Er verstand im Verkehr mit jedermann die Oberhand zu gewinnen. Obgleich er nie zu den höchsten Kreisen gehört hatte, verkehrte er stets mit Angehörigen dieser Kreise und zwar so, daß man ihn achtete. Er kannte das Maß von Selbstvertrauen und Stolz, das ihn in den Augen der Welt erhöhte, ohne andere zu kränken. Bisweilen originell, verfiel er doch nie ins Extrem, sondern benutzte die Originalität als Mittel, das ihm bisweilen Stand und Reichtum ersetzte. Nichts in der Welt brachte ihn zum Erstaunen, und so glänzend auch seine Lage sein mochte, es schien stets, als sei er für sie geboren. Er wußte stets die Lichtseite seines Lebens nach außen zu kehren und verstand die andere, kleinliche, mit Ärger und Verdruß erfüllte, jedem Sterblichen beschiedene so gut zu verbergen, daß man ihn unbedingt beneiden mußte. Er war Kenner in allem, was Bequemlichkeit und Genuß verschafft und wußte sich dessen zu bedienen.

Obgleich er niemals etwas gegen die Religion sagte und äußerlich stets fromm war, zweifle ich bis auf die Gegenwart, ob er überhaupt an etwas glaubte. Seine Grundsätze und Lebensanschauungen waren so dehnbar, daß diese Frage sehr schwer zu entscheiden ist. Mir scheint, daß er fromm nur für andere war.

Moralische Überzeugungen, unabhängig von religiösen Geboten hatte er schon gar nicht; sein Leben war so voll von allen möglichen Passionen, daß er weder Zeit hatte, noch es überhaupt für nötig hielt, darüber nachzudenken. In reiferem Alter aber bildete er sich feste Grundsätze und Anschauungen nicht auf Grund moralischer oder religiöser, sondern praktischer Überzeugung; das waren die Handlungsweise und diejenige Lebensform, die ihm Glück oder Zufriedenheit verschafften, die er für gut hielt und meinte, daß alle so handeln müßten. Er sprach hinreißend, und diese Gabe begünstigte, glaube ich, die Dehnbarkeit seiner Grundsätze; er war imstande, ein und denselben Vorfall als unschuldigen Scherz und als erbärmliche Gemeinheit zu schildern, stets mit derselben Überzeugung.

Als Vater war er gnädig, glänzte gern mit seinen Kindern und war auch zärtlich, aber nur in Gegenwart anderer; nicht etwa, weil er sich verstellte, sondern weil Zuschauer ihn anregten – er brauchte Publikum, um etwas Gutes zu tun.

Er besaß heftige Leidenschaften, namentlich für das Spiel und die Frauen, hatte in seinem Leben etwa zwei Millionen gewonnen und alles wieder verloren. Ob er häufig spielte oder nicht, ist mir unbekannt; ich weiß nur, daß er wegen einer Spielaffäre verbannt wurde, dabei aber den Ruf eines tüchtigen Spielers genoß und als Partner gesucht war. Wie er es fertig brachte, die Leute bis zur letzten Kopeke auszuplündern und dabei ihr Freund zu bleiben, ist mir ein Rätsel – er tat den Leuten, die er rupfte, damit gleichsam einen Gefallen.

Sein Steckenpferd waren glänzende Verbindungen, über die er wirklich verfügte; teils verdankte er sie der Verwandtschaft meiner Mutter, teils seinen Jugendkameraden, über die er sich im stillen ärgerte, weil sie zu hohen Würden gelangt waren, während er stets Gardeleutnant a. D. blieb. Aber diese Schwäche nahm niemand an ihm wahr, außer einem Beobachter wie ich, der ständig bei ihm lebte und ihn zu ergründen suchte.

Wie alle alten Militärs verstand er nicht, sich elegant zu kleiden; im modernen Rock und Frack sah er etwas herausgeputzt aus; dafür war seine Hauskleidung originell und hübsch. Übrigens stand ihm bei seiner großen kräftigen Statur, dem kahlen Kopf und den selbstbewußten Bewegungen fast alles. Zudem hatte er eine besondere Gabe und den unbewußten Wunsch, stets und überall Eindruck zu machen. Er war sehr empfindsam und sogar zu Tränen gerührt. Wenn er beim Vorlesen an eine leidenschaftliche Wendung kam, begann seine Stimme oft zu zittern, Tränen traten in seine Augen, und er ließ das Buch sinken. Selbst in minderwertigen Theatern konnte er keine Rührszenen sehen, ohne zu weinen. In solchen Fällen war er über sich selbst ärgerlich und suchte seine Empfindsamkeit zu verbergen und zu unterdrücken.

Er liebte Musik und sang, sich selbst begleitend, nach dem Gehör Romanzen seines Freundes A…, Zigeunerlieder und einige Opernmelodien. Gelehrte Musik war ihm unsympathisch, und er sagte offen, ohne auf die allgemeine Meinung Rücksicht zu nehmen, daß ihn Beethovensche Sonaten langweilten und einschläferten und daß er nichts Schöneres kannte als »Weck mich junges Mädchen nicht« wie die Semjonowa und »Nicht Eine«, wie es die Zigeunerin Tanjuscha sang.

Er war ein Mann des vorigen Alexandrinischen Jahrhunderts und besaß die undefinierbaren Eigenschaften, welche der Jugend jener Epoche eigentümlich waren, nämlich: einnehmendes Wesen, Courmacherei, Ritterlichkeit, Unternehmungsgeist, Selbstvertrauen und moralische Verderbtheit. Auf die Menschen unseres Jahrhunderts blickte er verächtlich herab. Vielleicht geschah das nicht aus Stolz, sondern aus heimlichem Ärger darüber, daß er in unserer Zeit nicht mehr denselben Einfluß ausüben und den Erfolg haben konnte, wie in der seinigen …