„Ich mußte ihn sprechen, um“ —
Sie hielt inne, da sie keinen Vorwand fand.
„Ich werde mich nicht auf Einzelheiten darüber einlassen, wozu ein verheiratetes Weib ihren Liebhaber bei sich sehen muß.“
„Ich wollte, ich war nur“ — sagte sie, in aufsteigender Gereiztheit. Diese Rohheit erzürnte sie und gab ihr Mut, „solltet Ihr nicht fühlen, wie leicht es Euch fallen muß, mich zu beleidigen?“ sagte sie.
„Beleidigen kann man nur einen Mann von Ehre oder ein ehrenhaftes Weib, aber einem Diebe sagen, daß er ein Dieb sei, ist nur die constatation d'un fait!“
„Diesen neuen Zug von Härte hatte ich noch nicht in Euch gekannt.“
„Ihr nennt es Härte, wenn ein Mann seinem Weibe die Freiheit giebt, ihr den Schutz ihres ehrlichen Namens nur unter der Bedingung lassend, daß sie den Anstand beobachtet? Das nennt Ihr Härte?“
„Das ist schmählicher als Härte: das ist Niedrigkeit, wenn Ihr es denn wissen wollt!“ rief Anna in einem Ausbruch der Wut und wollte aufstehend das Zimmer verlassen.
„Nein!“ rief er mit seiner dünnen Stimme, welche jetzt noch eine Note höher klang, als gewöhnlich; er ergriff sie mit seinen langen Fingern am Arm, so hart, daß rote Spuren von ihrem Armband darauf blieben, welches er mit gepreßt hatte, und setzte sie gewaltsam wieder auf den Stuhl. „Eine Niedrigkeit? Wenn Ihr das Wort einmal brauchen wollt, so ist es Niedrigkeit, daß man einen Gatten verläßt und einen Sohn, für einen Liebhaber, und dabei das Brot des Gatten ißt!“
Sie senkte den Kopf. Sie sagte nicht nur nicht, was sie gestern dem Geliebten gesagt hatte, nämlich daß jener ihr Gatte, dieser hier aber ein Überflüssiger sei — sie dachte gar nicht daran, denn sie empfand die ganze Wahrheit seiner Worte, und so antwortete sie nur leise: