„Mein Liebling,“ sprach sie.
Sie konnte nicht sagen, „lebewohl“, aber der Ausdruck ihres Gesichts sagte es, und er verstand.
„Mein süßer, lieber Kleiner!“ sagte sie zu ihm und nannte ihn mit einem Kosenamen, mit welchem sie ihn als er noch ganz klein gewesen, zu rufen pflegte, „wirst du mich auch nicht vergessen? Du“ — doch weiter vermochte sie nicht zu sprechen.
Soviel Worte sie sich auch später noch ausdachte, die sie ihm hätte sagen können — jetzt wußte und vermochte sie nichts zu sagen. — Sergey aber verstand alles, was sie ihm mitteilen wollte. Er verstand, daß sie unglücklich sei und ihn liebte. Er verstand sogar, was die Amme flüsternd gesprochen hatte. Hörte er doch die Worte: „Stets in der neunten Stunde“; und er begriff, daß damit sein Vater gemeint sei, und die Mutter mit dem Vater nicht zusammentreffen dürfe. Dies verstand er; Eins aber konnte er nicht begreifen: weshalb sich auf ihrem Antlitz Schrecken und Scham gezeigt hatte! Sie war nicht schuldig, und fürchtete ihn doch und empfand Scham über Etwas. Er wollte eine Frage stellen, die ihm diesen Zweifel hätte aufklären können, wagte es aber nicht zu thun. Er sah, daß sie litt, und empfand Mitleid mit ihr. Schweigend schmiegte er sich an sie und sprach flüsternd:
„Geh' noch nicht. Er kommt noch nicht gleich.“
Die Mutter schob ihn von sich, um zu erkennen, ob er auch so denke, wie er gesprochen hatte, und las aus dem erschreckten Ausdruck seines Gesichts, daß er nicht nur von dem Vater gesprochen habe, sondern sie sogar gleichsam frage, wie er wohl über seinen Vater denken solle.
„Sergey, mein Herzblatt,“ sagte sie, „liebe ihn, er ist besser und edler als ich, und ich trage eine Schuld vor ihm. Wenn du einmal groß bist, dann wirst du urteilen können.“
„Bessere Menschen als dich giebt es nicht!“ rief er voll Verzweiflung, durch Thränen hindurch, faßte sie an den Schultern, und begann sie aus allen Kräften an sich zu pressen mit vor Anstrengung bebenden Armen.
„Meine Seele, mein liebes Kind!“ sagte Anna, und begann, hingerissen, so nach Kinderart zu weinen, wie er selber weinte.
Da öffnete sich die Thür und Wasiliy Lukitsch trat ein.