Ungeachtet der von Heiterkeit übersprudelnden Stimmung, in welcher sich Stefan Arkadjewitsch befand, ging dieser doch natürlich sogleich zu jenem gefühlvollen, poetisch verzückten Ton über, der zu ihrer Gemütsverfassung paßte. Er frug sie nach ihrem Befinden und wie sie den Morgen verbracht habe.
„Sehr, sehr schlecht; es ist Tag und Nacht so und stets so gewesen, wird auch so bleiben,“ antwortete sie.
„Mir scheint, du giebst dich dem Trübsinn hin; das muß man abschütteln, man muß dem Leben ins Gesicht schauen. Ich weiß wohl, daß das schwer ist, allein“ —
„Ich habe gehört, daß die Frauen die Männer selbst wegen ihrer Laster lieben,“ begann Anna plötzlich, „aber ich hasse ihn wegen seiner Tugend. Ich vermag nicht mit ihm zu leben; verstehe mich, sein Anblick wirkt physisch auf mich und ich gerate außer mir. Ich kann nicht, ich kann nicht mit ihm leben! Was soll ich nun thun? Ich war unglücklich und dachte, ich könne nicht noch unglücklicher werden, aber diesen entsetzlichen Zustand, welchen ich jetzt durchlebe, habe ich mir nicht vorstellen können. Wirst du es glauben, daß ich ihn, wohl wissend, daß er ein guter, ausgezeichneter Mensch ist, und ich nicht den Fingernagel von ihm wert bin — dennoch hasse? Ich hasse ihn ob seines Edelmuts. Mir aber bleibt nichts übrig, als“ —
Sie wollte sagen „der Tod“, doch Stefan Arkadjewitsch ließ sie nicht ausreden.
„Du bist krank und aufgeregt,“ sagte er, „glaube mir, du übertreibst ungeheuer. Es ist durchaus nichts so Furchtbares bei der Sache.“
Stefan Arkadjewitsch lächelte. Niemand an Stefan Arkadjewitschs Stelle, würde sich, mit einer so verzweifelten Aufgabe betraut, ein Lächeln erlaubt haben — ein Lächeln wäre roh erschienen — aber in seinem Lächeln lag soviel Gutmütigkeit und fast weibliche Zärtlichkeit, daß dasselbe nicht verletzte, sondern weich stimmte und besänftigte. Seine halblaute, beruhigende Rede und sein Lächeln wirkte mildernd und stillend wie Mandelöl. Auch Anna empfand dies bald.
„Nein, Stefan,“ sagte sie, „ich bin verloren, verloren! Schlimmer noch als verloren. Ich bin noch nicht verloren, ich kann nicht sagen, daß alles zu Ende sei — im Gegenteil, ich fühle, daß es noch nicht vorbei ist. Ich bin einer gespannten Saite gleich, die springen muß. Aber noch ist es nicht vorbei — es wird entsetzlich enden.“
„Nicht doch; man kann die Saite behutsam nachlassen. Es giebt keine Situation aus der sich nicht ein Ausweg fände.“
„Ich habe gedacht und gedacht, aber nur einen gefunden“ —