„Grüßte er dich?“

Sie zog das Gesicht in die Länge, schloß die Augen halb, schnell den Ausdruck ihrer Züge verändernd und die Hände ineinander legend. Wronskiy gewahrte auf ihrem schönen Antlitz plötzlich den nämlichen Ausdruck, mit welchem ihn Aleksey Aleksandrowitsch gegrüßt hatte.

Er lächelte, sie aber lachte heiter auf mit jenem lieben, herzlichen Lachen, welches einen ihrer Hauptreize ausmachte.

„Ich begreife ihn entschieden nicht,“ antwortete Wronskiy. „Wenn er noch nach deiner Erklärung auf der Villa mit dir gebrochen und mich zum Duell gefordert hätte — aber dies verstehe ich nicht. Wie vermag er eine solche Lage zu ertragen? Er leidet ja; das ist offenbar.“

„Er?“ sagte sie lächelnd, „er ist vollkommen zufrieden.“

„Weshalb aber martern wir uns dann alle, wenn alles ganz gut werden könnte?“

„Nur er martert sich nicht. Soll ich sie etwa nicht kennen, diese große Lüge, in welcher er großgezogen ist? Ist es möglich, — wenn man nur ein wenig fühlt, — so zu leben, wie er mit mir lebt? Er versteht nicht und fühlt nicht. Kann denn ein Mensch, welcher nur einigermaßen fühlt, mit seiner verbrecherischen Frau in einem Hause leben? Kann er mit einer solchen sprechen? Sie mit ‚du‘ anreden?“ Unwillkürlich stellte sie sich sein, „du, ma chère, Anna,“ vor. „Er ist kein Mann und kein Mensch, er ist eine Puppe! Niemand weiß das, als ich. O, wäre ich an seiner Stelle, ich hätte längst gemordet, ich hätte in Stücke zerrissen dieses Weib, das so handeln konnte, wie ich, — aber ich hätte nicht gesagt ‚ma chère, Anna!‘ Das ist kein Mensch, sondern eine Maschine des Ministeriums. Er begreift nicht, daß ich dein Weib bin, daß er mir ein Fremder ist, ein Überflüssiger. Aber wir wollen nie mehr miteinander davon sprechen!“ —

„Du bist im Unrecht, ganz im Unrecht, meine Liebe,“ sagte Wronskiy, sich bemühend, sie ruhiger zu stimmen. „Aber immerhin sprechen wir nicht mehr von ihm. Erzähle mir lieber, was du bisher gethan hast? Wie geht es dir selbst? Wie steht es mit deiner Gesundheit und was hat der Arzt gesagt?“

Sie blickte ihn spöttisch und voll Freude zugleich an. Offenbar hatte sie lächerliche oder ungeheuerliche Seiten in diesem Manne da vor ihr entdeckt, und wartete nun nur auf den Augenblick, da sie dies mitteilen konnte.

Er aber fuhr fort: „Ich vermute, es ist kein eigentliches Leiden, sondern nur deine Situation, welche dich krank macht. Wann wird dann die Krisis eintreten?“