Jetzt war die Reihe an mir; mit einem Lächeln, das besagte: »Nun, mein Junge, jetzt kommst du,« wandte sich Großmutter an mich.

Wer jemals Schüchternheit empfunden hat, weiß, daß dieses Gefühl mit der Zeit zunimmt, während die Entschlossenheit umgekehrt nachläßt. Das heißt: Je länger die Schüchternheit dauert, um so unbezwinglicher wird sie und um so weniger Entschlossenheit bleibt übrig.

Die letzte Spur von Entschlossenheit verließ mich, als Karl Iwanowitsch und Wolodja ihre Gaben darbrachten; und jetzt, als ich fühlte, daß ich unbedingt hervortreten müsse, erreichte sie den Höhepunkt. Ich fühlte, wie mir das Blut vom Herzen unaufhaltsam zu Kopf schoß, wie mein Gesicht die Farbe wechselte und wie dicke Schweißtropfen auf Stirn und Nase traten. Die Ohren brannten, im ganzen Körper fühlte ich Zittern und kalten Schweiß; ich trat von einem Fuß auf den anderen, knüllte die verhängnisvolle Papierrolle in der schweißigen Hand zusammen und rührte mich nicht vom Fleck.

»Nun, Herr Poet, deklamieren Sie uns Ihre Verse vor,« sagte plötzlich Papa, der, ich weiß nicht wie, hinter mein Geheimnis gekommen war.

Da war nichts zu machen; mit zitternder Hand überreichte ich Großmutter das zerknüllte Papier, anstatt aber dabei meinen Glückwunsch zu sagen, stammelte ich unzusammenhängende Worte. Obgleich damit die Hauptsache getan war, konnte ich den Gedanken nicht fassen, daß sogleich in aller Gegenwart die Worte »wie meine Mutter« gelesen und meine Gemeinheit aller Welt offenbar würde.

Wie soll ich meine Qualen schildern, als Großmutter laut mein Gedicht vorzulesen begann, als sie es nicht entziffern konnte, in der Mitte steckenblieb und mit einem Lächeln, das mir spöttisch vorkam, Papa ansah, als sie die Worte nicht so betonte wie ich wollte, und schließlich, wegen ihrer schwachen Augen, Papa das Schriftstück gab und ihn bat, es ihr von Anfang an vorzulesen. Mir war, als täte sie das deswegen, weil sie keine Lust hatte, solch schlechte, schief geschriebene Verse zu lesen, die zeigten, wie schnell ich meine Matter vergessen hatte. Ich erwartete, daß man mir meine Verse um die Ohren schlagen und sagen würde »Nichtsnutziger Bengel, vergiß deine Mutter nicht, da hast du was!« Aber nichts dergleichen geschah; im Gegenteil, als alles vorgelesen war, sagte Großmutter: »Charmant! merci, mon cher Nicolas!« und küßte mich auf die Stirn.

Schachtel, Zeichnung und Gedicht wurden auf einen kleinen Tisch neben Großmutters Stuhl gelegt, neben die beiden Batisttücher und die Tabatiere mit Mamas Bild, von dem Großmutter sich niemals trennte.

»Die Fürstin Barbara Iljinitschna Kornakowa!« meldete einer der riesigen Diener, die hinten auf Großmutters Wagen fuhren.

Großmutter betrachtete nachdenklich das Bild auf der Schildpatdose und gab keine Antwort. Sie dachte in diesem Augenblick sicherlich an Mama, ihre Lieblingstochter und überlegte: Warum ist sie heute nicht bei mir? Was mag sie treiben?

»Wünschen Durchlaucht zu empfangen?« sagte der Diener.