„Nun, und das, wovon ich spreche, wäre nicht von Bedeutung?“ frug Sergey Iwanowitsch, seinerseits empfindlich geworden, weil sein Bruder das nicht bedeutungsvoll fand, was ihn beschäftigte, und namentlich, weil derselbe ihm offenbar fast gar nicht zugehört hatte.
„Mir erscheint es nicht wichtig; es beschäftigt mich nicht; was willst du eigentlich?“ antwortete Lewin, der jetzt erkannt hatte, daß das, was er erblickte, sein Verwalter war, und daß der Verwalter die Leute vom Pflügen abkommandierte, denn dieselben wendeten die Pflüge. „Sollten sie schon fertig sein mit Pflügen?“ dachte er.
„O, höre nur noch,“ sagte der ältere Bruder, sein hübsches, geistreiches Gesicht in Falten legend, „alles hat seine Grenzen. Es ist ja ganz löblich, ein Sonderling zu sein und ein aufrichtiger Mensch der kein Falsch liebt — ich weiß das alles recht wohl — aber das, was du da sagst, hat entweder keinen Sinn, oder einen sehr mißlichen. Wie kannst du es unwichtig finden, daß dasselbe Volk, welches du liebst, wie du versicherst“ —
— „Das habe ich niemals versichert“ — dachte Konstantin Lewin bei sich.
— „Hilflos abstirbt? Rohe Weiber lassen ihre Kinder verhungern, das Volk verstockt in Unwissenheit und steht unter der Machtbefugnis eines jeden Schreibers, und dabei ist dir das Mittel in die Hände gegeben, dem Abhilfe zu schaffen. Du aber hilfst nicht, weil dies nach deiner Ansicht nicht von Bedeutung ist!“ Mit diesen Worten stellte ihm Sergey Iwanowitsch die Alternative, „entweder du bist nicht so weit geistig entwickelt alles wahrzunehmen, was sich thun ließe, oder du willst in deiner Behäbigkeit, deiner Eigenliebe — ich weiß nicht weshalb — überhaupt nicht zugeben, daß dies geschehe.“
Konstantin Lewin empfand, daß er sich nur noch unterwerfen könne oder seinen Mangel an der Liebe zur socialen Frage eingestehen müsse. Dies aber kränkte und erbitterte ihn.
„So oder so,“ sagte er entschiedenen Tones, „ich sehe nicht ein, daß es möglich wäre“ —
„Wie? Es soll bei einer vernünftigen Anlage des Kapitals unmöglich sein, ärztliche Hilfe einzuführen?“ —
„Unmöglich, wie mir scheint. Auf die viertausend Werst unseres Kreises, mit seinen Schneewasserbächen, Schneestürmen, seiner Arbeitszeit sehe ich keine Möglichkeit, nach allen Seiten hin ärztliche Hilfe zu leisten. Ich glaube überhaupt nicht recht an die Medizin.“
„Ach erlaube, das ist ungerecht; ich kann dir hundert Beispiele aufzählen. — Wie denkst du denn über das Schulwesen?“ —