Auf diese Kritik folgte ein tödliches Schweigen über das Buch, sowohl in der Presse, wie in der Konversation, und Sergey Iwanowitsch sah, daß sein seit sechs Jahren, mit soviel Liebe und Mühe erschaffenes Werk erfolglos vorübergegangen war.
Die Lage Sergey Iwanowitschs wurde noch schwieriger dadurch, daß er nach der Beendigung desselben keine Kabinettarbeit mehr hatte, wie sie vorher den größten Teil seiner Zeit in Anspruch genommen.
Sergey Iwanowitsch war klug, gebildet, gesund und thätig und wußte nun nicht, wie er seine Arbeitskraft anwenden sollte. Die Gespräche in den Hotels, bei den Zusammenkünften, Sobranjen und in Komitees, sowie überall da, wo man sprechen konnte, nahmen wohl einen Teil seiner Zeit in Anspruch, doch gestattete er sich, als langjähriger Bewohner der Stadt nicht, völlig im Reden aufzugehen, wie dies sein unerfahrener Bruder that, wenn er in Moskau war. Es blieb ihm daher noch viel freie Zeit und Geisteskraft.
Zu seinem Glück tauchte in dieser, infolge des Fehlschlagens seines Buches für ihn so schweren Zeit als Ablösung der Dissidentenfrage, des amerikanischen Bündnisses, der samarischen Hungersnot, der Weltausstellung und des Spiritismus, die slavische Frage auf, die vorher nur in der Gesellschaft geduldet worden war, und Sergey Iwanowitsch, der bereits früher zu denen gehört hatte, welche diese Frage anregten, widmete sich ihr nun ganz.
Im Kreis derer, zu welchen auch Sergey Iwanowitsch gehörte, sprach und schrieb man zu dieser Zeit von nichts anderem, als dem serbischen Kriege. Alles, was gewöhnlich der müßige Haufe thut, um die Zeit totzuschlagen, wurde jetzt zu Gunsten der Slaven gethan. Bälle, Konzerte, Essen, Speeches, die Damentoiletten, das Bier, die Gasthäuser — alles gab Zeugnis von der Sympathie für die Slaven.
Mit vielem von dem, was man bei dieser Gelegenheit sprach und schrieb, war Sergey Iwanowitsch in den Einzelheiten nicht einverstanden. Er sah, daß die slavische Frage eine jener Modefragen wurde, die stets, eine die andere ablösend, der Gesellschaft zum Gegenstand der Unterhaltung dienen.
Er sah auch, daß viele mit gewinnsüchtigen oder ehrgeizigen Absichten unter denen waren, die sich an diesem Werke beteiligten. Er erkannte ferner, daß die Zeitungen vieles Unnötige und Übertriebene abdruckten allein in der Absicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und andere zu übertönen. Er sah, daß bei dieser allgemeinen Erhebung der Gesellschaft alle, denen Etwas fehlgegangen war, oder die beleidigt worden waren, sich vor allen übrigen hervorthaten und am lautesten die Stimme erhoben: Oberkommandierende ohne Armee, Minister ohne Portefeuilles, Journalisten ohne Journale, Parteiführer ohne Anhänger. Er sah, daß viel Leichtsinn und Lächerlichkeit dabei war, sah und erkannte aber auch den unleugbaren, alles überwuchernden Enthusiasmus, der alle Klassen der Gesellschaft in Eins vereinigte, und welchem man die Sympathie nicht versagen konnte. Das Geschick der Glaubensgenossen und slavischen Mitbrüder rief das Mitgefühl für die Leidenden und den Unwillen gegen deren Bedrücker hervor. Der Heldenmut der Serben und Tschernagorzen, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit Worten, sondern mit der That.
Hierbei zeigte sich indessen eine andere, für Sergey Iwanowitsch erfreuliche Erscheinung — die Offenbarung der allgemeinen Meinung. — Die Gesellschaft äußerte ihren Wunsch in bestimmter Weise. Der Volksgeist erhielt einen Ausdruck, wie Sergey Iwanowitsch sagte, und je mehr sich derselbe mit dem Gegenstand befaßte, um so einleuchtender schien ihm, daß es sich hier um eine Sache handle, welcher die meiste Verbreitung zu Teil werden müsse, und die Epoche machen werde.
Er widmete sich nun ganz dem Dienst dieser erhabenen Sache und hatte dabei ganz vergessen, seines Buchs noch zu gedenken. Seine ganze Zeit war jetzt ausgefüllt, sodaß er nicht imstande war, alle an ihn gerichteten Korrespondenzen und Bitten zu genügen.
Nachdem er nun den ganzen Frühling und einen Teil des Sommers hindurch gearbeitet hatte, machte er sich erst im Juli bereit, auf das Land zu seinem Bruder zu gehen.