„Ich wollte sie dir nicht zeigen, weil Stefan eine Leidenschaft hat, zu telegraphieren. Wozu telegraphieren, wenn nichts entschieden ist?“

„Über die Scheidung?“

„Ja. Doch er schreibt, er habe noch nichts erreichen können. Kürzlich versprach er einen endgültigen Bescheid. Da lies.“

Mit bebenden Händen ergriff Anna die Depesche und las noch einmal das, was Wronskiy gesagt hatte. Am Schluß war noch hinzugefügt „es ist wenig Hoffnung vorhanden, aber ich werde alles Mögliche und Unmögliche thun.“

„Ich habe gestern gesagt, daß es mir vollkommen gleichgültig ist, wann ich die Scheidung erhalte, ja, selbst, ob ich sie erhalte,“ sprach sie errötend. „Es lag aber doch keine Notwendigkeit vor, mir Etwas zu verheimlichen. So kann er auch vor mir seine Korrespondenz mit Frauen verheimlichen, und er verheimlicht sie auch,“ dachte sie dabei.

„Jaschwin wollte heute früh mit Woytoff herkommen,“ sagte Wronskiy, „es scheint, daß er Pjevzoff alles abgewonnen hat, ja, sogar noch mehr, als dieser bezahlen kann; einige sechzigtausend Rubel.“

„Nein,“ versetzte sie, erzürnt darüber, daß er mit diesem Wechsel des Themas so augenfällig zu verstehen gab, daß sie gereizt sei, „weshalb glaubst du, daß diese Nachricht mich so interessiert, daß man sie sogar zu verbergen hätte? Ich habe gesagt, daß ich nicht daran denken mag, und wünschte, du möchtest ebensowenig davon interessiert werden, wie ich.“

„Ich interessiere mich nur deshalb dafür, weil ich Klarheit liebe,“ sagte er.

„Klarheit liegt nicht in der Form, sondern in der Liebe,“ sagte sie, mehr und mehr in Erregung geratend, aber nicht durch seine Worte, sondern durch den Ton kalter Ruhe, mit welchem er sprach. „Weshalb wünschest du Klarheit?“

„Mein Gott! Wieder die Liebe!“ dachte er, finster werdend. „Du weißt doch, wozu? Für dich, und für die Kinder, welche kommen werden,“ sagte er.