„Ja, aber der Mann kann doch nicht ein Kind nähren,“ bemerkte Peszoff, „sondern nur das Weib“ —
„O nein; ein Engländer hat einmal auf dem Schiffe sein Kind gesäugt,“ sagte der alte Fürst, welcher sich diese Ungezwungenheit in der Unterhaltung vor seinen Töchtern gestattete.
„So viele solcher Engländer es geben mag, so viele Beamte wird es wohl auch nur unter den Weibern geben,“ antwortete Sergey Iwanowitsch.
„Ja. Aber was soll ein Mädchen thun, welches nicht Familie hat,“ frug jetzt Stefan Arkadjewitsch, der an die Tschibisowa dachte, welche er die ganze Zeit über dabei im Auge gehabt hatte, und mit Peszoff übereinstimmte, so daß er diesem beistand.
„Wenn Ihr die Geschichte eines solchen Mädchens näher prüft, so werdet Ihr finden, daß dasselbe entweder seine Familie oder eine Schwester verließ, wo sie einen weiblichen Beruf hätte haben können!“ mischte sich hier plötzlich Darja Alexandrowna voll Erbitterung ins Gespräch; wahrscheinlich hatte sie erraten, welches Mädchen Stefan Arkadjewitsch im Sinn gehabt hatte.
„Aber wir treten doch für Grundsätze, für Ideale ein,“ rief mit tönendem Baß Peszoff, „das Weib hingegen will nur ein Recht auf Unabhängigkeit, das Recht auf Bildung haben, und es fühlt sich beengt, bedrückt durch das Bewußtsein der Unmöglichkeit einer Erfüllung dieses Wunsches.“
„Ich bin nur davon beengt und bedrückt, daß man mich nicht in die Kinderbewahranstalt als Amme aufnimmt,“ sagte der alte Fürst noch, zum großen Ergötzen Turowzins, der lachend einen Spargel mit dem dicken Ende in die Sauce fallen ließ.
11.
Jedermann hatte an der allgemeinen Unterhaltung teil genommen, mit Ausnahme von Kity und Lewin. Als man anfangs von dem Einfluß sprach, den ein Volk auf das andere habe, kam Lewin unwillkürlich das in den Kopf, was er über den Gegenstand zu sagen hatte; aber, diese Ideen, welche für ihn früher so wichtig gewesen waren, schimmerten jetzt nur noch wie Traumbilder in seinem Kopf und hatten auch nicht das geringste Interesse mehr für ihn. Es schien ihm sogar seltsam, weshalb die Leute hier sich so emsig mühten, über etwas zu reden, was niemand nützen konnte. Für Kity hätte doch ganz ebenso, wie es schien, das was man über die Rechte und die Bildung der Frauen sprach, von Interesse sein müssen; wie oft hatte sie darüber nachgesonnen, wenn sie ihrer Freundin Warenka im Ausland gedachte, und an deren drückende Abhängigkeit; wie oft hatte sie selbst daran gedacht, was mit ihr geschehen würde, wenn sie nicht heiratete und wie oft hatte sie hierüber mit der Schwester gestritten. Jetzt aber interessierte sie dies nicht im geringsten mehr. Sie hatte ihre eigene Unterhaltung mit Lewin, nicht eine eigentliche Unterhaltung, sondern eine gewisse geheime Korrespondenz, die beide mit jeder Minute mehr näherte und in ihnen die Empfindung eines süßen Erschreckens vor dem noch Unbekannten, in das sie eintraten, erzeugte.
Lewin erzählte zuerst auf die Frage Kitys, wie er sie im vergangenen Jahre hätte im Wagen sehen können, da er von der Heuernte gekommen und ihr auf der Landstraße begegnet sei.