„Ich bitte, ich beschwöre dich,“ sagte sie mit plötzlich völlig verändertem, aufrichtigen und zärtlichem Tone, ihn bei der Hand nehmend, „sprich nie mit mir hierüber!“
„Aber, Anna“ —
„Nie! — Überlaß mir alles. All die Niedrigkeit, all das Entsetzliche meiner Lage kenne ich, aber es ist bei alledem doch die Entscheidung nicht so leicht, als du meinst. Überlaß alles mir und gehorche mir; sprich auch nicht mehr hierüber mit mir. Willst du mir das versprechen? Nein, nein, versprich“ —
„Ich verspreche alles, kann aber nicht ruhig sein namentlich angesichts dessen, was du da gesagt hast. Ich kann nicht ruhig sein, wenn du nicht Ruhe finden kannst.“
„Ich?“ fuhr sie fort. „Ja, bisweilen empfinde ich ja Schmerz, aber dies geht schon vorüber, wenn du niemals mit mir davon sprechen willst. Thust du es dennoch, dann erst werde ich Qualen empfinden.“
„Ich verstehe dich nicht,“ sagte er.
„Ich weiß wohl,“ unterbrach sie ihn, „wie schwer es deiner ehrenhaften Natur fällt, zu lügen, und ich bemitleide dich. Gar oft denke ich daran, wie du für mich dein Leben untergraben hast.“
„Ganz ähnlich habe auch ich soeben gedacht,“ sagte er, „wie konntest du meinetwegen dich ganz und gar zum Opfer bringen? Ich kann es mir nicht vergeben, daß du so unglücklich geworden bist.“