„Es bedeutet, nach meiner Meinung,“ sagte Lewin, der warm zu werden begann, „daß sich in einem Volke von achtzig Millionen immer nicht nur Hunderte, wie jetzt, sondern Tausende von Menschen finden werden, die ihre gesellschaftliche Stellung eingebüßt haben, von Müßiggängern, die stets bereit sind, zur Bande Pugatscheffs, nach Khiwa oder nach Serbien zu gehen.“
„Ich sage dir aber, daß es nicht Hunderte und keine Müßiggänger, sondern die besten Repräsentanten des Volkes sind,“ sagte Sergey Iwanowitsch mit einer Gereiztheit, als verteidige er seine eigene Würde. „Und die Opfer? Hier drückt doch das ganze Volk seinen Willen aus!“
„Das Wort ‚Volk‘ ist so unbestimmt,“ sagte Lewin. „Die Bezirksschreiber, Lehrer, und von den Bauern je der Tausendste wissen wohl, worum es sich handelt. Die Übrigen achtzig Millionen, drücken nicht nur, wie Michailoff, ihren Willen gar nicht aus, nein, sie haben nicht einmal auch nur den geringsten Begriff davon, worüber sie ihren Willen äußern sollten. Welches Recht haben wir nun da, von einem Volkswillen zu sprechen?“
16.
Sergey Iwanowitsch, in der Dialektik bewandert, leitete, ohne hierauf etwas einzuwenden, das Gespräch sogleich auf ein anderes Gebiet.
„Wenn du den Volksgeist auf arithmetischem Wege erkennen willst, dann ist dies natürlich sehr schwer zu erreichen. Eine Abstimmung ist bei uns nicht eingeführt, und kann auch nicht eingeführt werden, weil sie den Willen des Volkes nicht ausdrückt; doch dafür giebt es andere Wege. Das liegt in der Luft und wird im Herzen empfunden. Ich spreche nicht mehr von jenen tieferen Strömungen, welche im stehenden Meere des Volkes sich bewegen und für jeden nicht von Vorurteilen befangenen Menschen klar sind. Man schaut nur die Gesellschaft im engsten Sinne des Wortes an. Alle die verschiedenartigsten Teile in der Welt der Intelligenz die sich vorher feindlich gegenüberstanden, fließen hier in Eins zusammen. Jeder Unterschied hört auf, alle gesellschaftlichen Organe sagen ein und dasselbe, alle empfinden eine elementare Kraft, die sie ergriffen hat und nun in einer bestimmten Richtung trägt.“
„Die Zeitungen sagen allerdings ein und dasselbe,“ meinte der Fürst. „Es ist damit ganz ebenso, wie bei den Fröschen vor einem Gewitter. Von ihrem Geschrei hört man nichts weiter.“
„Frösche hin, Frösche her; ich gebe keine Zeitungen heraus und will sie auch nicht vertreten, sondern spreche nur von der Einmütigkeit im Denken in der Welt der Intelligenz,“ sagte Sergey Iwanowitsch, sich zu seinem Bruder wendend.
Lewin wollte antworten, doch der alte Fürst fiel ihm ins Wort.
„Über diese Einmütigkeit läßt sich auch noch etwas Anderes sagen,“ begann er, „da habe ich einen Schwiegersohn, Stefan Arkadjewitsch, Ihr kennt ihn ja. Er hat jetzt ein Amt als Mitglied einer Komiteekommission und noch etwas, ich weiß nicht mehr genau. Aber er hat da gar nichts zu thun — nicht so Dolly, es ist ja kein Geheimnis! — und bezieht doch achttausend Rubel Gehalt. Probiert nun und fragt ihn einmal, ob ihm dieses Amt etwas nützt; er wird Euch beweisen, daß es eines der notwendigsten ist. So rechtschaffen er auch sein mag, an einen Nutzen dieser achttausend Rubel wird er mich nicht glauben machen.“