„Ja, jetzt verstehe ich alles,“ fuhr Darja Aleksandrowna fort, „Ihr freilich könnt es nicht begreifen; ihr Männer, die ihr frei seid und wählt, seid stets im klaren, wen ihr liebt. Aber das Mädchen in seiner Stellung als Erwartende, mit seinem weiblichen, mädchenhaften Schamgefühl, das Mädchen, welches euch, die Männerwelt nur aus der Ferne sieht, nimmt alles auf Treu und Glauben hin. Das Mädchen besitzt vielleicht sogar das Gefühl, daß sie nicht weiß was sie sagen soll.“

„Wenn das Herz nicht spricht, allerdings“ —

„O, das Herz spricht wohl, aber bedenkt doch: Ihr Männer habt das Anschauen der Mädchen, ihr kommt in deren Familien, ihr nähert euch ihnen, durchschaut sie, und prüft sie, ob ihr in ihnen das findet, was ihr liebt und dann, nachdem ihr euch überzeugt habt, daß ihr liebt, macht ihr eine Erklärung“ —

„Nun; ganz so ist es denn doch nicht.“

„Gleichviel; ihr kommt mit eurem Antrag, sobald eure Liebe reif geworden ist, oder wenn sich zwischen zwei Auserwählten ein Übergewicht eingestellt hat. Das Mädchen aber frägt man nicht. Man verlangt, daß es selbst wähle, aber es kann gar nicht wählen, sondern nur antworten, — ja oder nein.“

„So war es mit der Wahl zwischen mir und Wronskiy,“ dachte Lewin und jener totgeglaubte Gedanke in ihm, der wieder aufgelebt war, erstarb von neuem und preßte ihm nur noch qualvoll das Herz.

„Darja Aleksandrowna,“ begann er, „so wählt man wohl ein Kleid, oder ich weiß nicht was sonst für ein Kaufstück, aber nicht unsere Liebe. Ist hier die Wahl einmal geschehen, so ist es um so besser, eine Wiederholung giebt es nicht.“

„O, Stolz über Stolz,“ sagte Darja Aleksandrowna, Lewin fast geringschätzend ob der Niedrigkeit seines Gefühls, im Vergleich mit demjenigen wie es nur die Frauen kennen. „Zur nämlichen Zeit, als Ihr Kity Eure Erklärung machtet, befand sie sich in jener Lage, in welcher sie keine Antwort erteilen konnte. Sie befand sich im Zustande der Unentschiedenheit, sollte sie sich für Euch oder für Wronskiy entscheiden. Ihn hatte sie täglich gesehen, Euch lange Zeit nicht. Gesetzt nun, sie wäre älter gewesen, hätte für mich an ihrer Stelle zum Beispiel kein Zweifel obwalten können. Jener Wronskiy ist mir stets zuwider gewesen, und demgemäß ist es auch gekommen.“

Lewin vergegenwärtigte sich die Antwort Kitys. Sie hatte gesagt: „nein, es kann nicht sein.“

„Darja Aleksandrowna,“ begann er trockenen Tones, „ich schätze Euer Vertrauen zu mir, aber ich glaube, Ihr irrt. Mag ich indessen recht oder unrecht haben, dieser Stolz, den Ihr so an mir verachtet, bringt es mit sich, daß in mir jeder Gedanke an Katharina Aleksandrowna unmöglich geworden ist, Ihr versteht gewiß, vollständig unmöglich.“